Meine Siebziger Jahre

Hans Dieter Schreeb

Volontär und Lokalredakteur bei der Lokalzeitung Ingelheimer Zeitung, Ingelheim. Von 1959 bis 1962 Redakteur beim Südwestfunk (Fernsehen), Baden-Baden, seitdem freier Autor.Arbeit für Funk und FernsehenJahrzehntelange Zusammenarbeit mit Hans Georg Thiemt sowohl bei Drehbüchern von Fernsehspielen und Fernsehserien wie bei Funkmanuskripten. In dieser Zusammenarbeit entstanden viele populäre Fernsehspiele und Fernsehserien für ARD und ZDF, insgesamt mehrere hundert Folgen. Bekannte TV-Serien unter anderem: »Der Kurier der Kaiserin«, »Drei Frauen im Haus« und »Vier Frauen im Haus«, »Der Herr Kottnick«, »Patienten«, »Johannes«, »Gesucht wird ...«, »Ich, Christian Hahn«, »Die Männer von Werk B«, »Moselbrück«.Fernsehspiele unter anderem: »Reise nach Schlangenbad«, »Geldsorgen«, »Wir werden Vater«, mehrere Folgen »Tatort«. Dokumentarspiele unter anderem ›Die U-2-Affäre‹, 1970, ›Die Bilder laufen‹ 1972, ›Das Projekt Honnef‹, 1978. Zahlreiche Hörfunk-Serien unter anderem: »Ich, Christian Hahn«, »Ich gehe zum Schinderhannes«, »Ein Auto müßte man haben«, »Mein lieber Scholly«, »Der Judenbengel«. Auch im Funk insgesamt mehr als hundertfünfzig Folgen. Romane unter anderem:

  • Primadonna, Ullstein Verlag, Hardcover
  • Hinter den Mauern von Peking, Ullstein Verlag, Hardcover und Taschenbuch
  • Hotel Petersburger Hof, Scherz Verlag, Hardcover
  • Hotel Petersburger Hof, Knaur, Taschenbuch
  • Gute Jahre, Verlag Hardt & Wörner, Hardcover
  • Der Bader von Mainz, Ullstein Verlag (Zwölf Taschenbuch - Auflagen, zwei Hardcover - Auflagen)
  • Feuerblumen - Das Geheimnis des Caspar Hauser, Ullstein Verlag, Hardcover und Taschenbuch (Die beiden letzten Titel in Zusammenarbeit mit Hans Georg Thiemt.)

 Eine Anmerkung der Frankfurter Allgemeine ZeitungMittwoch, 17. August 1994 »Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der literarischen Kultur in Deutschland, dass Autoren, deren vornehmliches Ziel die gut gemachte Unterhaltung auf hohem Niveau ist, im Literaturbetrieb und in den Feuilletons ein Schattendasein führen,während zugleich die Tugenden einer solchen Schreibweise - stimmige Figuren, umfassend recherchierter Hintergrund und geschickte Dramaturgie - bei angloamerikanischen Schriftstellern gepriesen werden. Ein solcher Autor ist der 1938 in Wiesbaden geborene Hans Dieter Schreeb. Und es ist kein Zufall, dass am Anfang seiner literarischen Arbeit das Fernsehen stand.« Journalistische ArbeitenArtikel von Hans Dieter Schreeb sind unter anderem veröffentlich worden von: Frankfurter Allgemeine Zeitung Frankfurter Rundschau den Zeitschriften ›Aus dem Antiquariat‹, ›die waage‹, ›Magazin der Tierfreunde‹ und von anderen Publikationen. Seit 2010 erscheint einmal im Monat in den Tageszeitungen Wiesbadener Tagblatt bzw. Wiesbadener Kurier ein "Brief aus Berlin", in dem H.D. Schreeb seine Berliner Eindrücke schildert. Einige dieser "Briefe aus Berlin" sind auf dieser Website nachzulesen. 

 

Theaterstücke und Libretti

  • Frau mit Pelz - Volksstück
  • Hauptsache, wir lieben uns - Ein heiteres Weihnachtsstück
  • Spaßgesellschaft - Liebe in den Zeiten der Globalisierung
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  • Tell, uraufgeführt in Walenstadt
  • Heidi, uraufgeführt in Wien
  • Kohlhiesels Töchter, Uraufführung in Walenstadt
  • Zeppelin, Uraufführung in Füssen (geplant) 

 

 

 

