Wie die Verlegerin es sieht

22. Oktober 2012
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Tell-Verlagschefin Bettina Migge im Interview mit ›blickpunkt musical – Europas aktuellstes Magazin für Musical und Entertainment‹:

»Von Anfang bis Ende angenehm, spannend, und das Ergebnis stimmt«

»Tell ist bereits die vierte Zusammenarbeit der TSW Musical AG und des Berliner Theaterverlags Gallissas. Nach ›Heidi - Das Musical‹ Teil 1 (2005) und Teil 2 (2007) sowie der Neuinszenierung von ›Die schwarzen Brüder‹ (2010) auf der Walensee-Bühne, widmet sich das Musical von Marc Schubring (Musik), Wolfgang Adenberg (Liedtexte) und Hans Dieter Schreeb (Buch) einem Urschweizer Thema und zugleich einem weltweit bekannten, literarisch geschaffenen Mythos.

blickpunkt musical: Wie kam ›Tell‹ auf die Walensee-Bühne?

Bettina Migge: Der Produzent, die TSW Musical AG, kam auf der Suche nach einem neuen Schweizer Thema nach ›Die schwarzen Brüder‹ auf mich zu. Dann wurden Themen vorgestellt und die Sponsoren gefragt, was sie sich vorstellen könnten. So fiel u. a. auch der Name Tell — und mein erster Gedanke war: Ein Musical über Tell bei den Schweizern ...? Doch Friedrich Schiller war immerhin Deutscher, und ich selbst denke ohnehin nicht in Grenzen. Zunehmend fand ich den Gedanken spannender, auch wenn ich persönlich Schillers Theaterstück ›Wilhelm Tell‹ in der Schule gehasst und es als trockene und schwere Kost empfunden hatte. Als es dann darum ging, wer könnte ›Tell‹ schreiben, habe ich sofort an Hans Dieter Schreeb (angesehener Journalist, Verfasser historischer Romane und Fernsehspiele) gedacht, mit dem ich schon lange zusammenarbeite und dessen Romane ich sehr schätze. 2005 habe ich mit ihm das Hörbuch ›Lilo Kaminski‹ produziert über das deutsche Generalgouvernement in Polen während des Nationalsozialismus. Er vermag es, einem schweren dramatischen Thema eine unglaubliche Leichtigkeit zu geben.

Wenn ich einen Auftrag bekomme, wie jetzt den von der TSW Musical AG, dann muss ich extrem seriöse und kompetente Arbeit abliefern. Das kann ich nur mit Autoren, die ich kenne. Bei ›Tell‹ war es besonders spannend, hier zusätzlich einen sehr erfahrenen, älteren Autor heranzuziehen, der nicht aus dem Musicalbusiness kommt, sondern Autor und wirklich nur Autor ist. Jemand, der Geschichten schreiben kann und in der Lage ist, in nur zwei Stunden mit seiner Leichtfüßigkeit ein dramatisches Geschehen wie dieses zu erzählen. Das gilt auch für seinen Tell, der berührt und zugleich Familienunterhaltung garantiert.

Sein Tell ist ein Mann, der seine Familie betreut und alles für sie tut, auch wenn er nicht immer bei ihr sein kann. Aber er wird nicht weich, er zeigt seine Gefühle nicht einfach, sondern drückt sie anders aus — beispielsweise in Gesten. Das hat Hans Dieter Schreeb in kurzen ausdrucksstarken Sätzen sehr schön gekennzeichnet und ihn gezeigt, wie er ist. Auch die anderen Charaktere hat er sehr klar gezeichnet und in ihrer Sprechweise unterschieden.

Dazu hat Wolfgang Adenberg fantastische Liedtexte geschrieben. Jede einzelne Zeile geht ans Herz. Dabei war der Schiller'sche Text Grundlage, in den immer mal wieder hineingegangen wurde. Doch Adenbergs Texte haben eine sehr schöne eigene Sprache, die er sehr gelungen mit einem Anteil Schiller verbunden hat.

Marc Schubring als Komponist hat sich selbst übertroffen. Es ist ein unendlich schönes Werk entstanden, anders kann ich es nicht sagen. Als der ›Rütlischwur‹ erstmalig fertig war, habe ich zu ihm gesagt: »Ich könnte mir vorstellen, das wird die neue Schweizer Nationalhymne«. Mit etwas mehr Zeit hätte man nach meinem Geschmack vielleicht noch hie und da etwas kürzen können. denn mir sind Balladen im Musical immer zu lang. (lacht)

blickpunkt musical: Dafür ist es eine Uraufführung ...

BM: ... es ist eine Uraufführung, und wir hatten keine Previews, sondern haben gleich mit der Premiere losgelegt. Das Ergebnis ist rundherum stimmig, und dem Publikum hat es absolut gefallen. Ich erinnere mich an die Szene vom ›Tellschuss‹. Dass es Szenenapplaus gibt, ist eher selten, aber hier hatten wir ihn — Abend für Abend — ebenso bei der Szene vom ›Burgenaufstand‹.

