Artikel
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Unter anderem sind Artikel von Hans Dieter Schreeb veröffentlicht worden von:
Mordmaschine Eichberg
im Jahr 2006 veröffentlichte das Wiesbadener Tagblatt eine zehnteilige Serie seines Autors Hans Dieter Schreeb über die Geschichte der ›Heil- und Pflegeanstalt Eichberg‹. Diese Psychiatrie in schönster Lage – hoch über Eltville und dem Rhein, in vorbildlicher Weise erbaut - ist heute unter dem Namen ›Vitos Rheingau‹ eine Einrichtung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. Im Kern geht sie auf eine 1815 im ehemaligen Kloster Eberbach eröffnete ›Irrenanstalt‹ mit schönsten Reformideen zurück. Um die Jahrhundertwende von 1900 wurde die Einrichtung von der Ärzteschaft als ›Zierde der deutschen Irrenhäuser‹ betrachtet. Im Dritten Reich wurden auf dem Eichberg dann – geschätzt – 2 500 Menschen ermordet, davon 600 Kinder. Da die Tagblatt-Serie in wissenschaftlichen Arbeiten immer wieder erwähnt wird, hier Auszüge daraus:
Die Zeit der Weimarer Republik war wie vom Fieber geschüttelt. Die Eliten hatten das Gefühl, innen- und außenpolitisch bedroht zu sein und dieses Gefühl steigerte sich bis zum Wahn.
Für die ›Wahnsinnigen‹ mit Stempel war es eine harte Epoche.
Während der gesamten Zwanziger Jahre wurden ideologische Debatten über ›Minderwertige‹ geführt. So bitter die Wahrheit auch ist: In diesen Jahren wurden die Grundlagen für das ›sozialrassistische Gedankengut‹ der Nazis gelegt und durchaus nicht nur von den Rechtesten der Rechten. Mit der Sterilisation behinderter Frauen und den Massenmorden an psychiatrischen Patienten, tarnend ›Euthanasie‹ genannt, vollzogen die SS-Ärzte nachher genau das, was damals diskutiert und verlangt wurde.
1920 erschien eine Broschüre mit dem Titel ›Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens‹, die der Frage nachging, ob ›lebensunwertes Leben‹ – worunter zunächst ›einwilligungsunfähige‹ Patienten verstanden wurden – von staatlicher Seite aus ›beendet‹ werden dürfe.
Die beiden Verfasser, der angesehene Juraprofessor Karl Binding und der nicht minder renommierte Psychiater Alfred Hoche, waren keine Nationalsozialisten und hatten auch keine rassistischen Motive. Ihnen ging es um die schwierige Frage nach der Legitimität von lebensverkürzenden Maßnahmen, um die betroffenen Menschen ›vom Leid zu erlösen‹.
Erstmals wurden jedoch in dieser Schrift gegenüber unproduktiven Menschen die menschenverachtenden Vokabeln benutzt, die nachher den Eichberger Anstaltsärzten wie selbstverständlich von den Lippen gingen: ›Viertelsmenschen‹, ›Ballastexistenzen‹, ›leere Menschenhülsen‹.
Am Wochenende
In allen Blättern der VRM-Gruppe erscheint Woche für Woche ein Wochenend-Journal, mithin in neun großen Tageszeitungen im Rhein-Main-Gebiet, von der Allgemeinen Zeitung Mainz über das Darmstädter Echo, den Wiesbadener Kurier bis zum Gießener Anzeiger. Mit insgesamt 28 Tageszeitungsausgaben werden täglich fast eine Million Menschen erreicht. In diesem Teil Am Wochenende arbeitet Hans Dieter Schreeb in unregelmäßigem Abstand mit. Bislang sind hier unter anderem Beiträge zu folgenden Themen gedruckt worden: Der Mann mit der schwarzen Stimme, ein Bill-Ramsey-Porträt Hugenotten – gehasst, geschätzt und gefürchtet Nichts mit nackten Füßen?
