Wiesbadener Tagblatt: 1918, Kriegsende

6. September 2002

Kriegsende

Von Hans Dieter Schreeb

Informiert man sich heute über den Ersten Weltkrieg in den Zeitungen von damals, kann man glauben, es habe sich beim großen Schlachten um eine Angelegenheit unter Gentlemen gehandelt.

Mitte Oktober 1918 berichtete das ›Wiesbadener Tagblatt‹, die Front im Westen sei zum Stehen gekommen. Angriffe des Gegners seien von den deutschen Truppen ›abgewiesen‹, feindliche Soldaten, so sie in unsere Schützengräben eingedrungen waren, ›zurückgeworfen‹ worden. Nichts von Tod und Leid und Schreien.

Dabei tobte zu der Zeit die ›Argonnen-Schlacht‹. Über eine Million Amerikaner kämpften gegen das letzte Aufgebot des Deutschen Kaiserreiches, undin den vorangegangenen vier Kriegsjahren waren bereits Millionen Soldatenumgekommen.

Alles wurde nur diskret angedeutet, beinahe so, als tauschten Regierungen Noten aus. Die englische Zeitung ›Westminster Gazette‹ hatte angeblich der »verbreiteten Vorstellung, dass die deutschen Heere demoralisiert seien«, widersprochen: »Die Deutschen zeigen weiterhin großen Mut und Entschlossenheit.«

Die Journalisten mussten – wegen der Zensur und weil die Leserschaft an eine andere Art der Berichterstattung gewohnt war als die heutige – sehr vorsichtig formulieren. Wer zwischen den Zeilen lesen konnte, vermochte dennoch zu erkennen, wie sich die Waage senkte – zu Ungunsten Deutschlands.

Erstes unübersehbares Zeichen, dass die große Umwälzung begonnen hatte, war der 3. Oktober 1918. An diesem Tag wurde der 51jährige Max von Baden, Thronfolger des Großherzogtums Baden, zum Reichskanzler berufen. Unmittelbar nach seinem Regierungsantritt übermittelte der neue Kanzler dem US-Präsidenten Woodrow Wilson ein Friedens- und Waffenstillstandsangebot, stellte den U-Boot-Krieg ein und entließ General Erich Ludendorff, bis dahin der eigentliche Kriegsherr.

Das ›Tagblatt‹ kommentierte den Rücktritt Ludendorffs so: »Es ist nicht das erste Mal, dass ein siegreicher General sich in die Politik verirrt hat, und es ist ebenfalls nicht das erste Mal, dass solcher Irrweg zur Katastrophe geführt hat.«

Erstaunlich mutige Worte!

Und mindestens ebenso wichtig wie all dies: Am 3. Oktober 1918 fand das Gottesgnadentum formal sein Ende, die Macht im Staate ging von nun an vom Reichstag aus. Der neuen Reichsregierung gehörten Minister von SPD, Zentrum und Fortschrittlicher Volkspartei an. Bedeutete: das Land wurde nun von Parteien regiert, die der Reichsgründer Bismarck als Staatsfeinde bekämpft hatte. Hinter den Kulissen war die Umwälzung noch viel dramatischer. Die Oberste Heeresleitung – seit Kriegsbeginn waren die Generale praktisch die Diktatoren Deutschlands gewesen – musste sich der zivilen Macht unterordnen. Und tat das sogar. Der Obersten Heeresleitung war klar, dass der Krieg nur in einer Niederlage enden konnte – dafür wollten die Militärs jedoch nicht die Verantwortung übernehmen. Die Suppe, die sie eingebrockt hatten, sollten andere auslöffeln.

Die Ernennung der neuen Minister und die Umwandlung des Staatswesens in ein vom Parlament kontrolliertes war die erste der beiden Revolutionen des deutschen Herbstes 1918. Da sich nach außen hin aber nichts Entscheidendes änderte, wurden den vom Krieg betäubten und mit Alltagssorgen überhäuften Staatsbürgern nicht wirklich bewusst, was sich in Berlin abspielte.

