Biografisches

Hans Dieter Schreeb geboren 1938 in Wiesbaden.

Hans Dieter SchreebVolontär und Lokalredakteur bei der Lokalzeitung Ingelheimer Zeitung, Ingelheim. Von 1959 bis 1962 Redakteur beim Südwestfunk (Fernsehen), Baden-Baden, seitdem freier Autor.

Arbeit für Funk und Fernsehen

Jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Hans Georg Thiemt sowohl bei Drehbüchern von Fernsehspielen und Fernsehserien wie bei Funkmanuskripten. In dieser Zusammenarbeit entstanden viele populäre Fernsehspiele und Fernsehserien für ARD und ZDF, insgesamt mehrere hundert Folgen. 

Bekannte TV-Serien unter anderem: »Der Kurier der Kaiserin«, »Drei Frauen im Haus« und »Vier Frauen im Haus«, »Der Herr Kottnick«, »Patienten«, »Johannes«, »Gesucht wird ...«, »Ich, Christian Hahn«, »Die Männer von Werk B«, »Moselbrück«.

Fernsehspiele unter anderem: »Reise nach Schlangenbad«, »Geldsorgen«, »Der Hellseher« 1974, » Der Abschusstag«, »Des Pfarrers Freude«,  »Wir werden Vater«, mehrere Folgen »Tatort«. Dokumentarspiele unter anderem ›Die U-2-Affäre‹, 1970, ›Die Bilder laufen‹ 1972, »Das Projekt Honnef«, 1978. 

Zahlreiche Hörfunk-Serien unter anderem: »Ich, Christian Hahn«, »Ich gehe zum Schinderhannes«, »Ein Auto müßte man haben«, »Mein lieber Scholly«, »Der Judenbengel«. Auch im Funk insgesamt mehr als hundertfünfzig Folgen.

Romane unter anderem:

  • Primadonna, Ullstein Verlag, Hardcover
  • Hinter den Mauern von Peking, Ullstein Verlag, Hardcover und Taschenbuch
  • Hotel Petersburger Hof, Scherz Verlag, Hardcover
  • Hotel Petersburger Hof, Knaur, Taschenbuch
  • Gute Jahre, Verlag Hardt & Wörner, Hardcover
  • Der Bader von Mainz, Ullstein Verlag (Zwölf Taschenbuch - Auflagen, zwei Hardcover - Auflagen)
  • Feuerblumen - Das Geheimnis des Caspar Hauser, Ullstein Verlag, Hardcover und Taschenbuch (Die beiden letzten Titel in Zusammenarbeit mit Hans Georg Thiemt.)

Eine Anmerkung der Frankfurter Allgemeine Zeitung

Mittwoch, 17. August 1994 »Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der literarischen Kultur in Deutschland, dass Autoren, deren vornehmliches Ziel die gut gemachte Unterhaltung auf hohem Niveau ist, im Literaturbetrieb und in den Feuilletons ein Schattendasein führen,während zugleich die Tugenden einer solchen Schreibweise - stimmige Figuren, umfassend recherchierter Hintergrund und geschickte Dramaturgie - bei angloamerikanischen Schriftstellern gepriesen werden. Ein solcher Autor ist der 1938 in Wiesbaden geborene Hans Dieter Schreeb. Und es ist kein Zufall, dass am Anfang seiner literarischen Arbeit das Fernsehen stand.«

Journalistische Arbeiten

Artikel von Hans Dieter Schreeb sind unter anderem veröffentlich worden von: Frankfurter Allgemeine Zeitung Frankfurter Rundschau den Zeitschriften ›Aus dem Antiquariat‹, ›die waage‹, ›Magazin der Tierfreunde‹ und von anderen Publikationen. Seit 2010 erscheint einmal im Monat in den Tageszeitungen Wiesbadener Tagblatt bzw. Wiesbadener Kurier ein "Brief aus Berlin", in dem H.D. Schreeb seine Berliner Eindrücke schildert. Einige dieser "Briefe aus Berlin" sind auf dieser Website nachzulesen.