Mordfabriken
Die Deportation und Ermordung der Wiesbadener Juden vor siebzig Jahren Gedenk- und Studienfahrt zu den Vernichtungslagern im Osten Polens- Vor siebzig Jahren – im Mai und im Juni 1942 – wurde ein großer Teil der damals noch in der Stadt lebenden Wiesbadener Juden deportiert: nach Izbica, Majdanek, Sobibór. Nach Orten also, von denen sie noch nie im Leben gehört hatten und die für alle den Tod bedeuteten. Nicht einer von ihnen, kein Mann, keine Frau, kein Kind, kehrte zurück. Das ›Aktive Museum Spiegelgasse‹ hat nun eine achttägige Fahrt zu den Todeslagern an der polnischen Ostgrenze unternommen, eine Studien- und Gedenkfahrt; in jedem Fall eine Fahrt, die aufwühlte und Kraft kostete. Man kann so viel über die Mordmaschinerie des Dritten Reiches gelesen und in Bildbänden oder Spielfilmen gesehen haben – alles bleibt unbegreiflich und unfassbar. Selbst, wenn man an der Stelle steht, wo Hunderttausende erschlagen, erschossen, vergast und auf gewaltigen Rosten aus Eisenbahnschienen verbrannt wurden. Oft herrschte beim Besuch der ehemaligen Todesfabriken, nun Friedhöfe und Gedenkstätten zugleich, hochsommerliche Hitze, und über der Szenerie lag eine fast überirdische Stille. Und doch waren dies Orte, wo Aufseherinnen hochschwangere Frauen von Schäferhunden zerreißen ließen oder wo der Lagerkommandant vor dem Frühstück von seinem Balkon aus zu seinem puren Vergnügen ›Arbeitsjuden‹ erschossen hatte. Solches Verhalten war nicht die Regel. Doch schiere Mordlust und sadistisches Töten sind immer noch leichter zu begreifen als die Tatsache, dass genau hier, wo man nun über einen fast autofreien Parkplatz geht, vor siebzig Jahren ein ›Transport‹ nach dem anderen ›abgefertigt‹ wurde; dass in Sobibór oder Belzec Zug um Zug jeweils hunderte und aberhunderte Menschen ankamen, die auf der Stelle in den Tod geführt wurden. In Sobibór war alles auf Täuschung und Beruhigung der Opfer angelegt. Hielt der Zug an der Rampe, ertönte Begrüßungsmusik aus Lautsprechern, eine freundliche Stimme verkündete Mut machendes, man sah nette kleine Häuser, Blumen, gepflegte Vorgärten; noch die Wegweiser etwa zum ›Bad‹ waren mit Liebe gestaltet. Nach dem schrecklichen Transport in Viehwaggons ohne Wasser oder Essen schöpfte man Hoffnung. Da nahm man es hin, dass man sich auf dem ›Umschlagplatz‹ entkleiden musste, dass den Frauen die Haare abgeschnitten wurde und man nackt zum Bad gehen musste – das neue Leben sollte ja hygienisch beginnen!
Meine Jahre mit den Amerikanern
Die Amerikaner kehren nach Wiesbaden zurück. Sie sind zwar seit 1945 hier, doch es gab Zeiten, in denen die Deutschen sie aus den Augen verloren hatten. In einer zehnteiligen Serie schildert Hans Dieter Schreeb exklusiv für die Leser des Wiesbadener Tagblatts‹ seine Jahre mit den Amerikanern – eine sehr persönliche Sicht auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
1. Die erste Begegnung
Ich bin in der Gottfried-Kinkel-Straße 1, einer Seitenstraße der Biebricher Allee geboren, mitten auf der Biebricher Höhe. Hier bin ich auch aufgewachsen – ich hätte also nur ein paar Schritte gehen müssen, um den Einzug der Amerikaner aus nächster Nähe zu erleben. Bezeichnenderweise marschierte die US-Army über die Straße ein, auf der schon die Römer nach Wiesbaden marschiert waren.
Leider waren wir nicht zu Hause. 1945 waren wir – meine Mutter (›Kriegerwitwe‹, wie das genannt wurde), meine noch sehr kleine Schwester Ingeborg und ich – in Leinefelde, bei meinem Onkel Hermann, einem Bruder meiner Mutter. Leinefelde war damals ein großes Dorf, sehr katholisch. Die Nazis bissen sich an den Katholiken die Zähne aus; diese waren die Diaspora gewohnt und hielten tapfer durch. Über viele Jahrhunderte hatte der Ort zu Kurmainz gehört, genau genommen bis 1803. Dann wurde er preußisch und blieb es bis zum Untergang Preußens.