Mein KiezIch wohne seit 2010, mithin seit elf Jahren und zwei Monaten, in Berlin, und während der ganzen Zeit in der Nähe der U-Bahn-Station Platz der Luftbrücke (samt Luftbrücken-Denkmal), des ehemaligen Zentralflughafens Tempelhof und des mittlerweile legendär gewordenen Tempelhofer Feldes. Ich bete darum, dass die anvisierte ›Randbebauung‹ des Feldes zu meinen Lebzeiten nicht kommt. Sie würde den Charakter des in seiner Art einmaligen Freizeitgeländes zerstören. Es ist unglaublich, welche Gefühle von Freiheit und Glück man bei Sonnenaufgang oder Untergang auf den ehemaligen Start- und Landebahnen spüren kann.Nun, das Schöne am Kiez ist, dass jeder selbst bestimmen kann, wo er für ihn anfängt und aufhört. Man muss sich da an keinerlei amtlichen Vorgaben oder Grenzen halten. Deshalb beginnt mein Kiez manchmal an der Marheineckehalle, am Ende der an schönen Sommertagen von Touristen überlaufenen Bergmannstraße. Der ehrgeizige Baustadtrat des Bezirks Kreuzberg möchte aus der Straße ein Reservat für Fußgänger und Fahrradfahrer machen; seine bisherigen Versuche überzeugen nicht und was geplant ist, auch nicht. Die Marheineckehalle ist allerdings eine Markthalle, wie sie mein Herz hat. So was kannte ich bis zu meinem Umzug nach Berlin nur aus Frankfurt oder Stuttgart; und natürlich aus Frankreich. Da hatte jede kleine Stadt eine solche Markthalle. Die Marheineckehalle (benannt nach einem zu seiner Zeit sehr bekannten Theologen) wurde 1892 zur Versorgung der Bevölkerung gebaut und 2007 wieder so hergerichtet, wie sie ursprünglich ausgesehen hatte. Früher gab es in Berlin vierzehn solcher Markthallen; nur einige wenige haben überlebt.Früher liegt bei mir meistens schon Jahrzehnte zurück. Insofern kann ich mich nicht beschweren, dass vieles verschwunden ist, was ich einmal kannte und liebte, einschließlich der Zehn-Pfennig-Kinoprogramme, der Zwanzig-Pfennig-Eistüte und der Serbischen Bohnensuppe für eine Mark bei Horten, später Galeria Horten. Noch später wurde daraus Galeria Kaufhof, aber da gab’s keine Serbische Bohnensuppe mehr.Was nun meinen Kiez angeht, so würde ich an den meisten Tagen eigentlich nur die Manfred-von-Richthofen-Straße und einige Straßen rechts oder links davon so bezeichnen. Die Häuser, die hier stehen, wurden zum großen Teil um die Jahrhundertwende von 1900 angelegt; bürgerlich, repräsentativ, mit eigenen Eingängen und Treppenhäusern fürs Personal und für die Ewigkeit gedacht. Viele der Offiziere, die ihre Soldaten auf dem Tempelhofer Feld exerzieren ließen (spätestens ab 1914 starteten und landeten sie dort ihre Flugzeuge), wohnten in diesen Häusern. Entsprechend war diese Ecke der Stadt lange nur unter dem Namen ›Flieger-Viertel‹ bekannt. Manfred von Richthofen, nach dem meine Straße benannt ist, war der legendäre Rote Baron, ein Held des Ersten Weltkriegs. In der Richthofen-Apotheke unten im Haus hängt ein Bild seines berühmten Dreideckers und am Rand des früheren Flugfeldes gibt es einen Friedhof, in dem die Offiziere und Mannschaften der Kriegszeppeline des Ersten Weltkriegs bestattet sind. Diese Zeppeline konnten Höhen bis zu achttausend Meter erreichen! Kein Flugzeug konnte ihnen dahin folgen. Umso anfälliger waren sie, wenn sie runter mussten.In Berlin gibt’s die Redensart: Er kommt nie aus seinem Kiez raus! Ich komme zwar raus, aber ich müsste nicht. Ich könnte hier leben und sterben, alles ist da. Um die Ecke befindet sich das St. Joseph Krankenhaus. Hier werden jedes Jahr rund 75 000 Patienten ambulant und stationär behandelt; da hätte man wohl auch für mich ein Bett. Ein paar Schritte davon entfernt befindet sich der Bahnhof Südkreuz, der sich zu einem zweiten Hauptbahnhof entwickelt. Man kann von hier aus stündlich mit ICE’s nach Hamburg oder München fahren; von Südkreuz gibt’s auch schnelle direkte Verbindungen zum neuen Berliner Flughafen BER, diesem Unglücksflughafen.In der Manfred-von-Richthofen-Straße selbst existieren zwischen dem Platz der Luftbrücke und dem Adolf-Scheidt-Platz auf vierhundert, fünfhundert Meter Länge mehrere Bäckereien (einschließlich der Hofpfisterei aus München) und, zur Verwunderung meiner Bekannten, auch ein Fleischer vom alten Schlag. Er ist für seine Bratwürste berühmt und wird für diese Bratwürste auch regelmäßig ausgezeichnet. Desweiteren gibt’s hier einen Optiker, einen Fahrradladen, einen Schuster, mehrere Wäscherei-Annahmen, eine Post-Agentur und Bankautomaten. Als ich hier einzog, waren das noch ausgewachsene Bankfilialen; zählt auch schon zu früher. Es gibt hier mehrere Eisdielen; eine ist nur so breit wie eine Tür, andere an heißen Sommertagen Hausfrauentreffpunkt. Das Eis ist hier wie da erstklassig. Man kann in der Straße den ersten Spargel der Saison kaufen, tagesfrische Erdbeeren, Kirschen und im Herbst Steinpilze und Maronen. Es gibt asiatische und italienische Restaurants und solche mit sehr gemischtem Programm. Es gibt einen Juwelier, ein Geschäft für Hörgeräte, ein Sanitätshaus und eine Buchhandlung. Sie hat auch während der Corona-Epidemie geöffnet; weil in Berlin der Buchhandel dem Lebensmittelhandel gleichgestellt ist. Desweiteren existiert hier ein Laden, in dem alte Kisten zu Möbeln verarbeitet werden und glücklicherweise auch EP:Fischer electronic, der Fachhändler meines Vertrauens. Hier habe ich vom Kühlschrank bis zum Waffeleisen alles gekauft, was man für Haus und Küche braucht, einschließlich Staubsauger, Telefonanlage und Fernsehapparat.Der Regierende Bürgermeister ist im Viertel geboren und lebt immer noch hier; die Buchdruckerei seines Vaters befindet sich um die Ecke. Sie ist nun sein Wahlkreisbüro. Früher konnte ich zusehen, wenn er morgens ins Amt fuhr