Theaterstücke und Libretti

  • Frau mit Pelz - Volksstück
  • Der Rauschgoldengel - Ein heiteres Weihnachtsstück
  • Spaßgesellschaft - Liebe in den Zeiten der Globalisierung
  • Berliner Glück
  • Münchhausen, Komödie
  • Traumreisen, Komödie
  • Tell, Musical, uraufgeführt in Walenstadt
  • Heidi, Musical, uraufgeführt in Wien
  • Kohlhiesels Töchter, Musical, Uraufführung in Hallenberg
  • Zeppelin, Musical, Uraufführung in Füssen 
  • Auf ewig Lola, Die Lieben der Marlene Dietrich, Musical; Uraufführung in Aachen (terminiert für Herbst 2024)

Manhattan und sonst nichts

Wir, meine Frau und ich, waren vom 3. bis 11. September 2026 in New York. Zum zweiten Mal nach 2012. 

Es waren die Wochen von New York Open (mit dem Sieg von Alexander Zverev, zur Zeit fantastisch in Form) und der Erinnerung an den Anschlag auf die Zwillingstürme. Der Anschlag war genau vor fünfundzwanzig Jahren verübt worden und wurde entsprechend erinnert. In jedem Taxi war auf den kleinen Bildschirmen an den Sitzplätzen zu lesen: Wir werden es nie vergessen! 

Bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001, von den Amerikanern nur Nine/Eleven, 9/11, genannt, steuerten islamistische Attentäter vier entführte Passagierflugzeuge in das World Trade Center in New York, in das Pentagon bei Washington und auf ein Feld in Pennsylvania. Fast dreitausend Menschen waren auf der Stelle tot. Weitere zehntausend, habe ich jetzt in New York gelernt, sind nach und nach an den Folgen des Terroraktes gestorben und wurden geradezu schäbig behandelt. Der Kongress musste Abhilfe schaffen. 

Der Tag unserer Abreise stand ganz im Zeichen der Erinnerung: Das Fernsehen begann schon um sechs Uhr morgens mit der Verlesung der Namen der ursprünglichen dreitausend Toten. Zu jedem Namen gab es ein charakteristisches Bild: Man sah die Empfangsdame, die stolz war, einen so tollen Arbeitsplatz erobert zu haben, genau so wie den jungen tapferen Feuerwehrmann, der nach oben ging, als andere alles daransetzen, nach unten zu gelangen. Man sah den erfolgreichen Banker genau so wie den zufälligen Besucher aus Kalifornien oder Florida, der an dem Schreckenstag in den Türmen etwas zu erledigen hatte. 

Sehnsuchtsort

Andere Leute fahren nach New York wie wir nach Potsdam oder an die Ostsee – für sie liegt New York sozusagen um die Ecke. Zum Beispiel für meine Agentin, Trauzeugin und Freundin Bettina Weyers (Gallissas-Theaterverlag und Medienagentur), die uns gewissermaßen mitgenommen hatte. Für sie ist die Stadt ein Ort, um Geschäfte zu machen und Abschlüsse zu tätigen. Für mich war es immer ein Sehnsuchtsort.

Der Junge, der Angst hatte, erschossen zu werden

Hätte ich doch nur ein besseres Gedächtnis! Wäre dem so, könnte ich Memoiren schreiben; ich bin jetzt Mitte achtzig, also im richtigen Alter dazu.

Wie nützlich wäre es, hätte ich je Tagebuch geführt. Oder ich hätte Kalender aufgehoben mit Eintragungen wie: ›Heute mit G. in Kurpark; Rudern auf dem Kurhausweiher‹.

Habe ich aber alles nicht, deshalb bleiben die Memoiren ungeschrieben.