Heute ist Leinefelde eine mittlere Industrie- und Handwerkerstadt, zusammengefügt aus Leinefelde und dem größeren Worbis und heißt nun Leinefelde-Worbis. In meiner Kindheit lag Worbis in weiter Ferne, ab und zu fuhr mein Onkel mit seinem Auto dorthin und nahm mich mit – das Auto hatte einen Holzvergaser, wir legten also während der Fahrt Holz auf. Meine Mutter, meine Schwester und ich waren seit Sommer 1944 in Leinefelde, einfach deshalb, weil Onkel Hermann dort einen (Filial-)Laden einer Lebensmittel-Kette führte. Somit mussten wir uns keine Sorgen machen, dass wir mit unseren Lebensmittelmarken vor leeren Regalen stehen würden. Was ›aufgerufen‹ wurde, bekamen wir.
Was man mitbringen muss
??? Herr Schreeb, Sie haben nebst vielen Büchern, nebst vielen Hörspielen und Fernsehserien auch Tatort-Drehbücher geschrieben, eine Arbeit, die häufig erwähnt wird, wenn über Sie gesprochen wird. Aber eine Arbeit, wie Sie mir im Vorgespräch erzählt haben, auf die Sie gar nicht so gerne zurückblicken. Warum ist das so? HDS: Ach, ich will nicht sagen, dass ich nicht gerne darauf zurückblicke. Es ist einfach eine Arbeit unter anderen. Das wollte ich ausdrücken – ein Fernsehspiel ist ein Fernsehspiel. Ob da ein Kommissar mitspielt, ob da gar Kommissar Palu mitspielt, ist letzten Endes für den Autor unwichtig. Entscheidend ist, dass ihm interessante Figuren, interessante Handlungen gelingen. Ob jemand rechts oder links hernieder sinkt, ist letzten Endes für den Autor unerheblich. ??? Was sind Ihre Zutaten für einen guten Tatort, ein gutes Tatort-Drehbuch? HDS: Na, ich hoffe das, was ich überall einbringen kann – eine besondere Sicht auf die Figuren, auf die Menschen, auf das, was sich da abspielt... ??? Nun haben Sie auch historische Romane geschrieben, bei denen sicher eine umfangreiche Recherche von Nöten war. Beim ›Bader von Mainz‹ dreht’s sich ums Mittelalter, das Leben im Mittelalter und in der Stadt Mainz. Wie sammeln Sie dafür Informationen? HDS: Das Buch spielt nicht im Mittelalter. Das Mittelalter umfasst tausend Jahre. Mein Buch spielt im Jahre 1358. Das ist ganz wesentlich für das Buch. Alles, was die Leute, die damals lebten, wissen konnten, finden Sie in diesem Roman. Was sie nicht wissen konnten oder was lange zurücklag, in mythischer Vorzeit sozusagen, kommt nicht vor. Es ist eine sehr eingeschränkte Sicht, ein klarer Ausschnitt einer Zeit, zu der ich mich entschlossen habe. Meine Grundüberlegung ist immer die: Auch die Menschen, die vor uns gelebt haben, haben ihr Leben gemeistert. Wenn Sie die Menschen also ernst nehmen und nicht nur als Spielfiguren betrachten, wenn Sie sagen, sie gehen durch dieses Jahr, diese Stadt und diese Landschaft, dann, meine ich, können Sie eine Geschichte erzählen, die wahr ist und als wahr empfunden wird. ??? Und wie haben Sie herausgefunden, was die Menschen in den 1350’iger Jahren gewusst haben? HDS: Ach, das ist eine reine Fleißarbeit. Heute gibt es zu jedem Thema sehr viel Sekundärliteratur – Sie können herausfinden, was die Leute angezogen haben. Damals wurde gerade die Hose erfunden, das war für die Schneider eine sehr komplizierte Sache.