und abends zurückkam. Vor einigen Jahren ist er umgezogen und wohnt nun einige Schritte entfernt in dem Haus, in dem für Berlin der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Hier wurde die Kapitulationsurkunde unterschrieben. Wenn ich ihn treffen wollte, den Regierenden, müsste ich nur samstags in den Lottoladen gehen, in dem er seinen Lottoschein abgibt. Geschieht aber nicht; so etwas würde in der Straße als ungehörig empfunden. Wir haben übrigens zwei Lottoläden hier, auch ausreichend Nagelstudios, einen Butter-Lindner, verschiedene türkische Lebensmittelläden und Blumengeschäfte. Und die beiden Spätis sollten auch nicht vergessen werden, diese spezielle Berliner Institution.Was das Haus angeht, in dem ich wohne – erbaut 1912, zum Teil Wohnungen mit 350 Quadratmeter Wohnfläche; in jedem Fall sehr hohe Decken, die noch den originalen Stuck tragen –, so ist dies ein Universum in sich. Im Erdgeschoss gibt es zwei Kindergärten, einer mit einheimischen Tempelhofer Kindern und ein zweiter, der vor einigen Jahren vom Kreuzberger Chamissoplatz vertrieben wurde und der Kreuzberger Kinder aufzieht. Das sind zwei Welten, Wand an Wand. Die Kreuzberger Kinder werden von ihren radfahrenden Eltern mit einer Höflichkeit angesprochen, dass die Ortansässigen nur die Augen verdrehen. So was gibt’s tatsächlich, scheinen sie stets aufs Neue zu denken. Dabei muss man wissen, dass die Bezirke Kreuzberg und Tempelhof unmittelbare Nachbarn sind; die Dudenstraße, die die Grenze zwischen den Bezirken bildet, ist die Parallelstraße zur Manfred-von-Richthofen-Straße. Insofern wissen die Einen was sie von den Anderen zu halten haben; allem Anschein nach ist das nicht viel.  Im Haus, in dem ich wohne, gibt es Anwaltskanzleien; eine Filmfirma ist gerade ausgezogen, die Räume sind aber schon wieder vermietet. Es gibt Internisten, Fuß- und Ohrenärzte, einen Psychiater und mehrere Psychiaterinnen. Eine Zahnärztin, die gern Kuchen backt, wohnt hier, hat aber ihre Praxis in einem anderen Stadtteil. Trotzdem bin ich ihr treuer und dankbarer Patient. Mit mehreren Menschen im Haus habe ich mich im Laufe der Zeit angefreundet; einer von ihnen, ein bekannter Bildhauer, ist vollkommen unerwartet und gewissermaßen vor unseren Augen gestorben. Es war ein Schock.Zum hundertjährigen Bestehen des Hauses gab’s ein Hoffest; das erste und einzige, das je hier gefeiert wurde. Man kann den Hof nur von den Kellern aus erreichen, insofern wird er nicht genutzt und nicht bepflanzt. Einzig eine überdimensionale Akazie wächst hier. Sie ist mittlerweile so groß und so verwachsen, dass Industriekletterer sie schneiden müssen. Meine Schlafzimmerfenster gehen zu diesem Hof; so ruhig habe ich noch nie gewohnt und noch nie geschlafen; selbst auf dem Land und am Waldrand ist es nach meiner Erfahrung wesentlich lauter.    Insgesamt lebt es sich, so wie ich es kennengelernt habe, in einem Kiez wie in einem Dorf. Jeder weiß was vom Anderen und jeder achtet auch auf den Anderen; das Ganze geschieht aber so diskret und beiläufig, dass das Großstadtgefühl nicht verloren geht. Es ist, allem in allem, eine sehr eigene, dabei aber sehr angenehme Lebensart.Wobei der Begriff Kiez, der so alt und so eingewachsen klingt, erst seit den siebziger, achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts benutzt wird, anfangs in West-, dann auch in Ost-Berlin. Jeder Berlin-Führer erzählt von den Kietzen (mit tz), die es schon zur Slawen-Zeit hier gab. Als geschätzte Heimat, als Viertel, in dem man sich zu Hause fühlt, wird der Begriff aber erst seit dreißig, vierzig Jahren benutzt. Ursprünglich war er negativ besetzt; vor der Umwandlung des Wortes umfasste ein Kiez nur Berliner Bürgerhäuser mit dunklen Hinterhäusern und Hinterhöfen, sogenannte Mietskasernen, und die meisten davon waren in einem Zustand, dass die Stadtplanung sie abreißen wollte. Mittlerweile werden auch Neubau-Viertel von den Immobilienhändlern mit Begriffen wie Spandauer Wasserkiez geadelt. Das neue Quartier an Hauptbahnhof und Heidestraße taucht in den Zeitungen sogar als Milliarden-Kiez auf.Man kann alles übertreiben.   CharlotteWenn ich mir eine Scheibe Brot röste, denke ich an sie; vielleicht nicht immer, aber meistens. Manchmal muss ich nur einen Toaster im Schaufenster sehen, schon fällt sie mir wieder ein – Charlotte, die erste Frau, mit der ich Tisch und Bett teilte.Das ist ein halbes Jahrhundert her. Ich war damals Anfang zwanzig, junger Redakteur des Südwestfunk-Werbefernsehens in Baden-Baden, sie einige Jahre älter und Cutterin mit einem gewissen Nimbus. Nichts sprach dafür, dass ausgerechnet wir ein Paar werden sollten. Ich trat damals auf wie ein gesetzter älterer Herr (immerhin hatte ich einige prägende Jahre in einem Bischöflichen Konvikt hinter mir), sie wie eine Frau aus den goldenen Zwanzigern. Sie war der ›Garçonne‹-Typ wie aus dem Bilderbuch, selbstbewusst, ohne viel Rücksicht auf die Meinung anderer. Auch finanziell war sie unabhängig; die Arbeit, die sie machte, brauchte sie nicht. Sie besaß eine Villa am Wannsee und den neuesten DKW 3=6 mit sagenhaften 40 PS und Lenkradschaltung. Eigentlich wollte sie sich immer einen Sportwagen zulegen. Ich riet dringend davon ab. Unpraktisch! Viel weniger Auto für viel mehr Geld! Ich darf mir gar nicht vorstellen, wie sich mein Leben entwickelt hätte, hätte sie nicht auf mich gehört und wir wären mit offenem Dach an die Riviera gefahren oder nach Spanien, das von den Trendsettern damals gerade entdeckt wurde.Aber auch in ihr steckte offenbar viel Bürgerliches. Wenn ich nur daran denke, wo und wie wir Urlaub machten: Einmal in einer französischen Familienpension in Vichy; so typisch