Wiesbadener Tagblatt: 1914

5. September 2002

August 1914

Von Hans Dieter Schreeb

Hätten die Europäer im Sommer 1914 geahnt, was vor ihnen lag, sie wären verzweifelt. Vor ihnen lagen die schrecklichsten Zeiten, die der Kontinent je durchlitten hat: Jahrzehnte des Unglücks, des Grauens, des Todes, der finstersten Dunkelheit.

Bemerkenswert, wie hellsichtig das ›Wiesbadener Tagblatt‹ am 31. Juli 1914 formulierte: »Damit ist die Schicksalsstunde des Deutschen Reiches angebrochen. Es gilt die Existenz unseres Staatswesens!« Zu der Zeit waren Heer und Marine zwar schon mobilisiert, der Krieg gegen Russland, England und Frankreich aber noch nicht erklärt. Noch gab es einen Funken Hoffnung.

Die Wiesbadener Hausfrauen reagierten hysterisch: Kauften, was zu kaufen war, und die Sparer holten ihr Geld von den Banken. Die Geschäftsleute weigerten sich, Papiergeld anzunehmen – plötzlich zählten nur noch Gold und Silber.

Liest man die Zeitungsberichte von damals nach, kann man nicht anders, als an den Untergang der ›Titanic‹ zu denken. Eben noch das ›unsinkbare‹ stolze Schiff voller Schönheit und raffinierten Luxus’ und einen Augenblick später unrettbar verloren. Hier eine politische Krise der üblichen Art, die sich zur großen Katastrophe eines ganzen Kontinents, ja, der ganzen Welt ausweitet.

Der Sommer 1914 war ein Bilderbuchsommer. An manchen Tagen war die Hitze so groß, dass der Asphalt auf den Strassen aufweichte. Wiesbaden lebte von reichen Fremden, den ›Kurgästen‹ aus aller Welt, und wehrte sich gegen die Ansiedlung von Industrie. In einem Leserbrief hieß es, Wiesbaden sei unter anderem deshalb so angenehm, »weil man hier fast nur gutgekleidete Menschen mit durchweg höflichen Manieren trifft. Arbeiter auf der Wilhelmstrasse würden einen schlechten Gegensatz zum bisherigen Bild geben.«

Dem Amüsement dienten vier Theater und einige Lichtspielhäuser. Die große Sensation dieses Sommers war aber die ›Bluttat von Paris‹. Da hatte Madame Caillaux, die Frau des französischen Finanzministers, einen Zeitungsherausgeber erschossen, der ihren Mann in immer neuen Artikeln angegriffen hatte. Minister Caillaux verteidigte seine Frau höchstselbst vor Gericht. Über viele, sehr lange Spalten hin wurde dieser Prozess auch im ›Tagblatt‹ ausgewalzt. Der Freispruch kam in den Momenten der Mobilmachung. Aber selbst da wurden noch alle Details des Urteils mitgeteilt.

Über das Attentat von Sarajevo wurde anfangs knapp und sachlich berichtet, nicht anders als über die übrigen Konflikte in aller Welt. Zu der Zeit gab es Krisen in Albanien, in Algerien und in Mexiko, Brasilien stand vor dem Bankrott und in Frankreich waren die politischen Verhältnisse äußerst verworren.

Und nun noch dieses Attentat!

Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger

Österreich-Ungarns, und seine Frau Sophie Gräfin Chotek, seit 1909 Ihre Hoheit Herzogin von Hohenberg, waren am 28. Juni 1914 beim Besuch von Sarajewo, der Hauptstadt der k. und k.-Provinz Bosnien und Herzegowina, in ihrer Kutsche erschossen worden. Gavrilo Princip, der Täter, ein Nationalist aus dem Nachbarland Serbien, wurde noch am Tatort verhaftet.