Wiesbadener Tagblatt: Aus der Serie: ›Zweitausend Jahre Rheinschifffahrt‹:
4. Folge
Flöße
So lange Menschen am Rhein lebten, so lange transportierten sie Waren auf dem Strom. Schon die Römer kannten ›Schwerlasttransporte‹, etwa die gewaltigen Steinblöcke, die aus den Steinbrüchen des Odenwalds geholt wurden. Aus ihnen wurden Garnisonen, Landgüter und Städte, Mainz und Wiesbaden zum Beispiel.
Im Mittelalter verschiffte man erneut große Mengen von Baumaterial auf dem Rhein. Dieses Mal für die großen romanischen und gotischen Dome, für wehrhafte Stadtmauern und repräsentative Rathäuser.
Das Bauholz schwamm alleine. Beziehungsweise in Form von Flößen.
Seit dem 13. Jahrhundert gab es ständig größer werdende Flöße auf dem Rhein. Zum Großteil schwammen da Eichen und Tannen aus dem Schwarzwald, die beliebtesten Hölzer. Auch die Schwarzwald-Flößer genossen besonderes Ansehen, besaßen sie doch spezielle Kenntnisse und Erfahrungen in der Führung von Flößen.
Die Schwierigkeiten begannen schon bei der Zusammenstellung von Holzqualitäten. Eichenholz allein war nicht schwimmfähig, da zu schwer, und musste mit Tannenholz in genau dosierter Weise gemischt werden. Die eigentlichen Probleme kamen aber bei der Fahrt der Flöße. Die Großflöße des 17. und 18. Jahrhunderts brauchten allein für die Steuerung an die fünfhundert Mann. Heute ist schwer zu verstehen, dass die Ungetüme mit den vergleichsweise bescheidenen Hilfsmitteln von damals überhaupt ans Ziel gelangten.
Am Ende des 17. Jahrhunderts erlebten die Niederlande einen wirtschaftlichen Boom, der alles Bekannte übertraf. Der Holzbedarf der Holländer schien jetzt unersättlich. Für alles wurde Holz gebraucht: Für die Fundamente neuer Städte – ganz Amsterdam ist auf Pfählen gebaut wie Venedig –, für neue Deiche, für den Mühlen- und Schiffsbau.
Die größten Flöße dieser Zeit waren über tausend Fuß lang, also über 300 Meter lang, und mehr als 50 Meter breit. Die Oberfläche eines großen Holländer-Floßes war so groß wie heute vierundvierzig Tennisplätze, 11 500 Quadratmeter! Die Kolosse bestanden aus drei, oft aus fünf Lagen Baumstämmen, und sie zu steuern war eine hohe Kunst. Genau so überdimensional war die Besatzung – 600, 700 Mann. Die Flöße hatten Gelenke, damit sie die Kurven im Fluss bewältigen konnten. Wenn Anker geworfen wurden, mussten ihre Seile mit Wasser übergossen werden, damit sie nicht durch die Reibungshitze Feuer fingen.
Wiesbadener Tagblatt: 1918, Kriegsende
Kriegsende
Von Hans Dieter Schreeb
Informiert man sich heute über den Ersten Weltkrieg in den Zeitungen von damals, kann man glauben, es habe sich beim großen Schlachten um eine Angelegenheit unter Gentlemen gehandelt.
Mitte Oktober 1918 berichtete das ›Wiesbadener Tagblatt‹, die Front im Westen sei zum Stehen gekommen. Angriffe des Gegners seien von den deutschen Truppen ›abgewiesen‹, feindliche Soldaten, so sie in unsere Schützengräben eingedrungen waren, ›zurückgeworfen‹ worden. Nichts von Tod und Leid und Schreien.
Dabei tobte zu der Zeit die ›Argonnen-Schlacht‹. Über eine Million Amerikaner kämpften gegen das letzte Aufgebot des Deutschen Kaiserreiches, undin den vorangegangenen vier Kriegsjahren waren bereits Millionen Soldatenumgekommen.
