Stadt ohne Sheriff

3. August 2008

Heitere Westerngeschichten, sechsundzwanzig Folgen, ZDF

Lange Zeit war ›Blue River Town‹ auf keiner Karte zu finden. Und als es endlich auf den Landkarten auftauchte, war die Stadt schon tot, von ihren Bürgern aufgegeben. Nur noch Mauern, durch die der Wind strich. Wenn das Gold zu Ende ging, zog man weiter. Das war die alte Geschichte im Westen.

Doch in der Blüte ihres kurzen Lebens, so um 1880 herum, gab es keinen Menschen in Montana, Nevada und den angrenzenden Landstrichen, der nicht schon von der Goldgräberstadt am Blue River gehört hatte.

Und von Tex Ritter, dem Kassierer der einzigen Bank in der Stadt. Er war berühmt für seinen hellen Kopf, seine harten Fäuste und sein Fahrrad. Soweit man wusste, war er der einzige Mann im Westen, der sich konsequent weigerte, in einen Pferdesattel zu steigen. Lieber strampelte er Meilen um Meilen auf dem Rad herunter, als dass er sich auf ein Pferd einließ. Viele vermuteten dahinter ein großes Geheimnis - beim eintönigen, hautaufschürfenden Goldwaschen hatte man viel Zeit, darüber nachzudenken -, aber es steckte nichts anderes dahinter als eine ungewöhnliche Abneigung gegen Pferde.

Inszeniert von Rolf von Sydow.

›Fernsehbücher‹ zur Serie bei Julius Breitschopf KG, Wien, München, Zürich

Leseprobe:

»Aha, Gold«, sagte der Indianer nachdenklich. »Dann sollst du hören, weißer Mann, was ich zu sagen habe!«

Er hob seine Stimme und sprach nun etwas lauter, damit den entfernter sitzenden Männern nichts entging - wie ein geübter Schauspieler, der auch für die letzte Reihe spielt. Es stellte sich heraus, dass er der Häuptling der Apallas war, eines tapferen, kriegerischen und gut bewaffneten Stammes, wie er ausführte. Die Bürger kannten die Apallas zwar nicht, aber das hatte nicht viel zu sagen. Sie kannten die anderen großen Stämme wie die Apachen und Navajos auch nur aus Romanen mit aufregenden Handlungen und bunten Umschlagbildern, fünf Stück für einen halben Dollar.

Peggie wollte die Atmosphäre etwas auflockern. »Wollen die Gentlemen einen trinken?«

Der Häuptling wehrte streng ab: »Kein Feuerwasser, Squaw, wir sprechen!«

Dann kam er zum Kern der Sache: »Weißer Mann, wem gehört die Stadt?«

Tex wusste nicht recht, was er auf diese Frage antworten sollte. »Ja, wem gehört sie? Den Bürgern doch!«

Peggie bekräftigte seine Worte: »War eine schöne Schufterei, das alles aufzubauen. Aber davon habt ihr ja keine Ahnung, ihr roten Brüder ...«

Die Indianer sahen sie für diese Bemerkung scharf und tadelnd an, man hatte den Eindruck, dass auch Weiße und Rote Feder die Sprache der Bleichgesichter genau verstanden.

Peggie wollte ihre Taktlosigkeit überspielen, fügte deshalb hinzu: »Aber jetzt sind wir verdammt noch mal aus dem Gröbsten ’raus.«

Der Häuptling nickte langsam. Nach einer Pause kam die nächste Frage: »Und, weißer Mann, wem gehört die Erde, auf der die Stadt steht?«

Tex hatte sich darüber noch nie Gedanken gemacht. Bei Grund und Boden wurde unterschiedlich verfahren. Manchmal stellte die Regierung Land zur Verfügung, anderswo musste der Boden gekauft werden. Wie die Besitzverhältnisse hier lagen, war ihm unbekannt. Das war wirklich mal eine Frage wert. Peggie antwortete für ihn: »Die Erde gehört auch den Bürgern. Ist doch klar.«

Der Häuptling sah sie durchdringend an. Peggie fiel auf, dass er zwar den Adlerblick eines Häuptlings hatte, aber nicht die auffallenden Backenknochen, die angeblich für Indianer so typisch waren. Darauf kam es aber jetzt weiß Gott nicht an.

»Nein, weiße Squaw« - wieder sprach der Häuptling für die Galerie mit -, »das Land gehört uns. Und die Stadt auch. Uns, den tapferen Kriegern vom Stamme der Apallas.«

»Das gibt es ja gar nicht«, antwortete Peggie aufgebracht, »da könnte ja jeder kommen. Hier waren noch nie Indianer. Indianer haben sich hier noch nie blicken lassen.«

»Du hast eine schnelle Zunge, Squaw«, sagte der Krieger Weiße Feder drohend.

Erstaunt wandten sich alle nach ihm um, einschließlich des Häuptlings. Mehr als er gesagt hatte, hatte Weiße Feder jedoch nicht zu sagen.

Tex Ritter mischte sich wieder ein: »Großer Häuptling, das muss alles ein Irrtum sein. Habt ihr irgendwas Schriftliches? Ein Dokument?«

»Wir brauchen kein Papier«, sagte der Häuptling würdig. Bei aller Würde, die er an den Tag legte, war nicht zu übersehen, dass er langsam die Geduld verlor.