FR: Viel Sorge, viel Kummer und Bitternis ...

11. Juli 2001

Über Elisabeth von Heyking

Am 25. September 1897 schrieb Elisabeth von Heyking, geborene von Flemming, in ihr Tagebuch: „Viel Sorge, viel Kummer und viel Bitternis gegen diese neue Ungerechtigkeit, daß wir als letzte Flemmings von den ganzen Flemming‘schen Gütern auch nicht das kleinste Eckchen haben werden. Mit einem Federstrich hätte uns der Onkel von all unseren Sorgen erlösen können....“

Und ein paar Zeilen weiter, immer noch unter dem Datum des 25. Septembers, präzisiert sie ihre Lebensangst: „Einerseits Geldsorgen, quälende Gedanken über die Zukunft der Kinder, gänzliche homelessness, andererseits dienstliche Kränkungen; fortwährendes Schieben an einem Stein, der nicht rollen will; wissen, was Deutschland hier not täte, aber es nicht ausrichten dürfen; sich immer wieder stoßen an kleinen gemeinen Seelen, die aber eine unterirdische Macht besitzen; dazu eine gänzlich aufgeriebene, zerrüttete Gesundheit und täglich mehr zunehmende Schwermut. O Gott, hilf uns!“

Das sind zwar leicht nachzuvollziehende Sorgen. Man vermutet sie aber nicht bei der Ehefrau eines deutschen Gesandten. Ihr Mann, Edmund von Heyking, war nämlich zu der Zeit – präzise von 1896 bis 1899 – der Bevollmächtigte des Deutschen Kaiserreichs am Pekinger Hof. (Sein Nachfolger, Freiherr von Ketteler, wurde 1900, zu Beginn des ‚Boxeraufstands‘, auf offener Straße erschossen. Angeblich seinetwegen setzte das Reich eine Armee gegen China in Marsch.)

Die Frau, die sich solche Sorgen um die Zukunft machte, gab sich nach außen als patent, energisch; sie wollte ihrem Mann beistehen, wie es nur ging, und erledigte auch wirklich routiniert die üblichen Pflichten einer Diplomatenfrau. Sie machte sogar etwas mehr als sie musste und sollte. Das ging soweit, dass sie eigenhändig die Chiffriermaschine bediente und die Depeschen mit dem Vermerk ‘Nur vom Gesandten persönlich zu dechiffrieren‘ knackte.

In Wahrheit hatte sie aber andere Fähigkeiten, als Diners zu organisieren und Honneurs zu machen. Sie konnte beobachten und sie konnte schreiben. Wenige Jahre nach dem erwähnten Tagebucheintrag brachte sie einen Roman heraus, mit dem sie sich ein für allemal einen Platz im Lexikon sicherte: ‚Briefe, die ihn nicht erreichten‘. Er war mit rund anderthalb Millionen Auflage der Bestseller vom Anfang des Jahrhunderts. Allein im Jahre 1903, dem Jahr, in dem das Buch herauskam, erreichte es neunundsechzig Auflagen. Es wurde in zahlreiche ‚Kultursprachen‘ übersetzt und machte die Autorin (wieder) reich. Von den Honoraren kaufte sie das Schloss Crossen, das ihr bei der Erbteilung entgangen war, einen oft umgebauten Bau aus dem 12. Jahrhundert, den Stammsitz der Flemmings.

Die Fotos, die es von ihr noch gibt, zeigen eine schöne Frau in mittleren Jahren ‚beim Ordnen von Pflanzen in Schloss Crossen‘, ‚in der Galerie des Schlosses Crossen‘ und: ‚Mit ihrem Gatten, Baron von Heyking‘. Erhalten ist auch ein Foto des ‚Goethezimmers in Schloss Crossen‘ mit einem Porträt der Bettina von Arnim, der Großmutter der Erfolgsschriftstellerin.

Briefe, die ihn nicht erreichten‘ ist ein raffiniert konstruiertes Buch.Auf den ersten Blick bietet es nichts als Reisebeschreibungen; auf den zweiten lernt man eine Frau kennen, die sich nach Liebe sehnt und keine findet. Der Inhalt: Eine Frau fährt (zusammen mit ihrem Bruder, einem Geschäftsmann) von Japan aus durch Kanada und die Vereinigten Staaten nach Europa und später wieder zurück nach Amerika. Im Abstand erst von Wochen, dann von Tagen schreibt sie einem Mann Briefe. Dieser Mann ist als Forschungsreisender in China unterwegs; deswegen gehen die Briefe an eine Adresse in Shanghai. Der Mann antwortet niemals. Man weiß nicht, ist er ein Freund oder ein Liebhaber, man erfährt nicht einmal seinen Namen. Er könnte sogar eine reine Fiktion sein.