Alles wurde nur diskret angedeutet, beinahe so, als tauschten Regierungen Noten aus. Die englische Zeitung ›Westminster Gazette‹ hatte angeblich der »verbreiteten Vorstellung, dass die deutschen Heere demoralisiert seien«, widersprochen: »Die Deutschen zeigen weiterhin großen Mut und Entschlossenheit.«
Die Journalisten mussten – wegen der Zensur und weil die Leserschaft an eine andere Art der Berichterstattung gewohnt war als die heutige – sehr vorsichtig formulieren. Wer zwischen den Zeilen lesen konnte, vermochte dennoch zu erkennen, wie sich die Waage senkte – zu Ungunsten Deutschlands.
Erstes unübersehbares Zeichen, dass die große Umwälzung begonnen hatte, war der 3. Oktober 1918. An diesem Tag wurde der 51jährige Max von Baden, Thronfolger des Großherzogtums Baden, zum Reichskanzler berufen. Unmittelbar nach seinem Regierungsantritt übermittelte der neue Kanzler dem US-Präsidenten Woodrow Wilson ein Friedens- und Waffenstillstandsangebot, stellte den U-Boot-Krieg ein und entließ General Erich Ludendorff, bis dahin der eigentliche Kriegsherr.
Das ›Tagblatt‹ kommentierte den Rücktritt Ludendorffs so: »Es ist nicht das erste Mal, dass ein siegreicher General sich in die Politik verirrt hat, und es ist ebenfalls nicht das erste Mal, dass solcher Irrweg zur Katastrophe geführt hat.«
Erstaunlich mutige Worte!
Wiesbadener Tagblatt: 1914
August 1914
Von Hans Dieter Schreeb
Hätten die Europäer im Sommer 1914 geahnt, was vor ihnen lag, sie wären verzweifelt. Vor ihnen lagen die schrecklichsten Zeiten, die der Kontinent je durchlitten hat: Jahrzehnte des Unglücks, des Grauens, des Todes, der finstersten Dunkelheit.
Bemerkenswert, wie hellsichtig das ›Wiesbadener Tagblatt‹ am 31. Juli 1914 formulierte: »Damit ist die Schicksalsstunde des Deutschen Reiches angebrochen. Es gilt die Existenz unseres Staatswesens!« Zu der Zeit waren Heer und Marine zwar schon mobilisiert, der Krieg gegen Russland, England und Frankreich aber noch nicht erklärt. Noch gab es einen Funken Hoffnung.
Die Wiesbadener Hausfrauen reagierten hysterisch: Kauften, was zu kaufen war, und die Sparer holten ihr Geld von den Banken. Die Geschäftsleute weigerten sich, Papiergeld anzunehmen – plötzlich zählten nur noch Gold und Silber.
Liest man die Zeitungsberichte von damals nach, kann man nicht anders, als an den Untergang der ›Titanic‹ zu denken. Eben noch das ›unsinkbare‹ stolze Schiff voller Schönheit und raffinierten Luxus’ und einen Augenblick später unrettbar verloren. Hier eine politische Krise der üblichen Art, die sich zur großen Katastrophe eines ganzen Kontinents, ja, der ganzen Welt ausweitet.
Der Sommer 1914 war ein Bilderbuchsommer. An manchen Tagen war die Hitze so groß, dass der Asphalt auf den Strassen aufweichte. Wiesbaden lebte von reichen Fremden, den ›Kurgästen‹ aus aller Welt, und wehrte sich gegen die Ansiedlung von Industrie. In einem Leserbrief hieß es, Wiesbaden sei unter anderem deshalb so angenehm, »weil man hier fast nur gutgekleidete Menschen mit durchweg höflichen Manieren trifft. Arbeiter auf der Wilhelmstrasse würden einen schlechten Gegensatz zum bisherigen Bild geben.«
Dem Amüsement dienten vier Theater und einige Lichtspielhäuser. Die große Sensation dieses Sommers war aber die ›Bluttat von Paris‹. Da hatte Madame Caillaux, die Frau des französischen Finanzministers, einen Zeitungsherausgeber erschossen, der ihren Mann in immer neuen Artikeln angegriffen hatte. Minister Caillaux verteidigte seine Frau höchstselbst vor Gericht. Über viele, sehr lange Spalten hin wurde dieser Prozess auch im ›Tagblatt‹ ausgewalzt. Der Freispruch kam in den Momenten der Mobilmachung. Aber selbst da wurden noch alle Details des Urteils mitgeteilt.