französisch, dass sie in jeder ›Monsieur-Hulot‹-Komödie hätte vorkommen können. Um acht Uhr abends wurde gegessen; es gab erst was, wenn alle an ihrem Platz saßen und während des Essens wurde über Gesundheitsprobleme, das Wetter und die Familie gesprochen. Die deutsche Besatzungszeit wurde aus Rücksicht auf uns ausgeklammert, nicht ganz einfach in Vichy, immerhin während des Krieges Sitz der den Nazis zugeneigten Pétain-Regierung. Ein anderes Mal haben wir vier Sommerwochen in der Bretagne verbracht. Ich werde nie vergessen, wie viele Sorten Besteck dazu gehörten, die riesigen Platten ›Meeresfrüchte‹ korrekt zu verputzen. Selbst Hummer lagen wie selbstverständlich auf den Platten, die es damals gab, und die Austern wurden auf silbernen Etageren serviert, kleinen Weihnachtsbäumen ähnlich.Charlotte zeigte mir allerdings auch Ecken vom Montparnasse, die nicht unbedingt in Reiseführern erwähnt wurden, seltsame kleine Theater mit Zimmern, in die man sich bei Bedarf zurückziehen konnte. Letzten Ende ist Sex Sex und, wie Woody Allen gesagt hat, auch schmutzig, wenn er richtig gemacht wird. Doch soweit ich es erlebt habe, ähnelten die erotischen Abenteuer im Paris von damals irgendwie der Atmosphäre der Familienpension in Vichy.Eine Woche verbrachten wir auch mal in Charlottes ansonsten leer stehendem Haus am Kleinen Wannsee. Das Grundstück grenzte direkt ans Seeufer und man sah noch die Reste eines Bootsstegs, den ihr ein Verflossener, ein Bauunternehmer, als Geschenk hingestellt hatte. Beim ersten Betreten war der Steg langsam und filmreif unter ihm zusammengebrochen und darüber konnte sie immer noch lachen. Warum Charlotte ausgerechnet von Berlin nach Baden-Baden gezogen war, weiß ich nicht. Wenn sie schon nicht am Wannsee bleiben wollte, dann wäre Hamburg oder München, damals die Film- beziehungsweise bald die Fernseh-Hochburgen in Deutschland, richtiger gewesen. Eigentlich gehörte sie nach Paris.Heute liest man, die Fünfziger, Sechziger Jahre seien über die Maßen spießig gewesen. Sicher, man konnte theoretisch wegen Ehebruchs zu Gefängnis verurteilt werden und das kam in Ausnahmefällen auch praktisch vor. Dennoch, ich habe diese Zeit anders erlebt. Ein kleines Beispiel: Nach wenigen Wochen ›Ausprobierens‹ waren wir, Charlotte und ich, auf Wohnungssuche. In Lichtenthal, dem ehedem so berühmten Vorort Baden-Badens, wurde uns eine schöne, sehr geräumige Wohnung angeboten. Wir waren unschlüssig, ob wir sie nehmen sollten oder nicht, da brachte die Vermieterin ein damals, vor der Erfindung der ›Pille‹, bestechendes Argument vor: Ihr Sohn sei Arzt und »wenn bei Ihnen was passiert, dann hilft er selbstverständlich gern; darauf können Sie sich verlassen«.Wir haben die Wohnung nicht genommen und brauchten auch die Hilfe des Arztsohnes nicht und auch keines anderen Mediziners. Wir fanden eine Wohnung in einem hochherrschaftlichen Haus nicht weit vom Sender entfernt. Beeindruckend waren die vier sechseckigen Türmchen, die dazu gehörten. Eins, das mit der schönsten Aussicht auf die Stadt, richteten wir uns als Küche her, ein anderes als Bad. Für Charlotte gab‘s noch ein kleines Arbeitszimmer, wo sie las oder Horoskope für Freundinnen ausarbeitete und schließlich für mich ein Schreibstübchen. Es war Charlotte, die mich drängte, es mit dem Schreiben zu versuchen; meine Redakteurstätigkeit konnte ihr nie imponieren. Ich betreute Reisereportagen ›Mit dem Goggomobil um die Welt‹, zwei Folgen zu je zwanzig Minuten und ähnliches. Ich fing erst mal mit dem Schreiben von Drehbüchern an – Minidramen, wie wir sie im Vorabend-Programm ausstrahlten. Charlotte schenkte mir eine Pfeife (damit ich beim Schreiben aussah wie Georges Simenon) und tatsächlich wurden meine ersten Drehbücher schnell akzeptiert und verfilmt.Mit dem ganzen Hochmut der Jugend und auch mit der ganzen Herzlosigkeit der Jugend trennte ich mich nach vier Jahren von Charlotte. Natürlich gab’s gute Gründe dafür, aber die hatte es schon nach der ersten Woche gegeben. Sie schätzte Dornach, Rudolf Steiner und seine Anthroposophie. Mir war jedes Wort davon ein Graus und die Häuser, die nach diesen Ideen gebaut wurden ebenfalls. Immerhin waren wir uns einig, dass die Le Corbusier-Kapelle in Ronchamp ein Meisterwerk sei und das ist sie ja auch,Ich habe Charlotte nur noch ein einziges Mal wiedergesehen – vielleicht zwanzig Jahre nach unserer Trennung. Ich schrieb damals mit meinem Partner Hans Georg Thiemt mehrere Fernseh-Serien für den Südwestfunk (und sehr viele Hörfunk-Serien) und wir saßen mit dem Redakteur in der Kantine, als sie hereinkam. Sie sah mich und war von einer Sekunde auf die nächste ›auf hundert‹, um es schnodderig auszudrücken. Ich stand sehr vorsichtig auf und ging auf sie zu wie ein Dompteur auf eine besonders widerspenstige Tigerin. Es gelang mir mit beschwörenden Blicken und beruhigenden Worten den Skandal zu vermeiden, der in der Luft lag … Und alles, was ich noch mal von ihr hörte und las, war ein Brief, den sie mir einige Wochen später zusammen mit einer Dose Kakao schickte. Sie schrieb, den sei sie mir noch schuldig. Nein, wenn jemand in unserer Beziehung jemanden etwas schuldig war und ist, dann bin ich es. In diesem Leben werde ich meine Schuld nicht mehr abtragen können.Und ehe ich vergesse, warum ich beim Brotrösten an sie denke: Charlotte hat mir einmal die Episode erzählt, wie sie unmittelbar nach dem Krieg von Amerikanern eingeladen worden war und sich auf den Toast freute, der versprochen worden war. Den gab’s auch, aber vor ihren Augen zerfloss und zerschmolz die Butter, auf die sich beinahe noch mehr gefreut hatte. Sie fing an zu weinen und diese Tränen habe ich noch getrocknet 