Nun, für einen Artikel reicht’s. Die allerwichtigsten Vorkommnisse haben sich mir eingeprägt, und es gibt eh‘ nur noch wenige Menschen, die mir widersprechen können. Außerdem: Schließlich kommt es bei solchen Erinnerungen auf den Geist der Zeit an, auf das, was gedacht, geredet und verschwiegen wurde, nicht auf die Stellen hinterm Komma.

Also, dann einige Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendjahre, die Jahre von 1938 bis 1960.

Erst mal Fakten, deren ich mir sicher bin: Ich bin am 23. Juli 1938 geboren worden, in unserem Haus auf der Adolfshöhe, einem besonderen Viertel zwischen Wiesbaden und Biebrich mit Blick auf den Rhein; um die Jahrhundertwende von 1900 als ›Villencolonie‹ hochgezogen. Vor dem Krieg (damit ist immer der 2. Weltkrieg gemeint) waren Hausgeburten noch üblich. 

Meine Mutter hat mir oft erzählt, dass bei meiner Geburt um drei Uhr mittags in ihrer Heimatstadt Paderborn die Glocken läuteten. Zufällig begann dort gerade das Liborifest, das höchste Fest der Paderborner. 

Ist doch eigentlich ein recht poetischer Anfang. 

Oder?

Am besten erinnere ich mich an meine Mutter und meine Großmutter, die beiden wichtigsten Menschen meiner jungen Jahre. Ich sehe immer noch, wie sich bei meiner Mutter alle Haare auf dem Unterarm aufrichteten, wenn meine Großmutter sie berührte. 

Das zu den Gefühlen untereinander.

Meine Großmutter habe ich zur Heldin zweier Romane gemacht, ›Hotel Petersburger Hof‹ und ›Gute Jahre‹. Ich werde versuchen, einiges zu beschreiben, was ich noch nicht in den Büchern oder bei Lesungen geboten habe. In keinem Fall komme ich aber darum herum, ihre sehr besondere Art und ihr übergroßes Selbstbewusstsein zu schildern. 

Meine nichtgehaltene Rede zum Achtzigsten

Mein Leben lang wollte ich schreiben und mein Leben lang habe ich geschrieben.

Ich erinnere mich, der erste Mensch, der das erkannte (das Schreiben wollen) war ein zu seiner Zeit recht bekannter Autor namens Heinz Becker-Trier. Er wohnte über Monate im Haus meiner Mutter (›Pension Elisabeth‹) auf der Rheinhöhe zwischen Wiesbaden und Biebrich, eigentlich schon Biebrich. Wir unterhielten uns über dies und das und eines Tages schenkte er mir ein Exemplar seines Romans ›Der Mann, der in den Himmel sah‹, der 1947 oder 1948 erschienen war. An den Inhalt erinnere ich mich nur vage, aber sehr genau an die Widmung: »Meinem zukünftigen Kollegen«. Ich war da vielleicht dreizehn oder vierzehn und hatte außer für die Schülerzeitung noch nichts geschrieben.

Dies aber immerhin!

Ich wurde durch Vermittlung meiner Großmutter Volontär und danach sehr junger Lokalredakteur der damals noch selbstständigen rheinhessischen ›Ingelheimer Zeitung‹, der ich bis zu ihrem Ende treu blieb. Sie wurde dann eine Lokalausgabe der ›Allgemeinen Zeitung‹, Mainz, und wahrscheinlich wäre ich ihr ebenfalls treu geblieben, hätte ich nicht kurz nach meiner Anstellung dort einen Brief vom Südwestfunk, Baden-Baden, erhalten, in dem der damalige Finanzdirektor mir schrieb, er habe von meiner Großmutter gehört, ich wolle gern zum Südwestfunk wechseln und wenn dem so sei, möge ich ihm das mitteilen. Ich wollte, fuhr nach Baden-Baden und war nach einem etwa einstündigen Gespräch engagiert, als ›Programmredakteur‹ des gerade entstehenden SWF-Werbefernsehens. Das war insofern das Richtige für mich, da ich damals und auch danach das Kino für die lebendigste aller Künste betrachtete und das noch immer tue. Noch immer gehen mir lebende Bilder über alles …