In den Zeitungen wurde über die politischen Auswirkungen debattiert, über den Thronfolger verlor man relativ wenige Worte: Franz Ferdinand war sein Leben lang ein Unglücksrabe gewesen. Er war ein Neffe des Kaisers, nur durch das ›Drama von Mayerling‹ und den Tod seines Vaters und dessen älteren Bruders Max überhaupt in die Thronfolge geraten. Seine Mutter war an Tuberkulose gestorben und er selbst hatte jahrelang an Lungen-Tbc gelitten. Wider das allgemeine Erwarten war er genesen. Dann wollte er unter allen Umständen die Gräfin Sophie Chotek von Chotkowa und Wognin heiraten, fünf Jahre jünger als er und Hofdame. Sie war zwar aus altem böhmischen Adel, ihr Rang war jedoch so gering, dass sie für ein Mitglied des Kaiserhauses ›nicht standesgemäß‹ war. Ein Jahr lang verweigerte Kaiser Franz Joseph sein Einverständnis zur Eheschließung. Endlich gab er unter der Bedingung nach, dass die Ehe morganatisch sein würde. Bedeutete, dass weder Franz Ferdinands Gattin noch ihre Kinder Mitglieder des Kaiserhauses wurden.

In den Berichten, die wegen des Attentats von Sarajewo erschienen, spielte diese Frage eine große Rolle: Darf die Gemahlin des Thronfolgers mit ihrem Mann gemeinsam beerdigt werden? Ja oder nein? Am Ende durfte sie. Wegen seiner morganatischen Ehe wurde dem Thronfolger aber nicht mal ein Staatsbegräbnis bewilligt! Und das im nach der schönen Leich’ süchtigen Wien.

Die politischen Folgen des Attentats schienen vierzehn Tage lang nicht weiter bedeutend zu sein. Für den normalen Zeitungsleser sah es aus, als werde die Diplomatie den Vorfall schon irgendwie aus der Welt schaffen. Das ›Tagblatt‹ meldete zum Beispiel, dass der serbische Gesandte in Paris nicht daran glaube, dass es zu einem ernstlichen Gegensatz zwischen Österreich und Serbien kommen könne.

Für die Wiesbadener waren der Sommerschluss­verkauf mit seinen unglaublich günstigen Angeboten (›Damen-Beinkleid mit Stickerei-Volant nur 1.95 M.‹) und die Frage, ob die Geschäfte künftig sonntags geschlossen halten sollten, wesentlich interessanter.

Erst am 16. Juli war überhaupt wieder von österreichisch-serbischen Spannungen zu lesen. Aber auch dies musste nicht unbedingt beunruhigen. Poincaré, der Präsident Frankreichs, reiste da in aller Seelenruhe nach Russland. In Mexiko gab der Präsident auf und Kaiser Wilhelm trat an Bord seiner

Yacht seine jährliche, von ihm so geschätzte ›Nordland­reise‹ an. Die deutsche Hochseeflotte begann ihre Sommerübungen. In Erbenheim fanden bei herrlichstem Sonnenschein Pferderennen statt; Sieger unter anderem ›Blue Darling‹, ›Cherry‹ und ›Bauernfänger‹.

Am 20. Juli spekulierte jemand darauf, dass der große, schon so lange vorhergesagte Krieg für das Jahr 1915 bevorstehe. Das Tagblatt kommentierte dies mit der knappen Bemerkung: »Das ist bloße Ansichtssache.«

In der Abendausgabe vom 21. Juli wechselte der Ton. Nun wurde vom ›Ernst der Lage‹ gesprochen. Angeblich hing nun alles von der Reaktion Serbiens auf Forderungen der Wiener Regierung ab: »Man kann nicht wissen, was geschehen wird, und jedenfalls wird es eine Schicksalsstunde sein, in der die Wiener Note vorgelegt wird.«

Am 23. Juli hieß es dann: »Die politische Situation wird in Österreich als außerordentlich ernst aufgefasst.« und am 24. Juli: »Drohen Verwicklungen? Tritt Russland aus seiner Zurückhaltung? Wir sind der Meinung, dass diese Fragen verneint werden müssen.«

Alle Wiener und Berliner Morgenblätter, berichtete die Zeitung in ihrer Abendausgabe, stellten nun dar, wie angespannt die Situation sei. Zum ersten Mal wurde der Ton pessimistisch: »Friedliche Verständigung ist vielleicht nicht zu erreichen.« Die aufkeimende Angst ist zu spüren und berechtigt. Krieg zwischen Serbien und Österreich würde auch Deutschland betreffen, Österreich durch Verträge und ›Nibelungentreue‹ verbunden..