Noch hielt die sogenannte ›Heimatfront‹. Aber die vermischten Meldungen und Kleinanzeigen des ›Tagblatts‹ verrieten, wie es um das Volk stand. In Inseraten wurde zu kaufen gesucht: Brennholz, Lattenkisten, Zigarren. Angeboten wurden Brillanten, Perlen, Villen und Wohnungen: »Hochherrschaftliche Villa, 10 elegante Wohnräume, mit großem

Zier-, Obst- und Gemüsegarten für die Dauer des Krieges zu vermieten.« Unter der Überschrift ›Lebensmittelverteilung‹ hieß es: »7 Pfund Kartoffeln auf Abschnitt 46. Die Kartoffeln sind für die Zeit vom 11. bis 17. November bestimmt und sind aufzuheben. Bei vorzeitig verbrauchten Kartoffeln kann kein Ersatz geleistet werden!« Neue ›Milchkarten‹ und ›Schuhbedarfsscheine‹ wurden ausgegeben. Allerdings: »Bislang konnten noch nicht die Scheine von April und Mai beliefert werden.« Die Zuteilung von Nähfäden war, in Anbetracht den Verhältnisse, zufriedenstellend. Auf je zwei Verbraucher entfiel eine Rolle von 200 Meter. Bei Strick- und Stopfgarn sah es dagegen trübe aus. Für Schwarzschlachten wurde ein Metzger zu fünf Wochen Gefängnis und 100 Mk. Geldstrafe verdonnert und in der Eisenbahn von Limburg nach Wiesbaden wurden 37 Kilo frisch geschlachtetes Rindfleisch entdeckt. Der Schieber konnte sich der Entdeckung durch Flucht entziehen. Ein ›Fettregen‹ wurde angekündigt, da die Bucheckern-Ernte sehr gut ausgefallen war. Jedoch: »In Sonnenberg gibt’s keinen Apfelwein mehr. Das ist noch nie dagewesen.«

In den vermischten Meldungen wurde festgehalten, welcher Leutnant aus Wiesbaden zum Oberleutnant befördert worden war und wer mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. In den Todesanzeigen wurde mitgeteilt, dass der Vater, der Bruder, der Ehemann auf dem Feld der Ehre geblieben war. In zahlreichen Anzeigen wurden die formellen Sätze aus der Todesnachricht des Kommandeurs zitiert (»Trotz der wenigen Wochen, die Ihr Mann nur bei uns sein konnte, erwarb er sich die vollkommene Achtung aller Kameraden ...«) und auf dem Südfriedhof reichte das Feld, in dem die Gefallenen »Reih’ an Reih’ – ohne Unterschied ihrer Charge« bestattet wurden, nicht mehr aus. Das benachbarte Feld musste hinzugenommen werden. Und ein Mann mit Duchblick inserierte im ›WT‹: »Offizier, 43 Jahre, sucht sofort nach Kriegsende Tätigkeit irgendwelcher Art.«

Der 14. Oktober brachte den Krieg direkt nach Wiesbaden: Bei einem Fliegerangriff wurden sieben Bomben abgeworfen. Besonders die Riehlstraße wurde hart getroffen. Insgesamt forderte der Angriff dreizehn Tote. In Wiesbaden war die Erregung über diesen Luftangriff ungeheuer, existierten doch in der Stadt keinerlei militärischen Ziele. Wiesbaden war »offene Stadt, in der derzeit Tausende von Verwundeten und Kranke Erholung finden«. Bei der Gelegenheit zeigte sich, dass man auf Fliegerangriffe so gut wie nicht vorbereitet war. Drei Signalschüsse aus einer Signalkanone hatten vor dem Angriff warnen sollen, sie waren aber an vielen Stellen nicht zu hören gewesen.

Die Ausgebombten wurden in Hotels untergebracht und das Leben ging weiter. Im Casinosaal wurde ein ›Goetheabend‹ veranstaltet: ›Goethe in Wort und Lied‹, Eintrittspreise: 4, 3 und 2 Mk., Kriegsbeschädigte die Hälfte. Das ›Kinephon‹ spielte ›Das Dreimäderlhaus‹, die ›Kammer-Lichtspiele‹ den Henny-Porten-Film ›Die Sieger‹, das ›U.T.‹ in der Rheinstrasse ›Liebe auf den ersten Blick‹ und das ›Thalia‹ erschütterte sein Publikum mit ›Dr. Schotte‹, einer Arzttragödie in vier Akten, mit Albert Bassermann in der Hauptrolle.