Als ich wegen meiner neuen Aufgabe bei der Allgemeinen Zeitung kündigte, wurde ich von Erich Dombrowski, dem Herausgeber der AZ, einbestellt. Ich erwartete eine Strafpredigt wegen erwiesener Undankbarkeit, schließlich wurde auch damals nicht jeder, der wollte, eingestellt. Aber Herr Dombrowski wollte mich nur mal kennenlernen, mir alles Gute wünschen und zum Abschluss unseres Gesprächs sagte er mir voraus: »Sie werden ein großer Journalist«. Ich habe diesen Satz immer als Orden betrachtet, schließlich war Erich Dombrowski schon in den Zwanziger und dreißiger Jahren Chefredakteur sagenumwehter Berliner Zeitungen und 1949 einer der Gründer und danach Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Mein Vater

Das Wichtigste, das ich von meinem Vater weiß: Er hieß Alfred Schreeb, wurde am 2. April 1906 in Wiesbaden geboren und geriet am 26. Juni 1944 bei Subarewitsch im Raum Bobruisk schwer verletzt in russische Kriegsgefangenschaft. Möglicherweise kam er an dem Tag aber auch auf dem Schlachtfeld um. Bei den ›Abwehrkämpfen im Raum Bobruisk‹ verlor die Wehrmacht rund 400 000 Soldaten, etwa 130 000 Gefallene und 262 000 Gefangene. Bobruisk selbst liegt in Weißrussland, rund 150 Kilometer von Minsk entfernt. Vor allem aber liegt Bobruisk an der Beresina. Hier fand schon 1812 Napoleons Grande Armée ihr Ende und auch der verzweifelte Versuch der deutschen Truppen, 1944 über die Beresina zu entkommen, führte zu grauenhaftem Gemetzel.

Aber weiter über meinen Vater. Sein Vater war Georg Schreeb, zur Zeit der Geburt meines Vaters Besitzer eines kleinen Hotels am Geisberg in Wiesbaden. Seine Mutter, also die Mutter meines Vaters, meine Großmutter, war Frieda Schreeb, geborene Doos. Sie ist die Heldin meiner Romane ›Hotel Petersburger Hof‹ und ›Gute Jahre‹; in beiden Büchern kommt mein Großvater nur als Randfigur vor. Mein Vater war der jüngste der drei Söhne von Georg und Frieda, auch der Kleinste. Bei der Musterung im Jahre 1937 war er 167 cm groß.

Mein Leben lang habe ich geglaubt, was man mir über den beruflichen Werdegang meines Vaters erzählte; viel war es eh nicht. Danach hatte er in der Küche des Wiesbadener Luxushotels ›Rose‹ gelernt und war in den zwanziger Jahren zusammen mit seinem Bruder Willy nach New York ausgewandert. Tatsächlich sind die Namen der Beiden heute noch in den Passagierlisten des Hapag-Lloyd zu finden.

In New York brachte es mein Vater dann bis in die Küche des Waldorf-Astoria Hotels. Ende der zwanziger Jahre, nach dem Tod meines Großvaters, kamen die Beiden, Willy und mein Vater, zurück, um meiner Großmutter bei der Führung des Hotels am Geisberg beizustehen. Die brauchte aber keine Hilfe.

Darauf eröffnete Willy einen Zigarrenladen am Kureck und mein Vater unternahm Verschiedenes. Nach den Erzählungen war er unter anderem beim Wiesbadener Finanzamt tätig und als ›Reiseleiter‹ bei den ›Weißen Kurautobussen‹.

Im Herbst 1939 – da war der sogenannte Polenfeldzug schon vorbei – meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht. Wenige Tage vor Weihnachten 1939, genau genommen am 16. Dezember 1939, wurde er eingezogen und in Sieradsch im Warthegau am Gewehr und am Fernsprecher ausgebildet.

