Meine Zukunft

Aktuelles

Am 15. Dezember 2010 veröffentlichte des Wiesbadener Tagblatt unter dem Titel ›Meine Zukunft‹ folgende Kolumne seines ständigen Mitarbeiters Hans Dieter Schreeb: 

Meine Zukunft

Ich bin 72, mit kräftigen – teils westfälischen – Wurzeln; zwanzig Jahre Zukunft kann ich also mit Fug und Recht noch erwarten. Vorausgesetzt, ich kann die ständig steigenden Kosten von ›Apparate-Medizin‹ und überhaupt von Medizin aufbringen.

Das ZDF zeigte vor einiger Zeit eine ›Doku-Fiction‹ (teils erfundene Handlung, teils Tatsachen-Beschreibung), die just die zwanzig Jahre ins Visier nahm, über die ich mir hier Gedanken mache. Da wurden schlimme Zeiten vorausgesehen: Verarmte Rentner taten sich zusammen und überfielen Apotheken, um an Pillen und Tinkturen zu kommen. Da ich mir die Aufmärsche der Achtundsechziger Revolution seinerzeit vom Fenster des Berliner Cafés Kranzler aus angesehen habe, statt mit gerechter Empörung und erhobener Faust auf dem Kurfürstendamm mitzulaufen, werde ich wohl auch diesmal nicht dabei sein. Nun, auch solche Fälle von Versagen und Verblühen hatte das ZDF im Blick. Für verarmte Rentner ohne Elan waren Massenlager vorgesehen; mehr und mehr Senioren begingen Selbstmord oder vegetierten in Sterbekliniken ihrem Ende entgegen. Das ZDF ist nicht die einzige Institution, die Schlimmstes für die Zukunft befürchtet. Viele hochangesehene ›Think Tanks‹ verbreiten Voraussagen und was sie prophezeien, lässt einem denken: Na, hoffentlich muss ich das alles nicht mehr erleben! Kein Wasser zum Trinken und keine Luft mehr zum Atmen; die Autos nicht ›altengerecht‹ und von Benzin wollen wir erst gar nicht reden. Im besten Fall wird ein bisschen Solarstrom zugeteilt, damit man mit seinem Mini-E-Mobil wenigstens zum nächsten Einkaufcenter gelangen kann. Mecklenburg-Vorpommern ist dann endgültig verödet; da heulen nur noch die Wölfe. Jeder Einzelne wird mittels eingepflanzter Chips, Satelliten, versteckter Kameras und raffinierter Abhöranlagen permanent überwacht und gelenkt. Das Bargeld ist abgeschafft. Es wird nur noch mittels Kreditkarten bezahlt. Somit wird jede Ausgabe überwacht und jeder Schritt gelenkt. Nach den Studien bietet eine Stadt wie Berlin noch die größte Chance für ein menschengerechtes Dasein: Groß genug, dass man der Polizei und ihren willigen Helfern etwas aus dem Weg gehen kann und klein genug, damit man nicht im ›Häusermeer‹ untergeht.

Andererseits gibt’s hier Schutz vor Rebellen und Gangsterbanden, der anderswo nicht mehr zu gewährleisten ist. Wie gesagt, alle Behauptungen entsprechen streng wissenschaftlichen Annahmen. Vor einiger Zeit hatte ich mich aus beruflichen Gründen mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Jahres 2030 zu beschäftigen. Ohne Mühe hatte ich nach kurzer Zeit einen Stapel Horrorvisionen der angedeuteten Art auf dem Schreibtisch, alle von ›Zukunftsforschern‹ auf streng wissenschaftlicher Basis erstellt. Die weniger aufgeregten waren etwa so formuliert: Unser gegenwärtiges Leben ist ein Tanz auf dem Vulkan. Der Planet steht unter Stress; seine ökologischen Systeme sind bereits aus dem Gleichgewicht. Immer mehr Menschen werden in ihrem Alltag überfordert. Die Dynamik, die gegenwärtig im Superorganismus Menschheit herrscht, ist schwer zu ertragen und nur noch begrenzt zu steuern. Es ist wahrscheinlich, dass wir uns ins Aus manövrieren und dass wir dies auch mit viel gutem Willen und übermenschlicher Anstrengung nicht mehr verhindern können.

Alle Probleme, die wir derzeit auf der Erde haben – die Bevölkerung wächst in Richtung zehn Milliarden Menschen und dies bei knappen Ressourcen; die Technik entfaltet sich immer rasanter –, sind nicht Folgen punktueller Fehler oder Fehler Einzelner. Die Ursache ist strukturell-systemischer Natur und entsprechend nicht (mehr) zu ändern. Was mich etwas beruhigt, ist die Tatsache, dass man Voraussagen gegensätzlicher Natur genau so leicht findet. Diese Untersuchungen vertrauen darauf, dass die Zukunft nie die geradlinige Fortsetzung der Gegenwart war und nie sein wird. Um die Jahrhundertwende von 1900 hatten Statistiker zum Beispiel errechnet, dass London bald im Pferdemist versinken werde; stattdessen kamen Autos. Internet und Google haben die Welt in einer Weise verändert, die niemand vorausahnen konnte und dies in nur einer Handvoll Jahren. Warum sollen also nicht in den nächsten zwanzig Jahren Erfindungen gemacht und Entwicklungen eingeleitet werden, die den Planeten zu einem Paradies machen? Und dazu rechne ich nicht den Kühlschrank, der selbstständig einkauft; die gezüchteten nachwachsenden menschlichen Organe, von denen man ebenfalls lesen kann, gehören meiner Ansicht schon eher zur glücklichen Zukunft.

Als Fatalist mit optimistischen Obertönen erwarte ich, wenigstens für mich und meine Lieben, erst mal angenehme Jahre. Bedeutet für mich, weiter und weiter zu schreiben. Schön wäre es, wenn mein Leben so endete wie das meiner Großmutter: Bis zum vorletzten Tag konnte sie ihr geliebtes kleines Hotel führen, dann war sie einen Tag malade und am folgenden Tag starb sie. Wenn mir das gelänge, hätten die Leser des ›Tagblatts‹ noch Einiges von mir zu erwarten und der Rest der Menschheit auch.