In fast jeder Ausgabe erschien eine Anzeige, die für die 9. Kriegsanleihe warb. So dünn die Zeitung auch geworden war, dafür war immer Platz. An manchen Tagen erschienen sogar halbseitige Anzeigen, von Reichstag und Reichsregierung gemeinsam aufgegeben. Sie versicherten: »Die Kriegsanleihen sind sicher.« Am 8. November meldete die Zeitung: »Das städtische Lyzeum hat 33 775 Mk. Kriegsanleihe gezeichnet.« Die jungen Damen hatten über Wochen Geld gesammelt und eigenes geopfert, um den Krieg mitzufinanzieren. Dennoch machte sich die Synodalversammlung Sorgen über den ›religiös-sittlichen Zustand der Jugend‹. Die Synodalen beklagten, dass die lange Abwesenheit der Väter, der unregelmäßige Schulunterricht und die vielfach mangelhafte häusliche Zucht die Verrohung der Jugend begünstigt habe.

Spätestens Ende Oktober, Anfang November1918 war klar, dass »Deutschland vor Schicksalsentscheidungen steht«, wie die Lokalzeitung formulierte. Der Zerfall der Donaumonarchie vollzog sich vor aller Augen: In Prag hatte ein tschechisch-slowakischer Nationalrat die Regierungsgewalt übernommen und in Budapest rief der Militärrat die Republik aus. Ein Staat ›Deutsch-Österreich‹ begann sich zu etablieren, der sich nach Kriegsende Deutschland anschließen wollte. In Berlin regte Staatssekretär Scheidemann, SPD, die Abdankung des Kaisers an. Die Sozialdemokraten hielten den Thronverzicht für unumgänglich, wollten aber nicht am monarchischen Staatsprinzip rütteln. Das ›Wiesbadener Tagblatt‹ spekulierte am 1. November: »Die Reise des Kaisers in das Große Hauptquartier in Spa dürfte damit im Zusammenhang stehen« und am 2. November: »Fraglos würde ein Verzicht des Kaisers die jetzige Situation erleichtern, aber ein solch bedeutungsvoller Schritt müsste freiwillig durch den Träger der Krone geschehen.«

In den Akten, nicht in der Zeitung wurde festgehalten, wie sehr sich der preußische Minister Drews am 3. November 1918 bemühte, Wilhelm Zwo zur Abdankung zu bewegen. Der preußische König und deutsche Kaiser hielt ihm entgegen: »Na also, nun werde ich Ihnen sagen, wie das Chaos aussieht. Ich danke ab. Alle Dynastien stürzen nach, das Heer hat keinen Führer, die Front löst sich auf und flutet über den Rhein. Die Untreuen rotten sich zusammen, hängen, morden, plündern und die Feinde helfen ihnen dabei. Ich denke gar nicht daran abzudanken! Der König von Preußen darf Deutschland nicht untreu werden!«

Das Geschehen, das zum Kriegsende führte, fand jedoch weder im belgischen Badeort Spa noch in Berlin, Wien, London oder Paris statt. Es ereignete sich an der deutschen Küste: Am 29. Oktober 1918 weigerten sich die Mannschaften zahlreicher Kriegsschiffe in Kiel und Wilhelmshaven, dem Befehl zum Auslaufen Folge zu leisten. Sie waren nicht bereit, um der Ehre ihrer Offiziere willen in den sicheren Tod zu gehen. Mit dem militärisch unsinnigen Einsatzbefehl hatte die deutsche Admiralität nämlich ihren Ruf retten wollen, nach dem Motto: Lieber tot als rot! Die ›ruhmgekrönte stolze Flotte‹ sollte lieber untergehen, hieß es in der Seekriegsleitung, »ehe sie zum Handelsobjekt in einem schimpflichen Frieden« wird. Als sich die Matrosen weigerten, dem Befehl zum Auslaufen zu folgen, gab es Verhaftungen, dann Demonstrationen. Soldatenräte wurden gebildet, die Werftarbeiter traten in den Generalstreik. In den ersten Novembertagen übernahmen die Matrosen und Arbeiter die Macht – zunächst in Kiel, dann folgte eine Stadt nach der anderen.

Der Aufstand der Matrosen wirkte wie ein Funke im Pulverfass. Innerhalb weniger Tage erhoben sich Soldaten und Arbeiter im gesamten Reichsgebiet. Bis zum 9. November übernahmen sie die militärische und politische Gewalt in allen wichtigen Städten des Reiches, und dies alles ohne ernsthafte Kämpfe und Blutvergießen.