Warum? Mein politisches Leben

Anlässlich des gegenwärtigen Jubiläums (die SPD feiert ihr hundertsechzigjähriges Bestehen) forderte der Parteivorstand der SPD, vertreten durch den Generalsekretär Kevin Kühnert, alle alten Genossen auf, sich zu erklären. Warum waren sie in die Partei eingetreten? Und warum waren sie der Partei mehr als sechzig Jahre treu geblieben? Und vor allem: Warum waren sie immer noch Mitglied?

Im ersten Moment erschien mir das Schreiben als ein weiterer Versuch, die Mitglieder ›einzubinden‹, ›mitzunehmen‹ und wie die modischen Begriffe für diese gut gemeinten Experimente lauten. Dann wurde mir klar, dass ich mein berufliches Leben mehr als einmal dargestellt habe – meine jahrzehntelange Arbeit erst für Zeitungen, dann fürs Fernsehen. Ich habe jedem, der es wissen wollte, mitgeteilt, dass ich nach meiner Zeit fürs Fernsehen Romane geschrieben habe, dicke Bücher, die mir sehr viel Ehre eingetragen haben, aber nur einmal richtig Geld. Seit rund zwanzig Jahren schreibe ich nun Libretti zu Musicals, die (wenn nicht gerade Pandemie herrscht) mit schönem Erfolg laufen.

Das alles kann man in allen Details hier auf meiner Website nachlesen.

Über mein politisches Leben – und ich hatte durchaus eins – habe ich selten ein Wort verloren.

Ich dachte deswegen: Vielleicht hat Kevin Kühnert recht; vielleicht sollte ich es jetzt tun. Man weiß ja nie …

Also dann!

Ich stamme aus einer durch und durch bürgerlichen Familie. Mein Großvater betrieb in Paderborn eine Gastwirtschaft namens ›Thüringer Hof‹ und besaß fünf Häuser, wie meine Mutter meiner Schwester und mir immer wieder vermittelte. Und zwar mit Wehmut in der Stimme, dass sie alle dahingegangen waren, die fünf Häuser. Meine Großmutter betrieb einige Meter vom Wiesbadener Kochbrunnen entfernt jahrzehntelang ein kleines ›Familienhotel‹, und meine Mutter hatte sich eine durchaus eindrucksvolle Villa gekauft, als sie 1936 geheiratet und nach Wiesbaden gezogen war. Für mich kamen Arbeiter nur als Handwerker vor, wenn sie uns das Dach oder die Wasserleitungen reparierten.

Und bei Karl Marx selbstverständlich!

Ich weiß noch, wie ich als Vierzehnjähriger knallrot wurde, als ich in der Stadtbibliothek das Kapital ausleihen wollte und die Bibliothekarin mich ansah, als hätte ich einen Porno bestellt.

Meine guten Siebziger Jahre oder Stichworte statt einer Autobiographie

Jean Paul brach den Versuch einer Autobiographie ab: Er habe zu viele Romane geschrieben; er könne nichts Wahres mehr schreiben. Ich versuche erst gar keine Autobiographie; ich habe nie Tagebuch geführt, mein Gedächtnis ist so la-la und meine Großmutter habe ich zur Heldin von gleich zwei Romanen gemacht. Wo soll da noch Wahrheit herkommen? Die meisten Konflikte, die ich durchstehen musste, sind vergessen; eigentlich sind davon nur Schatten geblieben. Immerhin kann ich Stichworte zu meinem Leben liefern. Deswegen hier die Kurzfassung meiner Erinnerung an die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Die Siebziger Jahre waren vieles: Jahre der Weltraumfahrt, der RAF mit ihrem Terrorismus, die Jahre von ›Derrick‹ und der Farbe Orange. Es waren auch Jahre der Pornos, der Pornokinos und der Autoverrücktheit – bis hin zum Absturz in der Ölkrise samt autofreier Sonntage. Die Namen der Prominenten von damals, angefangen mit Helmut Kohl, Erich Mende oder Günther Nollau (Verfassungsschutz), ›Starjurist‹ Rolf Bossi oder ›Prinz Aurel‹ Goergen sagen den Meisten heute nichts mehr. Selbst der ›Partylöwe‹ Gunther Sachs und der ›Terrorist‹ Carlos sind vergessen. Damals konnte man keine Zeitung aufschlagen, ohne von ihnen zu lesen. Den Einen oder Anderen kannte ich persönlich, die Übrigen waren mir vertraut wie meine Familie.