Wiesbadener Tagblatt: 1896, Auf allerhöchsten Befehl
Die ersten Wiesbadener Festspiele
Von Hans Dieter Schreeb
Heutzutage sind Festspiele so selbstverständlich, dass man sich schwer vorstellen kann, dass es auch mal Sommer ohne Festivals gab.
Richard Wagner war der Erste, der einmal im Jahr Festspiele veranstaltete – Opernaufführungen von überragendem Niveau und außerhalb des Gewohnten. Die Idee und der Erfolg überzeugten so, dass der Wiesbadener Intendant Georg von Hülsen, seit 1893 Intendant des Königlichen Theaters zu Wiesbaden, den Gedanken aufgriff. Am 6. Mai 1896 wurden die ersten Wiesbadener Festspiel-Wochen eröffnet, nach Bayreuther Vorbild mit Posaunenschall.
›Festspiele auf allerhöchsten Befehl‹ hieß es auf Plakaten und Programmen und entsprechend wurden die Festwochen bald von der Bevölkerung und der Presse ›Kaiserfestspiele‹ genannt.
Selten traf ein Begriff so genau wie dieser. Kaiser Wilhelm II., ein Gönner der Stadt und des Theaterintendanten von Hülsen, zahlte aus der eigenen Schatulle und nicht wenig, bestimmte aber auch nach eigenem Gusto das Programm. ›Rinnsteinkunst‹ – also alles, was damals neu und wegweisend war – lehnte er ab. Andererseits hatte er sehr genaue Vorstellung, was Theater sein sollte. Es sollte ein Werkzeug des Monarchen sein gleich der Schule und der Universität. »Das Theater ist auch eine Meiner Waffen«, umriss er seine Anschauung von der Sache in einer Rede.
Intendant Georg von Hülsen, 1858 geboren, war Sohn des Generalintendanten der Berliner Königlichen Bühnen, Botho von Hülsen. Nach dem Abitur trat der junge Hülsen ins preußische Heer ein. Ab 1879 war er Offizier des Garde‑Kürassier‑Regiments. Mehr konnte man damals in Deutschland kaum sein oder werden. Zum Generalstab abkommandiert, wurde Hülsen 1889 Adjutant des Kriegsministers. Warum Kaiser Wilhelm seinen Jugendfreund Georg zum Leiter des Wiesbadener Hoftheaters berief, lässt sich heute nicht mehr sagen. Wahrscheinlich hielt er den jungen Mann einfach für fähig.
ADA: Kochbücher - und Gottfried Benn
Der Sammler Walter Putz
Walter Putz, ein schlanker Mann Anfang der Siebzig, mit der Gewandtheit und der Diskretion eines klassischen Oberkellners, auch mit dessen eleganter Höflichkeit, hat sich im Laufe der Jahrzehnte eine Sammlung von Kochbüchern aufgebaut, wie man sie in dieser Qualität in Deutschland oder in den deutschsprachigen Ländern nicht leicht ein zweites Mal findet. Sie umfasst etwa dreitausend Bücher, davon einige handgeschriebene. Putz selbst nennt seine Sammlung ›geschliffen‹.
Eine solche Übereinstimmung zwischen einem Menschen, seinem Beruf und seiner Passion, wie sie sich in Walter Putz vereinigt, wird man ebenfalls nur mit Mühe ein zweites Mal finden. Walter Putz ist durch seinen Beruf an die Bücher gekommen und man denkt, seitdem er die ersten Raritäten in der Hand hatte, hat er seinen Beruf nur noch ausgeführt, um leben und sich Bücher kaufen zu können. Mit einem Wort, er ist der Sammler, wie man ihn in dieser Reinheit nicht mal im Lesebuch findet.