Das ›Tagblatt‹ berichtete über die revolutionären Vorgänge zum ersten Mal in der Abendausgabe des 6. November unter der nüchternen Überschrift: ›Verhandlungen mit den Matrosen in Kiel‹ und am 7. November unter dem Titel: ›Nur nicht den Kopf verlieren!‹

Die allerletzte Entscheidung über Fortsetzung oder Ende des Krieges fiel am Vormittag des 9. November – sowohl in Spa wie in Berlin. In einem kaum geheizten Hotel, dem Hauptquartier der Armee, berieten die höchsten Frontoffiziere zusammen mit Seiner Majestät Wilhelm II. Da Hindenburg düster schwieg, führte der süddeutsche General Wilhelm Groener den entscheidenden Schlag gegen die Monarchie: »Das Heer wird unter seinen Führern und Kommandierenden Generalen in Ruhe und Ordnung in die Heimat zurückmarschieren, aber nicht unter dem Befehl Eurer Majestät, denn es steht nicht mehr hinter Eurer Majestät.«

General Groener ließ über seinen Vorschlag abstimmen. Von den anwesenden 39 Frontoffizieren votierten nur zwei dagegen. Wilhelm II. weigerte sich dennoch abzutreten.

Am gleichen Vormittag spitzten sich auch in Berlin die Dinge zu. Ohne Wissen um den Stand der Verhandlungen in Spa verkündete Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers und übertrug die Regierungsgeschäfte an den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Am Mittag dieses Tages rief Philipp Scheidemann, der frühere Fraktionsvorsitzende der SPD im Reichstag, nun Staatssekretär, die Deutsche Republik aus. Ohne Absprache mit Ebert!

Als am frühen Nachmittag in Spa die Meldung der vorgeblichen Abdankung des Kaisers zusammen mit weiteren Aufstandsnachrichten eintrifft, verliert man dort den letzten Rest an Kaltblütigkeit. Hindenburg, der spätere Ersatz-Kaiser, zu Wilhelm II.: »Ich muss Eure Majestät dringend ersuchen, sofort abzudanken und nach Holland abzureisen. Ich kann es als preußischer General nicht verantworten, dass Sie von Ihren eigenen Truppen verhaftet und der revolutionären Regierung ausgeliefert werden.« Endlich gibt Kaiser Wilhelm - seit über dreißig Jahren Deutschlands Monarch - nach: »Wenn es denn sein muss! Aber nicht vor morgen früh!«

Die Morgenausgabe des ›Wiesbadener Tagblatts‹ vom Samstag, 9. November 1918 bringt die Überschriften: »Die deutsche Umwälzung, Rücktritt des Reichskanzlers. Die SPD mahnt zur Ruhe. Der Frieden ist gesichert. In wenigen Stunden wird die Waffenruhe eingetreten sein. Nur jetzt keine Unbesonnenheiten!« Und in der Abendausgabe geht die Überschrift über die ganze Seite: «Das Ende des preußisch-deutschen Obrigkeitsstaates. Endlich Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen!«

Im lokalen Teil wird vermeldet, dass »die Gemüter aufs Höchste erregt« seien. Auch in Wiesbaden hatte sich ein Soldatenrat gebildet. Es wird berichtet, man sehe bereits viele Soldaten ohne Kokarde, dafür mit roten Bändern im Knopfloch, Offiziere kaum noch. »Einem Major wurde von älteren Soldaten die Achselstücke abgerissen, weil er sie in herrischem Ton aufforderte, die Zigaretten aus dem Schnabel zu nehmen«. An der Kreuzung Marktstrasse mit Kirch- und Langgasse kam es zu Menschenansammlungen, ansonsten Besonnenheit. Am Sonntag, 10. November, wird eine Proklamation des neuen Reichskanzlers Ebert abgedruckt: »Die Regierung wird eine Volksregierung sein!« Außerdem wird mitgeteilt, dass eine Abordnung des Soldatenrats beim Oberbürgermeister war. Im Interesse der Aufrechterhaltung der Ordnung habe er dem OB bessere abendliche Beleuchtung nahegelegt und dieser hatte zusagt, die Anregung aufzugreifen.

Die Revolution war in vernünftigen Händen.

Erschienen im ›Wiesbadener Tagblatt‹ am 6. September 2002 unter dem Titel ›Matrosenaufstand – wie ein Funke im Pulverfass‹