Platz 3

1971 hatte die ›Bundeszentrale für politische Bildung‹ eine Untersuchung in Auftrag gegeben, wer am meisten für das deutsche Fernsehen schreibe. Mein Partner Hans-Georg Thiemt und ich kamen auf den ehrenvollen dritten Platz. Sieger wurde Herbert Reinecker (er hielt sich für den deutschen Simenon und schrieb auch ebenso viel wie jener); den zweiten Platz belegte Fritz Eckhardt, ein gleichfalls sehr fleißiger Wiener Autor und Schauspieler. Wir wurden alle vier im SPIEGEL und in dem Fachbuch ›Fernsehen in Deutschland, Band 3, Macht und Ohnmacht der Autoren‹, 1973 vorgestellt.

Mein Kiez

Ich wohne seit 2010, mithin seit elf Jahren und zwei Monaten, in Berlin, und während der ganzen Zeit in der Nähe der U-Bahn-Station Platz der Luftbrücke (samt Luftbrücken-Denkmal), des ehemaligen Zentralflughafens Tempelhof und des mittlerweile legendär gewordenen Tempelhofer Feldes. Ich bete darum, dass die anvisierte ›Randbebauung‹ des Feldes zu meinen Lebzeiten nicht kommt. Sie würde den Charakter des in seiner Art einmaligen Freizeitgeländes zerstören. Es ist unglaublich, welche Gefühle von Freiheit und Glück man bei Sonnenaufgang oder Untergang auf den ehemaligen Start- und Landebahnen spüren kann.

Nun, das Schöne am Kiez ist, dass jeder selbst bestimmen kann, wo er für ihn anfängt und aufhört. Man muss sich da an keinerlei amtlichen Vorgaben oder Grenzen halten. Deshalb beginnt mein Kiez manchmal an der Marheineckehalle, am Ende der an schönen Sommertagen von Touristen überlaufenen Bergmannstraße. Der ehrgeizige Baustadtrat des Bezirks Kreuzberg möchte aus der Straße ein Reservat für Fußgänger und Fahrradfahrer machen; seine bisherigen Versuche überzeugen nicht und was geplant ist, auch nicht. Die Marheineckehalle ist allerdings eine Markthalle, wie sie mein Herz hat. So was kannte ich bis zu meinem Umzug nach Berlin nur aus Frankfurt oder Stuttgart; und natürlich aus Frankreich. Da hatte jede kleine Stadt eine solche Markthalle. Die Marheineckehalle (benannt nach einem zu seiner Zeit sehr bekannten Theologen) wurde 1892 zur Versorgung der Bevölkerung gebaut und 2007 wieder so hergerichtet, wie sie ursprünglich ausgesehen hatte. Früher gab es in Berlin vierzehn solcher Markthallen; nur einige wenige haben überlebt.

Früher liegt bei mir meistens schon Jahrzehnte zurück. Insofern kann ich mich nicht beschweren, dass vieles verschwunden ist, was ich einmal kannte und liebte, einschließlich der Zehn-Pfennig-Kinoprogramme, der Zwanzig-Pfennig-Eistüte und der Serbischen Bohnensuppe für eine Mark bei Horten, später Galeria Horten. Noch später wurde daraus Galeria Kaufhof, aber da gab’s keine Serbische Bohnensuppe mehr.

