Johannes

3. August 2003

Vierzehnteilige Serie, Westdeutscher Rundfunk

Die Geschichte des Handwerksmeisters Selzer und seiner Familie. Die Selzers leben zu Ende des 19. Jahrhunderts im Hunsrück,einer Landschaft von karger Schönheit und fremdem Reiz, deren kantige Menschen hart um ihr tägliches Brot kämpfen müssen. Mit dem Eisenbahnbau zieht die neue Zeit in ihr Dorf ein und verspricht Wohlstand. Alle erhoffen sich nun ein besseres Leben: der Sattler Selzer, ein Mann, der sich allzu oft in Träume flüchtet; Marie, seine Frau, eine Frau mit Kraft und praktischem Verstand; und vor allem seine Schwägerin Anna, die eigenwilligste Figur: anstößig in ihrem Handeln, unabhängig im Denken, ist sie die einzige in der Familie, die dem Schicksal eine günstige Wendung abtrotzen kann.

Die Fernsehserie wurde mehrfach sowohl im Vorabend- wie im Abendprogramm der ARD ausgestrahlt. Ein sensibler, bei aller Sozialkritik auch heiterer Stoff, der eine nur selten behandelte Epoche deutscher Geschichte wiedergibt, inszeniert von den hervorragenden Regisseuren Ilse Hoffmann und Hajo Gies.

Auch Hörfunk-Serie und Ullstein Taschenbuch Nr. 20491

Leseprobe:

Julius Selzer liegt mit dem Gesicht zum Fenster, redet etwas Belangloses und hört gleichzeitig auf die sanften, lockenden Geräusche, die beim Ausziehen der Kleider entstehen.

Er wird heute Nacht sein Bett nicht nur mit seiner Frau, sondern auch mit seiner Schwägerin teilen. Nicht aus Sinnlichkeit, aus einfacher Notwendigkeit. Trotzdem empfindet er Anna in diesem Moment nicht als überraschenden Besuch, als Verwandtschaft, an die man gebunden ist, ob man will oder nicht. Für ihn ist sie eine andere Frau; er empfindet ihre Gegenwart körperlich, als berührte sie ihn mit ihren Händen, als spürte er ihren Atem.

Anna und Marie sind Schwestern, aber ganz verschieden im Naturell.

Marie hat sich seit sechzehn Jahren in diesem düsteren, niedrigen Raum ausgezogen, eigentlich immer gleich. Sie hat einfache, selbstverständliche Gesten und Bewegungen. Er braucht sich nicht umzuwenden, um zu wissen, dass sie ihr Kleid auf einen Bügel hängt und den Bügel an einen Haken, rechts am Schrank, dass sie die Schuhe unter den Hocker stellt, halbhohe Schuhe aus festem Leder, dass sie einen der beiden Unterröcke faltet, über den Hocker legt und den anderen anbehält. Er hat seine Frau noch nie vollkommen nackt gesehen. Immer hat sie einen dieser weißen Unterröcke aus Leinen oder Kattun an. Er ist nicht sicher, aber er glaubt, dass sie selbst damals einen solchen Rock getragen hat, als sie den Jungen zur Welt brachte.

Zwischen den vertrauten Geräuschen hört er ein anderes Rascheln und Knistern und Rutschen von Stoff und Trägern. Anna ist Dienstmädchen in der Stadt. Dort trägt man anderes. Ein hüftlanges, auf dem Rücken zu schnürendes Mieder zum Beispiel. Ihre Herrin hat es ihr gelassen. Die Damen wollen sich in ihren Mädchen wiedererkennen, grober, sinnlicher, wenn es sein muss, aber eben wiedererkennen. Daher ihre Freigebigkeit mit abgelegten Kleidern und getragener Wäsche.

Marie schnürt ihre Schwester auf, lachend, lustig. Für sie ist es ein Spiel, die langen, kreuzweise durch die Ösen gezogenen Bänder zu lockern und herauszuziehen.

»Wer macht denn das sonst?« fragt sie interessiert, ohne Hintergedanken.

»Och, da findet sich immer einer ...«

Annas Antwort klingt Julius zweideutig, leichtfertig. So spricht keine anständige Frau. Es sind nicht die Worte, sondern der Tonfall, der ihn das denken lässt. Er wagt es aber nicht zu sagen. Ihre Sätze sind oft Fallen. Sie kann sie zuschnappen lassen, wann sie will. Mehr als einmal hat er sich schon darin verfangen.