Ehe man über seine Bücher spricht, muss man deswegen über sein Leben reden. Walter Putz wurde 1924 in Niederschlesien geboren; genauer gesagt in Bad Altheide, einer ländlich-beschaulichen 4000-Einwohner-Gemeinde in der ehemaligen Grafschaft Glatz, geschätzt wegen ihrer eisenhaltigen Quellen. Breslau war hundert Kilometer entfernt, aber schon die ferne, weite Welt. Auch 1938, als der vierzehnjährige Walter aus der Schule kam, waren Lehrstellen knapp. Der Vater war Fuhrmann, aber die energische Mutter hatte in der Familie das Heft in die Hand. Sie schrieb eine Bewerbung an ein Breslauer Hotel‚ ›Hotel Vier-Jahreszeiten‹, ein erstes Haus am Platze, und als ein Termin zur Vorstellung genannt wurde, war das schon wie halb gewonnen. Mutter und Sohn stellten sich vor, der Junge wurde akzeptiert und begann als Page; ein halbes Jahr später war er im Service.
FR: Viel Sorge, viel Kummer und Bitternis ...
Über Elisabeth von Heyking
Am 25. September 1897 schrieb Elisabeth von Heyking, geborene von Flemming, in ihr Tagebuch: „Viel Sorge, viel Kummer und viel Bitternis gegen diese neue Ungerechtigkeit, daß wir als letzte Flemmings von den ganzen Flemming‘schen Gütern auch nicht das kleinste Eckchen haben werden. Mit einem Federstrich hätte uns der Onkel von all unseren Sorgen erlösen können....“
Und ein paar Zeilen weiter, immer noch unter dem Datum des 25. Septembers, präzisiert sie ihre Lebensangst: „Einerseits Geldsorgen, quälende Gedanken über die Zukunft der Kinder, gänzliche homelessness, andererseits dienstliche Kränkungen; fortwährendes Schieben an einem Stein, der nicht rollen will; wissen, was Deutschland hier not täte, aber es nicht ausrichten dürfen; sich immer wieder stoßen an kleinen gemeinen Seelen, die aber eine unterirdische Macht besitzen; dazu eine gänzlich aufgeriebene, zerrüttete Gesundheit und täglich mehr zunehmende Schwermut. O Gott, hilf uns!“
Das sind zwar leicht nachzuvollziehende Sorgen. Man vermutet sie aber nicht bei der Ehefrau eines deutschen Gesandten. Ihr Mann, Edmund von Heyking, war nämlich zu der Zeit – präzise von 1896 bis 1899 – der Bevollmächtigte des Deutschen Kaiserreichs am Pekinger Hof. (Sein Nachfolger, Freiherr von Ketteler, wurde 1900, zu Beginn des ‚Boxeraufstands‘, auf offener Straße erschossen. Angeblich seinetwegen setzte das Reich eine Armee gegen China in Marsch.)
Die Frau, die sich solche Sorgen um die Zukunft machte, gab sich nach außen als patent, energisch; sie wollte ihrem Mann beistehen, wie es nur ging, und erledigte auch wirklich routiniert die üblichen Pflichten einer Diplomatenfrau. Sie machte sogar etwas mehr als sie musste und sollte. Das ging soweit, dass sie eigenhändig die Chiffriermaschine bediente und die Depeschen mit dem Vermerk ‘Nur vom Gesandten persönlich zu dechiffrieren‘ knackte.
Cicerone zwischen zwei Buchdeckeln
Die handgeschriebenen Pilgerleitfäden, die ersten Itinerare oder Baedekers gründliche Handbücher für den "gebildeten Reisenden": Sie alle vermitteln viel vom Geist ihrer jeweiligen Zeit und Gesellschaft.
In einem Reiseführer aus dem Jahr 1688 wird empfohlen: Sollte es nicht möglich sein, das eigene Bett auf die Reise mitzunehmen, dann möge der Reisende wenigstens ein Faltbett bei sich haben. In jedem Fall sollte er eigenes Bettzeug mit sich führen. Bettdecken und Betttücher der Gasthäuser seien im allgemeinen schmutzig und/oder von Läusen und Wanzen bewohnt. Und ein weiterer Tip aus demselben Buch: Der Reisende sollte immer ein Schloß oder wenigstens eine Eisenstange im Gepäck haben, damit er nachts die Schlafzimmertür von innen versperren könne. So erspare man sich unangenehme Überraschungen. Angenehme natürlich auch. Ein anderer Reiseführer aus der Zeit, der Keyssler, ein Vorläufer des Baedekers, schlägt in dieselbe Kerbe. Er beschwert sich, daß viele Gastwirte die unangenehme Neigung hätten, dem Gast partout ein ›garniertes‹ Bett aufzudrängen - also Bett plus Bettgefährtin. Aus praktischen Gründen war die Zugabe im allgemeinen eines der Haus- und Zimmermädchen.
