Manhattan und sonst nichts

Biografisches

Wir, meine Frau und ich, waren vom 3. bis 11. September 2026 in New York. Zum zweiten Mal nach 2012. 

Es waren die Wochen von New York Open (mit dem Sieg von Alexander Zverev, zur Zeit fantastisch in Form) und der Erinnerung an den Anschlag auf die Zwillingstürme. Der Anschlag war genau vor fünfundzwanzig Jahren verübt worden und wurde entsprechend erinnert. In jedem Taxi war auf den kleinen Bildschirmen an den Sitzplätzen zu lesen: Wir werden es nie vergessen! 

Bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001, von den Amerikanern nur Nine/Eleven, 9/11, genannt, steuerten islamistische Attentäter vier entführte Passagierflugzeuge in das World Trade Center in New York, in das Pentagon bei Washington und auf ein Feld in Pennsylvania. Fast dreitausend Menschen waren auf der Stelle tot. Weitere zehntausend, habe ich jetzt in New York gelernt, sind nach und nach an den Folgen des Terroraktes gestorben und wurden geradezu schäbig behandelt. Der Kongress musste Abhilfe schaffen. 

Der Tag unserer Abreise stand ganz im Zeichen der Erinnerung: Das Fernsehen begann schon um sechs Uhr morgens mit der Verlesung der Namen der ursprünglichen dreitausend Toten. Zu jedem Namen gab es ein charakteristisches Bild: Man sah die Empfangsdame, die stolz war, einen so tollen Arbeitsplatz erobert zu haben, genau so wie den jungen tapferen Feuerwehrmann, der nach oben ging, als andere alles daransetzen, nach unten zu gelangen. Man sah den erfolgreichen Banker genau so wie den zufälligen Besucher aus Kalifornien oder Florida, der an dem Schreckenstag in den Türmen etwas zu erledigen hatte. 

Sehnsuchtsort

Andere Leute fahren nach New York wie wir nach Potsdam oder an die Ostsee – für sie liegt New York sozusagen um die Ecke. Zum Beispiel für meine Agentin, Trauzeugin und Freundin Bettina Weyers (Gallissas-Theaterverlag und Medienagentur), die uns gewissermaßen mitgenommen hatte. Für sie ist die Stadt ein Ort, um Geschäfte zu machen und Abschlüsse zu tätigen. Für mich war es immer ein Sehnsuchtsort.

So lange ich denken kann, war für mich New York immer die Hauptstadt der Welt, getreu dem Motto: Wer es hier schafft, schafft es überall. Ich habe es dort nie versucht, aber es ist reiner Zufall, dass ich nicht als New Yorker auf die Welt gekommen bin. Ich bin 1938 geboren; einige Jahre zuvor war mein Vater Koch im Waldorf Astoria Hotel – damals gab es Waldorf Astoria nur in New York, heute selbst hier in Berlin. Wäre ich New Yorker geworden, hätte es mich wahrscheinlich nach Hollywood verschlagen und was dann passiert wäre, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Vielleicht hätte ich dann den Spielfilm geschrieben, der heute noch aussteht.

Ich will sagen: Einerseits kenne ich Manhattan nur als sehr später Tourist, andererseits verbindet mich einiges mit der Stadt. Als Junge hatte ich einen mannsgroßen Stadtplan von Manhattan an die Tür geklebt wie andere ihre Musikidole. Wo die Freiheitsstatue steht, wusste ich also schon vor achtzig Jahren. Jetzt habe ich sie zum ersten Mal aus der Nähe gesehen und zwar bei einer Schiffstour rund um Manhattan. Die mächtige schwarze Frau, die das Publikum mit vielen Anekdoten zu allem und jedem unterhielt, wurde an dieser Stelle einen Moment lang still. Dann sang sie mit der Inbrunst einer Ella Fitzgerald (und fast mit ihrer Stimmgewalt) die amerikanische Nationalhymne. Das ganze Ausflugsschiff, mit einigen hundert Personen an Bord, fiel ein. Natürlich, habe ich mir gesagt, für einen Großteil der Vorfahren dieser Menschen war die Freiheitsstatue das Erste, was sie von Amerika sahen. Haben sie mit Herzklopfen betrachtet, auf ein gutes Leben hoffend und dabei das Scheitern befürchtend.