Hartmut Boger zum Wiesbadener Kulturpreis

Ich habe heute die Ehre, die Laudatio auf unseren Kulturpreisträger Hans Dieter Schreeb zu halten.

Als er mich vor Wochen fragte, ob ich diese Rolle übernehmen wolle, war das „Ja“ für mich eine  Selbstverständlichkeit. Schließlich haben wir gemeinsam drei seiner Romane in der Stadtbibliothek und in der Villa Clementine vorgestellt. Wir sind sogar zusammen im Kurhaus aufgetreten. Mit „Hinter den Mauern von Peking“ waren wir richtiggehend auf Tour, waren im Historischen Museum in Frankfurt und in der Kurfürstlichen Burg in Eltville. Unser Auftritt im Wiesbadener China-Restaurant „Peking“, das von der vhs-Dozentin für chinesische Küche Xu Bing geleitet wurde, bleibt in besonders angenehmer Erinnerung.

Von daher glaubte ich also, unseren Preisträger und sein Werk gut zu kennen. Erst im Lauf der Vorbereitungen auf den heutigen Abend wurde mir deutlich, wie umfangreich und vielfältig sich das Schreebsche Gesamtwerk darstellt.

Außer in der Lyrik hat er in allen aktuellen literarischen Genres veröffentlicht: Theaterstücke, Drehbücher für Fernsehspiele, Tatort-Folgen und für ganze Fernsehserien, Hörspiele, Jugendbücher, sechs Romane (zwei davon mit seinem Co-Autor Hans Georg Thiemt). Ein weiterer Roman ist in Vorbereitung, ebenso ein dokumentarisches Buch über Wiesbaden unter dem Titel „Kaiser Zeit“. Sein Hörbuch „Lilo Kaminski“ ist soeben erschienen.

Ich bitte um Verständnis, dass ich mich in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit auf die Würdigung des Schriftstellers als Romanautor beschränke.

Entgegen den komplexen Erzählformen manches zeitgenössischen Romans habe ich mich für ein herkömmliches Verfahren entschieden, das auch unser Preisträger überaus erfolgreich in seinen Romanen einsetzt, nämlich: mit dem Anfang zu beginnen und mit dem Ende aufzuhören.

Hans Dieter Schreeb wurde 1938 in Wiesbaden geboren als Sohn der Elisabeth Schreeb, geb. Sander aus Paderborn, und des Alfred Schreeb aus Wiesbaden.

Meine älteste Freundin

Ich liebe Lesungen. Ich weiß, es gibt Autoren, die über Lesungen und Lese­reisen stöhnen, andere erzählen davon kleine pikante Geschichten; ich liebe sie schlicht und einfach, die Lesungen. Ich habe lange für Funk und Fernsehen geschrieben, da schreibt man für seinen Redakteur und seine Verwandtschaft, und beide sind nicht überschwänglich begeistert, wenn man ein Manuskript abliefert oder wenn eine Sendung, die man »gemacht« hat, endlich läuft. So ist das Leben.

Kurz und gut, ich liebe es, Publikum vor mir zu haben. Am besten bin ich, wenn mehr Interessierte kommen, als der Veranstalter erwartet hat. Wenn zusätzliche Stühle in den Raum getragen werden, steigt der Adrenalinspiegel und der Humor auch. Wenn weniger kommen, macht's mir auch nichts mehr aus. Es ist angenehm, wie die Veranstalter die Schuld bei sich oder dem Wetter oder der Konkurrenz suchen, nie beim Autor. Eine alte Schauspielerin, die vor Lampenfieber kaum auftreten konnte, hat mir einmal gesagt: »Ich hasse das Publikum. In der Jugend weiß man nicht, wie es reagieren wird. Im Alter weiß man, wie es reagieren kann ... « Ich für meinen Teil musste niemals die Bestie Publikum zähmen. Ich habe nie etwas Irritierendes erlebt als die beiden Blinden in der ersten Reihe, die reglos dasaßen und sich ihre Blinden­stöcke stützten, und als sie am Ende mit den Stöcken Beifall stießen, war mir, als hätte ich einen Orden bekommen.