Da der Reisende leicht in Gegenden mit »äußerst eigenartigen« Sitten und Gebräuchen kam, mit sehr unterschiedlichem Essen und in jedem Fall mit gänzlich anderem Geld, war es ratsam, sich einem kundigen Führer anzuvertrauen. Goethe notiert im Tagebuch seiner ›Italiänischen Reise‹ unter dem 4. Oktober 1786: »Ich habe jetzt einen Lohnbedienten. Einen trefflichen Alten. Einen Teutschen, der mir täglich was er mich kostet erspart. Er ist mit Herrschaften durch ganz Italien gegangen und weis alles recht gut. Er dressirt die Italiäner, auf die rechte Weise. So gibt er Z.E. genau das wenigste Trinckgeld an jedem Orte, ich muß überall für einen Kaufmann passieren.«
Mdt: Die Katze der Bismarck
Unglaubliches Katzenschicksal - Dreimal gerettet
Katzen haben sieben Leben, sagt man. Mindestens vier hatte der Kater ›Oskar, das Maskottchen des deutschen Schlachtschiffs ›Bismarck‹.
Als das Schlachtschiff am 17. Mai 1941 nach schweren Gefechten manövrierunfahig sank, wurden von 2 400 Seeleuten nur 116 gerettet - und Kater Oskar. Stunden nach dem Untergang suchte der britische Zerstörer ›Gossack‹ die See nach Überlebenden ab. Dabei entdeckte man die auf einem Brett treibende Schiffskatze. Die ›Gossack‹ stoppte ihre Fahrt, das vor Kälte, Nässe und Angst halbtote Tier wurde an Bord geholt, ohne Zweifel ein ungewöhnliches Manöver eines Kommandanten im Kampfgebiet. Damit begann Oskar seinen Dienst bei der Royal Navy als ›the Bismarck’s Cat‹.
In der Nacht des 24. Oktober desselben Jahres wurde der Zerstörer ›Gossack‹ von einem deutschen U-Boot versenkt. Wieder gehörte Oskar zu den wenigen Besatzungsmitgliedern, die aus dem Wasser gezogen wurden. An Bord eines anderen Zerstörers landete der Kater in Gibraltar. Von hier aus ging’s auf den Flugzeugträger ›Ark Royal‹.
Nach allem, was man weiß, fühlte sich Oskar hier sicher. Doch am 13. November 1941 wurde auch der Flugzeugträger versenkt. Und ein drittes Mal wurde die ›Katze der Bismarck‹ gerettet. Seeleute sind abergläubisch und deswegen wollte niemand den schwarzen Kater mehr mit an Bord nehmen. Die Fahrenszeit von Oskar war damit zu Ende. Er wurde nun Mäusejäger in den Amtsräumen des Hafenkapitäns von Gibraltar. Seine letzte Seereise trat er an, nachdem er altershalber ›ausgemustert‹ worden war; da brachte man ihn ins Seemannsheim von Belfast in Nordirland. Dort starb er 1955.
PS: Das Porträt von Oskar, der Bismarck-Katze, hängt heute im National Maritime Museum in Greenwich.
Erschienen in: Magazin der Tierfreunde, Nr. 4, 98
Nasse Welten (1.)
Wie ein Fisch im Wasser
Alles Leben kommt aus dem Wasser. Das hat man in der Schule gelernt. Irgendwie hat also auch die menschliche Existenz mit dem Meer zu tun. Aber die Welt des Wassers ist uns fremd – die der Meere und die der Flüsse. Genau genommen haben die meisten Menschen (Aquarianer ausgenommen) kaum eine Ahnung von der geheimnisvollen Welt, in der Fische leben, und den erstaunlichen Fähigkeiten der Fische.