In der Abendausgabe des 27.Juli geht die Überschrift über die ganze Seitenbreite: »Europas Schicksalsstunde?« Im Text heißt es: »So erhebt anscheinend die Kriegsfurie auf dem Balkan aufs neue ihr Haupt.«

Extrablätter meldeten den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Belgrad und Wien. Das Volk reagierte wie aufgeputscht. »Seit dem Juli 1870 hat man in Deutschland nicht mehr solche Szenen patriotischer Erregung und solcher Kriegsbegeisterung gesehen wie in Berlin, Hamburg, München, Kiel.«

In Wiesbaden herrschte nicht weniger Hurrastimmung als anderswo. »Besonders abends sind die Straßen außerordentlich belebt. Es wird diskutiert: ob die Serben bald geschlagen, ob die Russen sich einmischen und Deutschland dadurch hineingezogen werden könnte, die Haltung Englands und Frankreichs.«

Am 28. Juli meldete die Zeitung: »Noch Hoffnung auf Beilegung!« und am selben Tag: »Ängstliche Sparer werden erneut darauf hingewiesen, dass Sparkassengelder auch in Kriegszeiten nicht beschlagnahmt werden.«

Am 30. Juli sprengten die Serben die Donaubrücken und die örtliche SPD hielt im ›Gewerkschaftshaus‹ eine Versammlung gegen den Krieg ab. Auffallend viele Frauen nahmen daran teil und am Schluss wurde eine Resolution einstimmig angenommen.

Allerletzte Hoffnung, den großen Krieg doch noch vermeiden zu können, setzte man auf einen Austausch von Depeschen zwischen Kaiser und Zar, ›Vetter Nicky‹ genannt.

Am 31. Juli befindet sich Deutschland dann im Kriegszustand. Die Preise gingen sofort in die Höhe und viele Läden wurden geschlossen. Die ›Vereinsbank‹ inserierte: »Wir haben genügend Geld vorrätig!« Und die Bäckerinnung teilte mit, dass ausreichend Mehlvorräte vorhanden seien.

Die Schlagzeile des ›Wiesbadener Tagblatts‹ vom 1. August 1914: »Der Kriegszustand in Deutschland – vor dem Weltkrieg«. Im Leitartikel heißt es: »Lieb Vaterland, kannst ruhig sein«. Feste und Bälle, soweit geplant, entfielen. Am Sonntag, 2. August, lief die Überschrift wieder über die ganze Zeitungsbreite. Sie liest sich, als sei sie von Goebbels erfunden: »Deutsches Volk, steh auf!« In der Abendausgabe wird gemeldet, dass der Kaiser ›heute Nachmittag den Krieg an die kaiserlich-russische Regierung erklärt‹ hat. Deutsche Frauen und Mädchen sollten sich im Krieg als Krankenpflegerinnen bewähren.

Am 3. August lautet die Überschrift: »Der Weltkrieg! Deutschland in Waffen!« Im Text wird davon gesprochen, dass sich das Bild der Stadt gewandelt habe. Man sehe nun vor allem Feldgrau und neue Stiefel. Spione wurden dutzendweise festgenommen und kurze Zeit drauf wieder freigelassen. Wer jetzt viel fragte, machte sich verdächtigt. Ausländer mussten innerhalb von Stunden die Stadt verlassen und die jungen Männer ›rückten zur Armee ab‹, Gestellungsort war der Luisenplatz. Von dort marschierte man, patriotische Lieder singend, zum Bahnhof. Landesbank und Nassauische Sparkasse mussten bereits in den ersten Tagen des Krieges ein Drittel ihrer Beamten abgeben, von den Angestellten des Kurhauses rückte die Hälfte ein. Der Kurhaus­restaurateur hielt eine kernige Rede und überreichte jedem der Eingezogenen eine ansehnliche Extragratifikation. Auch zahlreiche technische Kräfte des Theaters mussten sich zu den Fahnen begeben, sogar Herr Bohne, ein stimmgewaltiger Bariton des Hauses.