 

 

Meine älteste FreundinIch liebe Lesungen. Ich weiß, es gibt Autoren, die über Lesungen und Lesereisen stöhnen, andere erzählen davon kleine pikante Geschichten; ich liebe sie schlicht und einfach, die Lesungen. Ich habe lange für Funk und Fernsehen geschrieben, da schreibt man für seinen Redakteur und seine Verwandtschaft, und beide sind nicht von überschwänglicher Begeisterung, wenn man ein Manuskript abliefert oder wenn eine Sendung, die man ›gemacht‹ hat, endlich läuft. Die Sache damals, die mit dem verrückten Ehepaar, die war einfach Klasse, so was hätte man mal wieder schreiben sollen... So ist das Leben.Kurz und gut, ich liebe es, Publikum vor mir zu haben. Am besten werde ich, wenn mehr Interessierte kommen, als der Veranstalter erwartete. Wenn zusätzliche Stühle in den Raum getragen werden, steigt der Adrenalinspiegel und der Humor auch. Wenn weniger kommen, macht’s mir auch nichts mehr aus. Es ist angenehm, wie die Veranstalter die Schuld bei sich oder dem Wetter oder der Konkurrenz suchen, nie beim Autor. Eine alte Schauspielerin, die vor Lampenfieber kaum auftreten konnte, hat mir einmal gesagt: Ich hasse das Publikum. In der Jugend weiß man nicht, wie es reagieren wird. Im Alter weiß man, wie es reagieren kann... Ich für meinen Teil musste niemals die Bestie Publikum zähmen. Ich habe nie etwas Irritierenderes erlebt, als die beiden Blinden in der ersten Reihe, die reglos dasaßen und sich auf ihre Blinden­stöcke stützten, und als sie am Ende mit den Stöcken Beifall stießen, war mir, als hätte ich einen Orden bekommen.So weit meine Lebensgeschichte, zur Einstimmung gewissermaßen. Nun der konkrete Fall. Ich hatte vor zwei Jahren eine Lesung im Rheinland, fast schon an der holländischen Grenze. Ich erinnere mich, dass mir der Taxifahrer, als er mich vom Bahnhof zum Hotel brachte, ein Haus zeigte und sagte: Hier! Jetzt kommen wir gleich an dem Haus vorbei, wo Goebbels geboren ist! Ich höre noch den geheimen Stolz in seiner Stimme, als er das sagte. Natürlich sind die Nazigrößen alle mal Lokalhelden gewesen, aber ich hatte nicht geglaubt, dass sie es immer noch sein könnten. Übrigens machte das Haus, in dem er geboren war, der Reichspropagandaminister, nicht viel her; wenigstens nicht beim Vorbeifahren.Ansonsten alles wie immer: Ein Hotelzimmer mit Minibar und mit Aussicht auf ein Stück Gras, das vorgefertigt ausgelegt schien, später das Taxi, das mich zur Stadtbibliothek brachte, eine moderne Freihandbibliothek, die sich viel Mühe gab, die Hemmschwelle niedrig zu halten. An diesem Abend kamen nicht besonders viele Interessierte, aber auch nicht auffallend wenige. Ich bot mein Programm, erzählte über meinen neuesten Roman und über mich und wie es mit dem Schreiben ist und wie sich die Figuren beim Schreiben selbständig machen; eben das, von dem ich glaube, dass es für Leser interessant sein könnte.Anschließend kam der Punkt Signieren, gehört ja auch dazu. Man will sich die Weihen des Autors holen und der erteilt sie gern, und an diesem Abend blieb genug Zeit, jeder und jedem das ins Buch zu schreiben, was sie oder er da gerne sehen wollten. Nicht nur ›Für Anna‹ und ›Herzlich‹, sondern nach Möglichkeit noch etwas Persönliches, so als seien sich Autor und Leser seit langem verbunden. Die Schlange wurde kürzer, jeder präsentierte sein Buch; einige waren an diesem Abend gekauft, andere früher, wie das so geht. Ab und an kommt es bei solchen Gelegenheiten zu kleinen erotischen Annäherungen von der Art: Sind Sie morgen auch noch hier? An diesem Abend und in dieser Stadt ergab sich keine Versuchung, und alles näherte sich dem vorgesehenen Ende, dem kleinen Umtrunk mit den Veranstaltern, da legte mir eine nette Frau eins meiner Bücher vor und offenbar war es bereits gelesen und bat mich: »Schreiben Sie bitte rein: ›Für meine älteste Freundin!