Marc Schubring war auch die meiste Zeit bei den Proben vor Ort, hat die Sänger selbst einstudiert, und dabei darauf geachtet, dass sie dem, wie er die Rollen komponiert hat, ganz nahe kommen. Er ist so professionell und angenehm in seiner Arbeit. Alles geschah mit einer solchen Nonchalance – ohne erhobenen Zeigefinger, sondern immer gemeinsam mit den Akteuren. In Zusammenarbeit mit dem musikalischen Leiter Andreas Felber hat er aus jedem Sänger das Beste herausgeholt und auch später noch dazu beigetragen, dass es noch besser wurde. Es ist ganz selten, dass Autoren am Set so willkommen sind wie er.

Ich habe während meiner zweimonatigen Festspieltour zahlreiche Shows gesehen, und bin immer wieder zu ›Tell‹ gefahren, wenn es wieder auf meiner Strecke lag. Jede Aufführung war ganz besonders. Am Dernierentag haben wir dann zusammengesessen und das Ganze Revue passieren lassen. Es war eine tolle Arbeit, wie man sie mit Autoren nicht immer haben kann, weil die Zeit fehlt. Das geht nur, wenn eine Produktion in die Sommermonate fällt wie ›Tell‹.

blickpunkt musical: Dann haben Sie auch sehen können, wie das Stück und die Darsteller sich weiterentwickelt haben.

BM: Und es hat sich noch so fein entwickelt: Unser Tell, Fabian Egli, der ja mehr vom Opernfach kommt, war anfangs noch ein wenig unbeweglich, aber was er dann aus der Rolle gemacht hat, ist fantastisch. Ich habe auch Nikolas Gerden, das Tell-Cover, gesehen, der nur zweimal spielen konnte. Er ist ein ganz anderer Typ, aber es war phänomenal zu sehen, wie jemand, der nie gespielt, sondern es sich immer nur angesehen hatte, am Abend die Rolle übernahm und sie so grandios meisterte. Hut ab vor den Leuten, die dort gespielt haben! Bruno Grassini als niederträchtiger Gessler war zum Niederknien, und sein Auftritt zusammen mit Oliver Koch als der Hauptmann einfach köstlich. Dann Florian Schneider (Schweizer Musicalgröße, Titelrolle ›Das Phantom der Oper‹), der den Grandseigneur des Musicals spielte, Werner Freiherr von Attinghausen. Auch wenn er nicht ganz so viel auf der Bühne zu tun hat, ist das eine immens wichtige Rolle, die im Gedächtnis bleibt, mit einem wunderschönen Song (›Wenn ihr nur einig seid‹) und einem ungemein ausdrucksstarken Monolog, bei dem man an den Lippen des Sprechers hängt. Zu nennen wäre auch Thorsten Kugler, der am Ende den Stauffacher gecovert hat. Das war ganz süß. Wolfgang Grindemann, der ihn sonst spielte, hatte eine ganz bestimmte natürliche Attitüde zu laufen. Thorsten hat diese dann angenommen, obwohl er die Rolle vorher auch nie geprobt hatte. Das war ganz großes Kino mit ihm. Ich habe selten ein solch extrem stimmiges Ensemble erlebt, das sich auch untereinander so wunderbar verstanden hat.

blickpunkt musical: Wie geht es weiter mit ›Tell‹?

BM: Trotz begeisterter Resonanz des Publikums wird es auf der Walensee-Bühne, die alle zwei Jahre ein Musical herausbringt, keine Wiederaufnahme geben. Das Musical wurde aber international sehr bemerkt. Es waren Produzenten aus vielen Ländern bei der Premiere und Vorpremiere. Die Resonanz war klasse, so dass es hoffentlich eine große Resonanz im In- und Ausland geben wird. Bevor wir überhaupt mit ›Tell‹ losgelegt haben, war ich viel in der Welt unterwegs, habe an den entsprechenden Stellen berichtet und mir ein Bild gemacht, wie der Stoff ankommen wird. Es ist für mich immer sehr wichtig, ein Thema zu finden, welches nicht nur in Berlin ankommt, denn es schränkt den Kreis ein und rechnet sich meist nicht. Tell ist ein international bekannter Stoff. Bei einem Meeting in Washington mit wirklich intelligenten Leuten stieß ich sogar auf großes Erstaunen, als ich sagte, es hätte Tell nie gegeben. In der Schweiz ist die Anzahl derer, die überzeugt sind, dass er gelebt hat, auffallend groß. Bei einem Abstecher durch die Supermärkte habe ich mir die einheimischen Produkte angesehen. Es gibt kaum eines, auf dem keine Armbrust oder Tell selbst abgebildet sind.

