Der Rauschgoldengel
Ein heiteres Weihnachtsstück
Diese Geschichte spielt an einem Tag – an einem Heiligen Abend – und kommt mit vier Personen aus, mit Harald Reißmüller, einem in sich gekehrten jungen Mann, seiner Mutter Dagmar, egozentrisch und egoistisch, mit Sigi, Dagmars gegenwärtigem Liebhaber, und mit Iris, einer jungen Frau, die aussieht wie ein Weihnachtsengel und womöglich auch einer ist. Sie setzt die Geschichte in Bewegung und hält sie in Bewegung und macht aus einer möglichen Weihnachts-Tragödie eine Komödie. Mit Happy End.
Iris Schwartz, 25, der Rauschgoldengel, hat lange blonde Haare, ist schlank, rank, witzig. Aus dem Stegreif erfindet sie ganze Dramen. Anfangs nimmt man ihre Erzählungen für bare Münze, dann kommt man dahinter, dass sie viel Phantasie besitzt und endlich merkt man, dass es ihr Spaß macht, die Rollen zu wechseln wie andere die Kostüme. Tatsächlich ist sie Drehbuch-Autorin mit Hochschulabschluss. Im Augenblick ist sie ohne Job und ohne Auftrag. Deswegen verdient sie sich ein wenig Geld als Verkäuferin von Weihnachtsbäumen.
Der Mann, den sie bezaubert, ist Harald Reißmüller, 34, Erdöl-Ingenieur. Er arbeitet jeweils mehrere Wochen am Stück auf einer Bohrinsel vor Norwegen. Danach hat er mehrere Wochen Urlaub, die er am liebsten in seiner weitläufigen Berliner Wohnung verbringt – »als Mönch mit Schweigegelübde«, wie seine Mutter das nennt. Dabei ist Harald in Wirklichkeit ein freundlicher, ruhiger, klar denkender Mensch, der eben sparsam mit seinen Worten umgeht. Er hat sich geschworen, allzeit das Gegenbild seiner Mutter sein. Ihre Liebes- und sonstigen Dramen waren ihm immer ein Gräuel; lieber verzichtet er generell auf Liebe, als so etwas zu kopieren. Er denkt nicht darüber nach, warum Iris ausgerechnet ihn mag, nimmt es nur glücklich hin. Wunder gehören nun mal zu Weihnachten.
Dagmar Reißmüller, 51, seine Mutter, hat, wie angedeutet, bewegte Jahre hinter sich. In ihrer Jugend war sie eine ›rassige Schönheit‹, Stewardess bei verschiedenen großen Airlines und insofern hat sie eine Menge von der Welt gesehen. Jetzt, da sie im zweiten Frühling ist, ist sie immer noch ›rassig‹, hat immer noch Männergeschichten und kurvt immer noch gern in der Welt herum. Eigentlich wollte sie Weihnachten auf einem Luxusdampfer unter dem ›Kreuz des Südens‹ verbringen, aber Sigi, ihr gegenwärtiger Liebhaber, hat sich ›entpuppt‹, aber so was von entpuppt … Kurz entschlossen, hat Dagmar die teure Reise abgebrochen und taucht als liebende Mutter bei Harald auf. (»Wir haben so viel nachzuholen, mein Junge …«.)
Der Mann, der Dagmar zu ihrem folgenschweren Entschluss bringt, ist Sigi (Siegfried Sawatzki), 62, ursprünglich Kellner in Bad Oeynhausen und Berchtesgaden, dann Steward und Chefsteward bei verschiedenen Fluggesellschaften. Wegen der ›Sache mit seinen Füßen‹ musste er mit der Fliegerei Schluss machen, hat jedoch eine beträchtliche Abfindung herausgeholt, die er in ein kleines Vermögen umgewandelt hat. In den vergangenen Jahren wurde sein Anlageberater sein bester Freund. Kurz vorm großen Crash war Sigi so gewitzt, hatte die Lehman-Pleite früher ›antizipiert‹ als die Börsenhaie und steht nun bombig da, finanziell gesehen. Mit einem Wort, er hat das Ziel der deutschen Kanzlerin für sich beherzigt: Ist besser aus der rausgekommen, als er reingegangen ist. Es stimmt, Sigi nimmt gern jeden Vorteil mit; geizig ist er allerdings nicht. Sich selbst gönnt er schon das eine oder andere. Wenn er will, kann er sich sogar als Gentleman gerieren.
Eine leichte Komödie, mit leichter Hand geschrieben