Die evangelische Kirchengemeinde Wiesbaden hielt täglich ›Kriegsbetstunden‹ ab und brachte bald ein Büchlein ›Krieglieder und Gebete‹ heraus: »Im Streite zur Seite ist Gott uns gestanden; Er wollte, es sollte das Recht siegreich sein. Da ward, kaum begonnen, die Schlacht schon gewonnen; Du, Gott, warst mit uns. Der Sieg, er war Dein!«

Ohne Zweifel bedankten sich die Gläubigen da für den Ausgang der Schlacht bei Tannenberg, für die ›Ardennenschlacht‹, das Seegefecht bei Helgoland, all die großartigen Anfangserfolge, und ganz gewiss für den scheinbar so gloriosen Vorstoß nach Frankreich. Gemäß dem ›Schlieffenplan‹, dem von Generalfeldmarschall von Schlieffen ausgearbeiteten Kriegsplan, stießen die deutschen Truppen in unglaublicher Schnelligkeit durch die Niederlande und Belgien in Richtung Nordfrankreich vor; Ziel Paris. Die Soldaten der Pariser Garnison – mehrere tausend Mann, in sechshundert Taxis an die Front transportiert – brachten die deutschen Truppen dann überraschend an der Marne zum Stillstand. Das große Schlachten konnte beginnen.

Lange Zeit ging man davon aus, das deutsche Militär sei 1914 im Glauben an einen kurzen, siegreichen Feldzug in den Krieg gezogen. Das Gegenteil war richtig. Vor allem der Generalstab rechnete mit einem langwierigen, furchtbaren Krieg – und mit der Niederlage Deutschlands.

Die Überlegung hieß: Das Unmögliche muss möglich gemacht werden, sonst ist alles verloren

Doch die Befürchtungen, nein, die durchaus realistischen Erwartungen der Militärs führten keineswegs dazu, dass die militärische Elite vom Krieg abriet. Im Gegenteil, bei jeder internationalen Krise drängte sie die politische Führung zum Losschlagen. Moltke, der Chef des Generalstabs, warnte Reichskanzler Bethmann Hollweg in einem Schreiben vom 28. Juli 1914, dass ein Weltkrieg bevorstehe, der »die Kultur fast des gesamten Europas auf Jahrzehnte hinaus vernichten« werde. Dennoch verlangte er, Maßnahmen zu ergreifen, die den Krieg herbeiführe!

Es ist schwer, diesen Widerspruch zwischen den pessimistischen Erwartungen der Militärs und dem gleichzeitigem Drängen auf sofortiges Losschlagen zu erklären. Im Grunde gibt es nur eine Erklärung: Der Generalstab, die geistige Elite der Armee, war im Sommer 1914 mit seinem Latein am Ende.

Für die Eingeweihten war der Krieg schon in der ersten Augustwoche verloren. Doch einige Kameraden sahen der drohenden Katastrophe frohen Mutes ins Auge. So schrieb Generalfeldmarschall von der Goltz nach Kriegsausbruch an General von Mudra: »Mein liebster teurer Freund, Ja! Jetzt gehts aufs Ganze. Schade daß es so spät kam – gut, daß es nicht später gekommen ist.« Und Kriegsminister Erich von Falkenhayn erklärte dem entsetzten Reichskanzler am 4. August 1914: »…wenn wir auch darüber zugrunde gehen, schön war’s doch.«

Erschienen im ›Wiesbadener Tagblatt‹ am 5. September 2002 unter dem Titel ›Im Laden zählten nur Gold und Silber‹