Ellis Island nebenan, wo sie gemustert und entweder eingelassen oder zurückgeschickt wurden, hat eine ganz eigentümliche Faszination. Der Ort ist jetzt ein Museum der besonderen Art. Es ist dabei nur eine Sache von wenigen Minuten, nach den eigenen Verwandten zu suchen. In den Dokumenten von Ellis Island ist festgehalten, dass mein Vater gleich zweimal in die Vereinigten Staaten eingewandert ist. Im zweiten Fall hat er seinen Bruder Willy mitgebracht. Mir kamen die Tränen, als ich auf den Aktenauszügen auch die Namen meiner Großmutter und meines Großvaters las: Georg und Frieda Schreeb, Wiesbaden, Geisbergstraße 8. Aus meiner Großmutter habe ich die Heldin meiner Romane Hotel Petersburger Hof und Gute Jahre gemacht. Ihr Haus in der Geisbergstraße 8 ist der Schauplatz von hundert Jahren deutscher Geschichte, eine sehr persönliche Familiensaga also. Schade, dass meine Großmutter die Bücher nie zu lesen bekam. Andererseits hätte ich sie zu ihren Lebzeiten auch nicht zu schreiben gewagt.

Ein Tag in Lower Manhattan

Meine Frau und ich haben einen ganzen Tag in Lower Manhattan verbracht. Seit unserem ersten Besuch in New York, wie gesagt 2012, hat sich dieser Teil der Stadt und besonders der Financial District sehr gewandelt. Er ist nicht mehr der reine Büro- und Verwaltungsbezirk von damals. In der Zwischenzeit sind lebendige Wohnviertel entstanden. Es gibt nun doppelt so viele Bewohner und doppelt so viele Wohnungen wie damals. Da viele Banken und Konzerne in neue Viertel wie die Hudson Yards gezogen sind, oder nun in Heimarbeit arbeiten (oder während der Corona-Krise pleite gingen), wurden und werden massenhaft historische Bürogebäude in hochmoderne Apartmentkomplexe umgewandelt. Allerdings wirken diese Wohnkomplexe durch die Bank vollkommen menschenleer: Kein Fenster steht auf, niemand sieht heraus, keine Balkone, nirgends Kleider, die gelüftet werden – nur spiegelndes Glas.

Jedenfalls: Wo man hinsieht in Manhattan, Bauarbeiten in den Straßen und Plastikplanen vor den Häusern.

Bei unserem ersten New-York-Besuch wurden die Gehsteige im Financial District nach 17 Uhr hochgeklappt und am Wochenende auch nicht heruntergelassen. Heute hat sich Lower Manhattan zu einem der begehrtesten Trendviertel für das junge New York entwickelt. Mit den neuen Bewohnern kamen Supermärkte, Kitas, Spielplätze, sogar spezielle Hundeparks. Es gibt hier nun eine vitale Gastronomie- und Barszene. Allerdings essen etliche der Leute, die in der Wall Street arbeiten, auch heute noch das Fast Food der vielen Imbisswagen, die sich hier zu ganzen Ketten aneinanderreihen. Der Lärm ihrer Stromaggregate ist für mich der eigentliche Klang der Wall Street. Die Banker und wie sie ihre Geschäfte machen, kenne ich nur aus Filmen. Und die Lokale, in denen sie zu Mittag essen, waren mir zu teuer. Dabei sind schon die normalen Restaurants erstaunlich teuer geworden. Selbst die Pizza und der ortsübliche Caesar Salad (er ist den New Yorkern das, was den Berlinern das Wiener Schnitzel ist) im Erfrischungsraum von Macy’s gehen ins Geld.

Die hölzernen Rolltreppen im sechsten Stock gibt es immer noch; ich habe mich überzeugt.

Bei unserem Tag in Lower Manhattan hatten wir über viele Stunden das One World Trade Center vor Augen, den höchster Wolkenkratzer der beiden Amerikas. Nur in Asien gibt es höhere Bauten. Das neue Trade Center ersetzt die beiden Zwillingstürme, die seit dem 11. September Geschichte sind. Es wurde von 2004 bis 2015 gebaut und steht am sogenannten Ground Zero mit seinem so überaus beeindruckenden 9/11 Memorial: Ein tiefes Wasserbecken in den Fundamenten der alten Zwillingstürme - unglaublich stark berührend und ein von Allen respektierter Ort der Trauer. Ich stand bei einer Gruppe junger Franziskanerinnen und als sie für die Toten zu beten begannen, dachte ich: Der Katholizismus lebt und hat immer noch mehr zu bieten als einen beeindruckenden amerikanischen Papst. 