‹« Nun ist es nichts Besonderes, dass ich aufgefordert werde zu signieren: Für meine Großmutter oder Für Onkel Erwin! Ich erkläre dann (und mühe mich, dabei nicht belehrend zu wirken), dass Onkel Erwin ja nicht mein Onkel ist und die gemeinte Großmutter auch nicht die meinige. Je nachdem ergibt sich daraus ein kleines Schmunzeln oder ein Mini-Dialog wie beim Buchbinder Wanninger. Meine Leserin blieb aber dabei: »Nein, schreiben Sie nur: ›Für meine älteste Freundin‹. Es ist so!«Irgendetwas in ihrer Stimme oder in der Art, wie sie ihr Anliegen vortrug, sagte mir: Mach es! Sie weiß, was sie sagt. Ich schrieb also: ›Für meine älteste Freundin...‹ und stockte dann und sah sie an, und sie half mir: »Ich bin Rita...« Wie zum Beweis hatte sie ein kleines quadratisches Foto mitgebracht, die Ränder gezackt und sechs mal sechs, ein ehemals beliebtes Format. Das Bild war im Laufe der Jahre gelblich geworden, und ich warf nur einen Blick drauf und alles war wieder da. Natürlich nicht alles, aber das Entscheidende, die Stimmung, der Geruch nach Rosen­ und Gemüsesuppe, die es für mich schon zum Frühstück gab, selbst der furchtbare Ton der Luftschutzsirenen war wieder im Ohr. Auf dem Foto sah man einen kleinen Leiterwagen, die Räder rechts und links von einer Reihe kleiner Rosenbüsche. Und in dem Leiterwagen saß ein etwa dreijähriges Mädchen mit Zöpfen, in einem Kleidchen der Vierziger Jahre. Ein kleiner Junge mit Locken zog den Wagen und meine Mutter stand auf der Treppe zur Haustür und beobachtete die Szene. Das Mädchen im Leiterwagen war natürlich Rita und der Junge mit dem staunenden Gesichtsausdruck war ich als Drei- oder Vierjähriger, damals ›Peterchen‹ genannt. Ich kannte das Foto; ich musste nur einen Blick drauf werfen. Es gehört zu den wenigen aus meiner Kindheit, die noch existieren, und aufgenommen hat es meine Tante Trude mit einer Spiegelreflex-Kamera. Man hielt sie vor den Bauch und sah von oben hinein. Immer, wenn sie uns besuchte, fotografierte sie uns, entweder vor oder hinter dem Haus. Entweder standen wir auf der Treppe oder auf der Terrasse hinter dem Haus, je nachdem wie das Licht war.Das Foto, das Rita mitbrachte, muss 1941 oder ’42 aufgenommen worden sein. Mein Vater war damals Soldat - ›ein Wehrmachtsangehöriger‹, wie
meine Großmutter das nannte –, und meine Mutter vermietete monatsweise Zimmer im Haus, und Ritas Familie hatte das Zimmer zum Garten, neben dem Badezimmer mit dem hohen schlanken Badeofen, der jeweils rechtzeitig angeheizt werden musste; mindestens zwei Stunden, bevor man baden konnte. An Ritas Eltern habe ich keine deutlichen Erinnerungen, doch an Rita. Sie war damals fordernd; selbstbewusst würde man heute sagen, aber ich denke, sie war vor allem fordernd. Dass ich auf dem Bild den Leiterwagen gezogen
habe, ist kein Zufall; Rita liebte es, gefahren zu werden und ich fuhr sie liebend gern.Ja, sie hatte Recht, sie ist meine älteste Freundin. Bei ihr habe ich die Ver-legenheit kennen gelernt und die Hilflosigkeit, die man an den Tag legt, wenn man verliebt ist, und den Übereifer mit dem man sich beliebt machen will. Ich erinnere mich, ich musste nachts die Leute im Haus wecken, wenn Bombenalarm war; die Menschen hatten den ganzen Tag gearbeitet und überhörten gern die Sirenen. Dann musste ich an die Türen klopfen und rufen: Fliegeralarm! An Ritas Tür habe ich jeweils angefangen und noch mal geklopft, wenn mein Rundgang durchs Haus zu Ende war. Wir haben während des Alarms unten im Keller gesessen – sie bei ihren Eltern, ich bei meiner Mutter, stumm, wenn auch die Erwachsenen verstummten, und wir haben uns in die Augen gesehen und damals dachte ich, wir hätten uns etwas versprochen.               Wenn es so war, haben wir es nicht gehalten; wir haben uns aus den Augen verloren und jeder hat sein Leben gelebt, und wäre ich nicht zu einer Lesung eingeladen worden, ich hätte sie nie wiedergesehen.Nebenbei gesagt hat sie mir im Übereifer einmal den kleinen Finger der rechten Hand in der Tür ihres Zimmers eingeklemmt; sie hatte es vergessen, ich nicht.  