Soweit meine Lebensgeschichte, zur Einstimmung gewissermaßen. Nun der konkrete Fall. Ich hatte vor zwei Jahren eine Lesung im Rheinland, fast schon an der holländischen Grenze. Ich erinnere mich, dass mir der Taxifahrer, als er mich vom Bahnhof zum Hotel brachte, ein Haus zeigte und sagte: Hier! Jetzt kommen wir gleich an dem Haus vorbei, wo Goebbels geboren wurde. Ich höre noch den geheimen Stolz in seiner Stimme, als er das sagte. Natürlich sind die Nazigrößen alle mal Lokalhelden gewesen, aber ich hatte nicht geglaubt, dass sie es immer noch sein könnten. Übrigens machte das Haus, in dem er geboren worden war, der Reichspropagandaminister, nicht viel her; wenigstens nicht beim Vorbeifahren.

Charlotte

Wenn ich mir eine Scheibe Brot röste, denke ich an sie; vielleicht nicht immer, aber meistens. Manchmal muss ich nur einen Toaster im Schaufenster sehen, schon fällt sie mir wieder ein – Charlotte, die erste Frau, mit der ich Tisch und Bett teilte.

Das ist ein halbes Jahrhundert her. Ich war damals Anfang zwanzig, junger Redakteur des Südwestfunk-Werbefernsehens in Baden-Baden, sie einige Jahre älter und Cutterin mit einem gewissen Nimbus. Nichts sprach dafür, dass ausgerechnet wir ein Paar werden sollten. Ich trat damals auf wie ein gesetzter älterer Herr (immerhin hatte ich einige prägende Jahre in einem Bischöflichen Konvikt hinter mir), sie wie eine Frau aus den goldenen Zwanzigern. Sie war der ›Garçonne‹-Typ wie aus dem Bilderbuch, selbstbewusst, ohne viel Rücksicht auf die Meinung anderer. Auch finanziell war sie unabhängig; die Arbeit, die sie machte, brauchte sie nicht. Sie besaß eine Villa am Wannsee und den neuesten DKW 3=6 mit sagenhaften 40 PS und Lenkradschaltung. Eigentlich wollte sie sich immer einen Sportwagen zulegen. Ich riet dringend davon ab. Unpraktisch! Viel weniger Auto für viel mehr Geld! Ich darf mir gar nicht vorstellen, wie sich mein Leben entwickelt hätte, hätte sie nicht auf mich gehört und wir wären mit offenem Dach an die Riviera gefahren oder nach Spanien, das von den Trendsettern damals gerade entdeckt wurde.

Aber auch in ihr steckte offenbar viel Bürgerliches. Wenn ich nur daran denke, wo und wie wir Urlaub machten: Einmal in einer französischen Familienpension in Vichy; so typisch französisch, dass sie in jeder ›Monsieur-Hulot‹-Komödie hätte vorkommen können. Um acht Uhr abends wurde gegessen; es gab erst was, wenn alle an ihrem Platz saßen und während des Essens wurde über Gesundheitsprobleme, das Wetter und die Familie gesprochen. Die deutsche Besatzungszeit wurde aus Rücksicht auf uns ausgeklammert, nicht ganz einfach in Vichy, immerhin während des Krieges Sitz der den Nazis zugeneigten Pétain-Regierung. Ein anderes Mal haben wir vier Sommerwochen in der Bretagne verbracht. Ich werde nie vergessen, wie viele Sorten Besteck dazu gehörten, die riesigen Platten ›Meeresfrüchte‹ korrekt zu verputzen. Selbst Hummer lagen wie selbstverständlich auf den Platten, die es damals gab, und die Austern wurden auf silbernen Etageren serviert, kleinen Weihnachtsbäumen ähnlich.