Ungefähr in der Mitte des schmalen Bandes ist die Briefschreiberin in Berlin. Es ist Mai 1900 und nun heißt es: „Warum habe ich Ihnen so lange nicht geschrieben? Ich könnte sagen, daß es mir an Zeit gefehlt. Das wäre aber nicht wahr. Ein dunkles Gefühl hat mich davon zurückgehalten, das ich mir selbst kaum zu erklären vermag. Eine Scheu. Eine letzte Loyalität, die Schweigen heißt... Er, von dem wir nie gesprochen, ist gestorben.“

Erst hier erfährt die Leserin, der Leser, dass die Heldin verheiratet war und dass ihr Ehemann seit Jahren in einer Psychiatrischen Anstalt lebte. „Nun stand ich an einem Grab. Auch ein armer, verschwendeter Mensch, der da unten ruht. Hat mir nichts Übles gewollt – liebte mich sogar einstmals auf seine Art – es kursiert ja so viel Verschiedenes unter diesem Namen. Hat mir nichts Übles gewollt – hat nur mein Leben vernichtet – hat dazu gerade lange genug leben müssen – in allem anderen auch nur ein armes, zweckloses Dasein. Niemand kann darauf Antwort geben: warum mußte er sein und selbst so viel leiden und so viel Leiden verursachen?“

Danach wird etwas Idylle geboten, unter anderem wird das Städtchen Garzin beschrieben, neuerdings Sommerfrische, und das ‚Grandhotel Buckingham‘, Unter den Linden. Es ist „le dernier cri des Eleganten“. Allerdings: „Es fehlt an großen Kleiderschränken, dafür hat man in den Wohnzimmern wacklige Louis XVI.-Etageren, auf denen zerbrechliche Nippes stehen.“ Neben solch präzisen Angaben über Alltäglichkeiten steht knapp formulierte Liebessehnsucht: „Jemand hat jemand getroffen, der Sie gesehen hat – und davon muss man nun wieder lange zehren!“

Die nächsten Briefe kommen aus Cherbourg und von Bord des Dampfers „Kaiser Wilhelm der Große“. Die Heldin ist jetzt auf dem Weg nach New York und dort erreichen sie beunruhigende Nachrichten aus China; die ‚Boxer‘ massakrieren Ausländer und chinesische Christen. Am 14. Juni erfährt sie, dass die ‚Boxer‘ die Gesandtschaften und Botschaften in Peking belagern; dann werden die Telegrafenleitungen unterbrochen: „Der entsetzliche Traum dauert weiter, keine Nachricht aus Peking, und schlimmer als alles, keine Nachricht von Ihnen. Ach, wo sind Sie, lieber Freund?“

Nach Wochen treffen wieder Nachrichten ein; für die Ausländer in den Gesandtschaften ist alles halbwegs glücklich ausgegangen. Am 21. August jubiliert die Schreiberin: „Heute, liebster Freund, fühle ich, daß ich ganz sicher von Ihnen Nachricht bekommen muß, und dann soll der Brief gleich abgehen. Er soll Ihnen sagen ...“ Der Text reißt ab; ohne Übergang erfährt man, der Freund ist umgekommen, die Heldin versucht Selbstmord und ihre letzten Zeilen lauten: „... warten ... immer wieder warten ... und dann? ... nichts?“

Diese unerfüllte Liebe war sicher der eigentliche Reiz des Buches. Zum Erfolg trug damals ohne Zweifel bei, dass es die ‚chinesischen Unruhen‘ als Hintergrund hatte und nicht lange nach dem ‚Boxeraufstand‘ herauskam. Wie sehr hatten die Vorgänge in China Europa und speziell Deutschland aufgewühlt! Erstaunlich ist aber, dass die Autorin wesentlich mehr über Amerika und die Amerikaner schrieb als über China und die Chinesen. Alles in allem füllen die entsprechenden Beobachtungen und Meinungen drei, vier Druckseiten. Wäre sie nie in China gewesen, hätte sie dasselbe Buch schreiben können.

Und das bei einer Frau, deren Tagebuch eine wahre Fundgrube ist, wenn man sich über das China der Jahrhundertwende informieren will. Bei jeder Zeile merkt man, man hat es mit jemanden zu tun, der aufmerksam beobachtet und unparteiisch niederschreibt. Man erfährt da über das Aussehen der ‚Kaiserin-Witwe‘ Tz’u-Hsi (sie war über Jahrzehnte die wahre Herrscherin Chinas) und den Dreck auf den Straßen von Peking; liest, dass den selbst im eisigen Winter halbnackten Bettlern die Nasen abfrieren, und von der einen, einzigen ungeheuren Korruption, die das ganze Leben durchzieht.