 

Hartmut Boger zum Wiesbadener KulturpreisIch habe heute die Ehre, die Laudatio auf unseren Kulturpreisträger Hans Dieter Schreeb zu halten.Als er mich vor Wochen fragte, ob ich diese Rolle übernehmen wolle, war das „Ja“ für mich eine  Selbstverständlichkeit. Schließlich haben wir gemeinsam drei seiner Romane in der Stadtbibliothek und in der Villa Clementine vorgestellt. Wir sind sogar zusammen im Kurhaus aufgetreten. Mit „Hinter den Mauern von Peking“ waren wir richtiggehend auf Tour, waren im Historischen Museum in Frankfurt und in der Kurfürstlichen Burg in Eltville. Unser Auftritt im Wiesbadener China-Restaurant „Peking“, das von der vhs-Dozentin für chinesische Küche Xu Bing geleitet wurde, bleibt in besonders angenehmer Erinnerung.Von daher glaubte ich also, unseren Preisträger und sein Werk gut zu kennen. Erst im Lauf der Vorbereitungen auf den heutigen Abend wurde mir deutlich, wie umfangreich und vielfältig sich das Schreebsche Gesamtwerk darstellt.Außer in der Lyrik hat er in allen aktuellen literarischen Genres veröffentlicht: Theaterstücke, Drehbücher für Fernsehspiele, Tatort-Folgen und für ganze Fernsehserien, Hörspiele, Jugendbücher, sechs Romane (zwei davon mit seinem Co-Autor Hans Georg Thiemt). Ein weiterer Roman ist in Vorbereitung, ebenso ein dokumentarisches Buch über Wiesbaden unter dem Titel „Kaiser Zeit“. Sein Hörbuch „Lilo Kaminski“ ist soeben erschienen.Ich bitte um Verständnis, dass ich mich in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit auf die Würdigung des Schriftstellers als Romanautor beschränke.Entgegen den komplexen Erzählformen manches zeitgenössischen Romans habe ich mich für ein herkömmliches Verfahren entschieden, das auch unser Preisträger überaus erfolgreich in seinen Romanen einsetzt, nämlich: mit dem Anfang zu beginnen und mit dem Ende aufzuhören.Hans Dieter Schreeb wurde 1938 in Wiesbaden geboren als Sohn der Elisabeth Schreeb, geb. Sander aus Paderborn, und des Alfred Schreeb aus Wiesbaden.Den Doppelvornamen Hans Dieter bekam er, weil in der Nachbarschaft an der Biebricher Allee zwei Frauen zwei Söhne bekamen, von denen der eine Hans und der andere Dieter hieß. Schreebs Mutter Elisabeth: „Was die zu zweit können, kann ich alleine.“ Konsequenterweise wurde er auch zweimal getauft, zuerst evangelisch, später dann katholisch. Das Haus, in dem er geboren wurde, hieß nach seiner Mutter „Villa Elisabeth“ und stand damals, wo es heute noch steht, in der Gottfried-Kinkel-Straße. Schreeb freut es, dass er in einer Straße geboren ist, die nach dem demokratischen Revolutionär benannt ist. Sein Vater, der Koch im Hotel Rose gelernt und im New Yorker Waldorf Astoria gearbeitet hat, riet dem kleinen Hans Dieter mehrmals „Eisenbahnrat“ zu werden. Was er damit genau gemeint hat, konnte er seinem Sohn nicht mehr mitteilen. Er ist 1944 in Russland gefallen.Ganz wichtig für seinen Lebensweg war seine Großmutter Frieda Schreeb. Ihr verdankt er wesentliche Hinweise für seine Berufswahl und Karriere. Sie war es, die ihm 1955 den Hinweis auf die Volontärsstelle bei der „Ingelheimer Zeitung“ gab, nachdem er nach der Obersekunda vom Mainzer Gymnasium am Schloss abgegangen war. Eigentlich hatte Großmutter ja gewollt, dass er Bischof von Limburg werde, aber damit war nun Schluss. Obwohl er als Messdiener schon gute Voraussetzungen erworben hatte. Auch der jetzige Papst – und jeder vor ihm –  hat mal so angefangen.Schon im Bischöflichen Internat in Montabaur hat er am Fenster gestanden und zu sich – und der Welt - gesagt: „Ich werde Schriftsteller!“Ein begeisterter Leser war er schon als Kind: Karl Helds „Die rote Zora“ gehörte ebenso zu seiner Lektüre wie Karl Mays gesammelte Werke. Mit 12 lieh er sich das „Kapital“ von Karl Marx in der Stadtbibliothek, die damals noch am Schützenhof untergebracht war. Das war ihm dann aber doch zu langweilig: zu wenig Handlung, zu wenig Erzählung, dafür zu viel Theorie und abstrakte Belehrung. Der „Schatz im Silbersee“ war da doch spannender.Natürlich durften Alexandre Dumas’ Musketiere nicht fehlen. An Dumas’ Romanen schätzte er schon damals die gründliche historisch-dokumentarische Grundlage, die seinem früh entwickelten Interesse an geschichtlichen Erzählungen entgegenkam.Mit 15 ging er dann zu den großen amerikanischen Erzählern über. Hemingway und Faulkner faszinierten ihn. Hemingways „Über den Fluss und in die Wälder“ gehört bis heute zu seinen Lieblingsbüchern.Im Gymnasium war er bereits in jungen Jahren Redakteur der Mainzer Stadtschülerzeitung „Höfchen“ und interviewte zahlreiche Prominente, darunter den hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn in dessen Dienstvilla in der Rosselstraße, was in der Wiesbadener Presse sehr positiven Widerhall fand.Wir sehen: günstige Voraussetzungen für den Beruf als Journalist und Schriftsteller.Wiederum Großmutter Frieda war es, die ihm einen Hinweis auf eine Stelle beim Südwestfunk in Baden-Baden gab. Nach erfolgreich absolviertem Volontariat und 8 Wochen bei der Mainzer Allgemeinen, die die Ingelheimer Zeitung übernommen hatte, wurde Schreeb Programmredakteur beim Südwestfunk-Werbefernsehen.Erich Dombrowski, Chef der Mainzer Allgemeinen und Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen, prophezeite dem gerade 20-Jährigen zum Abschied aus Mainz: „Sie werden ein ganz hervorragender Journalist.