Aber zurück zum Trade Center. Ich weiß, für manche Architekten ist das Bauwerk ein enttäuschender Kompromiss. Der ursprüngliche Entwurf von Daniel Libeskind war asymmetrisch, kühner und erinnerte an den erhobenen Arm der Freiheitsstatue. Aus kommerziellen Gründen (mehr Bürofläche!) und Sicherheitsängsten wurde das Design über Jahre hinweg glattgebügelt, bis es so aussah, wie es nun aussieht. Für mich ist der Bau ein Meisterwerk. Er hat eine Eleganz, die ihresgleichen sucht. Je nach Sonnenstand und Wetter verändert das Gebäude kontinuierlich seine Farbe und spiegelt den Himmel auf eine sehr dynamische Weise. Ich meine, in Wirklichkeit ist das Haus viel schöner als auf allen Abbildungen.

Taxi-Erlebnisse

Wir hatten uns vorgenommen, die U-Bahn und die Busse zu meiden und alle Fahrten mit dem Taxi zurückzulegen. Dabei haben wir erstaunliche Erfahrungen gemacht. Einmal wollten wir nur vier, fünf Blocks zu unserem Hotel fahren. Daraus machte der Fahrer eine 45-Dollar-Angelegenheit: Kannte angeblich unser Hotel nicht, fragte wildfremde Passanten am Straßenrand nach dem Weg, landete an allen Baustellen der Stadt.

Noch merkwürdiger wurde es aber, als wir bei unserer Fahrt zum 9/11 Memorial an einen pakistanischen Fahrer gerieten. Er hatte angeblich noch nie etwas von einem Terroranschlag islamistischer Täter gehört. Er wollte immer nur wissen: Welche Adresse? Wo? Adresse? Ich zeigte ihm das Ziel auf meinem Handy. Er sah sich das Bild und die Wegstrecke an, musterte dann noch einmal mich, dann meine Frau, und fuhr unvermittelt los, als sei ihm eine Erleuchtung gekommen. Plötzlich kannte er jede Abkürzung und raste eine Schnellstrecke entlang, dass man dachte, man müsse auch für uns bald einen Gedenkort anlegen.

Das grüne Ufer des Hudson

Für mich war der Hudson die Entdeckung dieses New-York-Aufenthaltes. In den letzten Jahren hat sich sein Ufer in Manhattan von einer sterbenden, von Industriebrachen und verfallenen Piers geprägten Zone in eine dynamische Freizeit- und Kulturmeile verwandelt. Hunderte Millionen Dollar wurden investiert, um die fast fünf Meilen lange Küstenlinie zwischen der 59th Street und dem Battery Park grundlegend zu erneuern. Wo bei unserem ersten Besuch noch verlassene Lagerhallen, Müllanlagen, Betonfabriken und Parkplätze den Zugang zum Wasser blockierten, erstreckt sich heute der Hudson River Park. Entlang des gesamten Ufers wurde ein Manhattan Waterfront Greenway gebaut – ein durchgängiger, geschützter Fuß- und Radweg, der heute zu den meistgenutzten Radwegen der USA gehört; so etwas ersehnt sich Berlin. Ansonsten haben es die Radfahrer in New York noch viel schwerer als die in Berlin; müssen sich praktisch ungeschützt durch den Autoverkehr schlängeln. Machen sie auch! Aber es gibt ja auch Hochseil-Artisten; warum also nicht? 

Der einst verrufene Meatpacking District hat sich vollkommen verwandelt. Wo noch am Endes des letzten Jahrhunderts Schlachthäuser und Fleischfabriken das Bild prägten, dominieren heute die teuersten Modemarken, Luxushotels und exklusive Clubs. Ehemalige Laderampen wurden zur Außengastronomie umfunktioniert, und alte Fabrikhallen beherbergen heute millionenschwere Eigentumswohnungen. Direkt am Ufer (auf Höhe der 30. Straße), entstand ab 2012 mit den Hudson Yards das größte private Immobilienprojekt in der Geschichte der USA. Früher war hier ein riesiger Rangierbahnhof, nun ragen hier futuristische Wolkenkratzer, ein hochmodisches Einkaufszentrum sowie die begehbare Skulptur The Vessel und die Aussichtsplattform The Edge in den Himmel. The Edge ist nur etwas für Schwindelfreie – in 330 Meter Höhe kann man unter dem Glasboden den Straßenverkehr unten genießen. Es werden Karten verkauft: Der Sonnenuntergang auf der höchsten Aussichtsplattform der westlichen Hemisphäre. Mit einem Glas Champagner: 65 Dollar respektive 58 Euro.