Der Grund, warum Elisabeth von Heyking in ihrem Erfolgsroman so wenig von China schrieb, wird ein einfacher sein. Wahrscheinlich war sie angewidert von dem, was sie sah und was sie erlebte. Selbst die deutsche Gesandtschaft kam ihr muffig und kalt und verwohnt vor; die Anstrengungen ihres Mannes sinnlos. Von Heyking war von seiner Regierung beauftragt, den Chinesen unter allen Umständen einen Hafen abzupressen. Berlin wollte ein eigenes Hongkong haben. Um das gesteckte Ziel zu erreichen, wollte der Gesandte zunächst einen läppischen Vorfall aufbauschen – ein Provinzgouverneur hatte ihn ungebührlich am Ärmel gezupft! Dann kam ihm ein ‚Zwischenfall‘ sehr gelegen. Zwei deutsche Missionare waren ermordet worden; zur Strafe nahm die kaiserlich-deutsche Regierung einige hundert Quadratkilometer in der Provinz Shantung in Besitz, eine Bucht mit Hinterland, ungefähr so groß wie der Stadtstaat Hamburg. Hier gab es nur einige Fischerhütten und einige Bauerndörfer; die Bucht war aber als Ankerplatz selbst für größte Kriegsschiffe geeignet. Der Gesandte ‚handelte‘ mit der chinesischen Regierung einen Pachtvertrag auf 99 Jahre aus; den Dank des Vaterlandes für diesen Vertrag erfuhr er jedoch nicht. Es gab weder Beförderung noch Anerkennung.

Dass Baron von Heyking, aus dem baltischen Adel stammend, im Dienst nie wirklich reüssierte, hängt ganz wesentlich mit seiner Frau zusammen. Im Grunde verziehen ihr die herrschenden Kreise nie die Aufsässigkeiten ihrer Jugend.

Elisabeth von Heyking war am 10. Dezember 1861 in Karlsruhe geboren worden. Ihr Vater, Albert Graf von Flemming, war der preußische Gesandte im Großherzogtum Baden, damals noch ein souveräner Staat mittlerer Größe; ihre Mutter die vielumschwärmte Armgart von Arnim, Tochter von Achim und Bettina von Arnim. Elisabeth las und schrieb schon mit sechs Jahren deutsch und französisch, rechnete gut und ‚lernte sehr gut Geographie‘. Mit sechzehn hatte sie ihre erste Liebschaft mit einem jungen Offizier; die Eltern machten der Amoure ein hartes Ende. Mit achtzehn (nach dem frühen Tod der Mutter) heiratete sie den Edlen Herrn zu Putlitz; Professor der Nationalökonomie. Die Ehe wurde schrecklich. Eine wohlwollende Biografin umschrieb das so: „Ein Unglücksfall kurz vor der Hochzeit hatte seine von Haus aus gesunde Konstitution geschädigt und wohl die physiologische Grundlage geschaffen für Überreizungszustände, die ihm früher fremd waren.“

Am Tag nach der Hochzeit lernte Elisabeth einen Bekannten ihres Mannes aus dessen Studientagen kennen, einen gutaussehenden Menschen und Autor der Studie ‚Zur Geschichte der Handelsbilanztheorie‘. Über den ersten Teil – ‚Ältere englische Systeme und Theorien‘ – ist das Werk allerdings nie hinausgekommen. Jedenfalls, die junge Mutter und unglückliche Professorengattin trifft sich mit Edmund von Heyking, und daraus erwächst rasch ein Skandal. Der Ehemann bringt sich um; der Selbstmord wird als ‚amerikanisches Duell‘ getarnt. Elisabeth reist mit dem Liebhaber nach Venedig. Der Schwiegervater fährt ihr nach und bringt Elisabeths kleine Tochter bzw. sein Enkelkind an sich. Von Putlitz gibt das kleine Mädchen nicht mehr heraus; Sensationsartikel und ein Sensationsprozess (in drei Instanzen) folgen. Zwei Jahre lang gehört das Schicksal von Elisabeth und ihrer kleinen Tochter zur Morgenlektüre. Kaum hat man ihr das Kind zugesprochen, heiratet sie von Heyking. Das Paar verbringt ein Jahr in Florenz, dann geht von Heyking in den konsularischen Dienst. Er ist erst stellvertretender Konsul in New York, danach Konsul in Valparaiso in Chile. Hier beteiligt sich der gelernte Nationalökonom an gewagten Spekulationen und verliert dabei das gesamte (beträchtliche) Vermögen seiner Frau. Nach Jahren auf drittrangigen Posten gelingt es ihm, in den diplomatischen Dienst zu wechseln; er wird Gesandter in China und Mexiko, endlich in Serbien.

Das Tagebuch der Elisabeth von Heyking endet mit dem 6. Juni 1904, ihrem zwanzigsten Hochzeitstag und auf dem Höhepunkt ihres Triumphes als Autorin. Nicht ohne Stolz notiert sie, sie habe erreicht, daß man ihrem Mann endlich einen europäischen Posten anvertraute. Ein Bekannter habe ihr gesagt: „Die ‚Briefe‘ haben (Reichskanzler) Bülow erreicht! Er hat sich gesagt, daß Sie nicht jemand sind, über den man hinweggehen kann."

Der letzte Satz ihres Tagebuchs: „Zu seltsam, daß die ‚Briefe‘ diese Wirkung gehabt haben!“

Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 11. Juli 1998