Wenn man dann mit Leuten spricht, die selbst Stücke entwickeln und fragt, weshalb sie sich bisher nicht an die Figur gewagt haben, heißt es, sie sei eben sehr schweizerisch. Ich erkläre dann, dass dies nur in dem Moment so ist, in dem man sich ihr erstmals nähert. Grundsätzlich hat jedes Land seinen Tell– der Stoff ist adaptierbar und gerade jetzt, mit Blick auf alle politischen Schauplätze dieser Welt, aktueller denn je. Es ist eher eine Ehrfurcht vor diesem typischen Schweizer Thema.

blickpunkt musical: Friedrich Schiller und auch Johann Wolfgang von Goethe, der Schiller bei seiner Entwicklung unterstützt hat, haben einen lebendigen Mythos geschaffen.

BM: Er ist wirklich sehr lebendig. Hans Dieter Schreeb hat seinerzeit das erste Exposé zu Tell geschrieben, mit dem wir dann den Auftrag bekamen. Als wir später die Tell-Recherche-Reise erlebten, hat er es spontan verworfen und gesagt: »Ich muss noch einmal neu anfangen. Ich muss anders an das Thema heran und es so treffen, wie der Schweizer es sich vorstellt«. Er hatte eine große Achtung zunächst vor dem, der das Stück bestellt hat, nämlich dem Produzenten, und dann vor dem Schweizer Publikum.

Trotzdem wurde bis zum Schluss immer noch mal etwas gestrichen, da es bestimmte Worte in Teils Vokabular nicht gab, oder Gegebenheiten der Zeit noch besser angepasst werden mussten. Im Textbuch und in den Regieanweisungen war auch ganz klar vermerkt, wie er wann reagiert. Das ließ natürlich seitens der Produktion wenig Spielraum zu für Interpretationen möglicher Gefühle. Wir haben bei der Recherche und den verschiedenen Reisen – auf den Spuren von Tell – gelernt, wie der Schweizer seinen Tell sieht: Er ist schlichtweg sein Mythos, seine Hauptfigur.

Ich selbst habe Teil inzwischen sehr ins Herz geschlossen (lacht), und mich entschieden, den Schiller'schen Tell jetzt noch einmal zu lesen, obwohl ich diesen natürlich bereits zur Vorbereitung wieder gelesen hatte. Aber jetzt werde ich ihn in dem Gefühl genießen, dass wir damit noch etwas anderes Tolles gemacht haben.

blickpunkt musical: Wann wird es eine CD-Aufnahme geben? Zum einen für die Leute, die Teil nicht gesehen haben, jetzt neugierig werden und sich musika­lisch einen Eindruck verschaffen wollen. Zum anderen natürlich für diejenigen, denen seit ihrem Besuch in Walenstadt Musik und Texte nicht mehr aus dem Kopf gehen.

BM: Zunächst werden wir von Verlagsseite mit unseren eigenen Aufnahmen eine Art Collage vom Stück zusammenstellen. Von den Hauptsongs haben wir sehr schöne Aufnahmen. Das geschieht zu Werbezwecken, und wer es mal hören möchte, kann es von uns bekommen. Wir arbeiten aber auch dran, dass es baldmöglichst eine CD gibt. Dort hatten wir nur 12 Musiker, und Marc Schubring wünscht sich auf jeden Fall ein großes Orchester, insbesondere Streicher und am sehnlichsten wünscht er sich eine Live-Trompete. Es war jetzt nicht möglich, in der Kürze der Zeit, das alles vor Ort auf die Bühne zu stellen, zumal die Orchesterstimmen dafür noch geschrieben werden müssen. Es gab keinen Sinn, etwas zu überstürzen. Das Orchester der Uraufführung bekommen wir in jedem Fall wieder zusammen und lassen dann schreiben. Es wird sicher eine CD geben, aber damit sie so wird, wie wir sie uns vorstellen und wie es das Stück verdient hat. Jetzt geht es erst einmal darum, Partner zu finden und Theater, die das Stück auch spielen. Wir werden auch die Darsteller ansprechen, die jetzt dabei waren. Man könnte jeden Einzelnen von ihnen wieder besetzen, sie waren alle traumhaft.

Bei mir ist die Liebe zum Thema, das ich mir erst gar nicht vorstellen konnte, gewachsen. Dazu noch mit Leuten zu arbeiten, die eine solche Harmonie hineinbringen, dass man es das gesamte Stück hindurch spürt, macht einem die Arbeit noch leichter: ›Tell‹ war von Anfang bis Ende angenehm, spannend und das Ergebnis stimmt.

blickpunkt musical: Vielen Dank für das lebendige und engagierte Gespräch.«

Das Interview führte Barbara Kern.

Es erschien in der Ausgabe Nr. 5/12, September - November 2012,
der zweimonatlich erscheinenden Fachzeitschrift ›blickpunkt musical‹.