Das Gewässer zu Füßen der Besucher ist als Estuarine Sanctuary (als geschütztes Flussmündungsgebiet) ausgewiesen. Um die Wasserqualität zu verbessern und den Lebensraum für Wildtiere zurückzuholen, wurden in den neu angelegten Seen und Bächen des Parks unter anderem über 30 Millionen Austern angesiedelt.

Überhaupt war und ist Manhattan viel grüner als man denkt. Meine Frau und ich haben einen ganzen Sonntag im Central Park verbracht; ein Freizeitkonzert nach und neben dem anderen. Mal hat ein Quartett von älteren Berufsmusikern unter alten Bäumen Bach und Beethoven gespielt, mal hat ein Chor Russisches gesungen. Dazu die exotischsten Vögel, die man sich denken kann. Wie sie hier gelandet sind und wovon sie sich ernähren, wer weiß es? Eindrucksvoll sind sie in jedem Fall.

Bei der schon erwähnten Schiffstour rund um Manhattan haben wir den grünen Norden Manhattans kennengelernt – den schmalen Harlem River und den Oberen Hudson. Hier zeigt sich ein völlig anderes, überraschend beschauliches, überraschend grünes New York. Man fährt hier an bewaldeten Klippen vorbei, die noch so aussehen, wie bei der Besiedlung durch die ersten Einwanderer.

Und ein ganz besonderes Stück Grün ist der High Line Park. Er erstreckt sich über fast drei Kilometer parallel zur 10th Avenue vom Meatpacking District bis zu den Hudson Yards und war früher eine Eisenbahnstrecke auf Stelzen. Bis 1980 sind hier Güterzüge gefahren, die in erster Linie Fleisch und Wurst transportierten. Als die Strecke immer unwirtschaftlicher wurde, wollte man Gleise und Brücken abreißen. Anwohner kämpften für den Erhalt und hatten Erfolg. Zusammen mit New Yorker Künstlern, Designern und Landschaftsarchitekten wurden die Pläne für den einzigartigen Park geschaffen. 2004 stimmte der Stadtrat den Plänen zu, und zwei Jahre später startete der Umbau; im Juni 2023 war der Park auf Säulen fertig. Auf der ehemaligen Hochbahn wachsen jetzt Büsche und teils meterhohe Bäume. Mitten in der Stadt hört man das Summen von Bienen, das fröhliche Singen von Vögeln und das Plätschern eines Brunnens, der kunstvoll in die Anlage integriert ist. Die Schienen hat man größtenteils erhalten; neben ihnen sind Wege und Beete entstanden. Es gibt viele Bänke und sogar Liegestühle zum Ausruhen, und das Beeindruckendste sind großartige Blicke auf New York, aber auch auf die Menschen, die hier wohnen und schon immer hier gewohnt haben. Mit einem Wort, Großstadt und Idyll in einem.

Extra Long Bed Seat

Und, werde ich gefragt, ist es nicht sehr anstrengend, in späteren Jahren nach New York zu fliegen? Ich kann nur sagen: Nicht, wenn man mit Bettina Weyers fliegt. Sie hatte sowohl für den Hin- wie für den Rückflug Plätze in der Business-Class gebucht, die mir wie fliegendes Kino mit Schlafgelegenheit vorkamen. Auf dem Hinflug mit Lufthansa Extra Long Bed Seat: Ein spezieller Sitztyp mit einer extralangen Liegefläche von bis zu 2,20 Metern; auf dem Rückflug mit United Airlines der modernisierte klassische Business-Class-Sitz mit direktem Gangzugang. Für jeden! Das Kinoprogramm war hier wie da erstklassig.

Und was das Reisen auch bequem macht: Die Flugplätze bieten einen sehr angenehmen Service an. Wenn man schlecht zu Fuß ist, kann man sich schieben und fahren lassen. Der Zusatznutzen: Passagiere in Rollstühlen werden als Erste abgefertigt; auch die Begleitpersonen. Selbst die gefürchteten amerikanischen Einlass-Kontrollen sind nach meinen Erfahrungen für Rollstuhlfahrer fix (und freundlich) erledigt.