“Inzwischen waren neben vielen anderen Werken der Weltliteratur als Lektüre Virginia Woolfs „Orlando“ und Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ dazugekommen, die bis heute eine große Bedeutung für ihn haben. Die Ausstattung der Schreebschen Protagonistinnen mit einem hohen Maß an kritischer Selbstreflexion ist sicher eine Wirkung dieser Lektüre.Eine wichtige Erkenntnis Schreebs: „Nur wer gute Romane liest, kann auch gute Romane schreiben.“Nach 4 Jahren abhängiger Beschäftigung beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo er angefangen hatte, erste Drehbücher zu schreiben, zog es unseren Autor in die Selbstbestimmtheit als Schriftsteller – ein durchaus risikoreiches Unterfangen, das er aber immerhin seit über 40 Jahren erfolgreich pflegt. Er ist einer der wenigen deutschen Schriftsteller von Qualität, der von seinem Schreiben leben kann.Angesichts der Verdienste Friedas um die Karriere ihres Enkels wundert es einen nicht, dass er ihr in seinem erfolgreichen Heimatroman „Hotel Petersburger Hof“ ein bleibendes Denkmal geschaffen hat.Ich habe ganz bewusst den Terminus „Heimatroman“ gewählt, weil Schreeb hier über die Stadt schreibt, in der er geboren und aufgewachsen ist, wo er lebt und arbeitet und die über Verwandtschaft, Erinnerungen und Beziehungen seinen Lebensmittelpunkt bildet.Was sonst ist Heimat? Sicher nicht nur der „Ort, wo man seine Geburt vollzogen hat“ wie einmal ein 12-jähriger Schüler bei einem Aufsatzwettbewerb geschrieben hat, oder der Ort, wo man in den Kneipen Kredit bekommt. Den bekommt Schreeb hier sicher vielerorts.Schreeb lässt seinen Wiesbaden-Roman  allerdings nicht nur in seiner Geburtsstadt, sondern auch in einem definierten Zeitraum spielen – vom Kaiserreich bis zur Nazi-Herrschaft –, zudem stellt er seine handelnden Figuren in einen gesellschaftlichen Kontext, mit dem sie sich auseinandersetzen und sich entwickeln, also ein Entwicklungs- und Bildungsroman, aber  auch ein Zeit- und ein Gesellschaftsroman. Und er ist ein historischer Roman, nicht zuletzt ein Familienroman. Darüberhinaus ist er der einzige Roman, der vollständig in Wiesbaden spielt, sieht man von Hanns-Josef Ortheils „Agenten“ ab, der eher zufällig an hiesigem Ort angesiedelt scheint.Wir sehen: Schreebs Roman ist charakterisiert durch  die  Zusammenfassung vieler Bestimmungen, die die Einheit des Mannigfaltigen bilden.Die positive Resonanz auf „Hotel Petersburger Hof“ umfasste denn auch den gesamten deutschsprachigen Raum. Begeisterte Besprechungen gab es bis Wien und Bern.Auch in seinen Büchern „Hinter den Mauern von Peking“ und „Primadonna“ ist ein Bezug zu Schreebs Herkunftsregion vorhanden. Der – reale ­- Gesandte von Mumm stammt aus dem Rheingau und die – fiktive, allerdings kaum als solche erkennbare – Diseuse Carlotta Vogt stammt aus Frankfurt.Sein „Bader von Mainz“, in dem ein sehr facettenreiches Bild des Mittelalters entfaltet wird, spielt nicht nur in unserer Nachbarstadt, sondern ist darüber hinaus so gut recherchiert wie anschaulich und lehrreich geschrieben, dass seit Jahren stadtgeschichtliche Führungen angeboten werden, die das Buch zur Grundlage nehmen.Keine Angst: Ich möchte Schreeb nicht zum Wiesbadener Heimatschriftsteller verkleinern. Wenn er das wäre – oder als solcher wahrgenommen würde – hätte er sicher schon längst die Bürgermedaille in Gold. Ich bin mir gar nicht sicher, ob er die haben möchte.Er strebt nach Höherem, nach der Anerkennung und Auszeichnung als Schriftsteller, als „poeta laureatus“, die ihm ja heute zuteil wird.Kennzeichnend für alle Bücher Schreebs sind die bemerkenswert starken Frauen – etwa Frieda, die chinesische Kaiserinwitwe, die Sängerin Carlotta - die er in Hauptrollen auftreten lässt, in ihren Gedanken und Gefühlen beschreibt, in ihrem Handeln und ihren familiären, beruflichen -  und auch in ihren erotischen Beziehungen lebendig werden lässt.Besonders gut gelingt ihm dies in seinem Roman „Primadonna“, in dem er den an Widerständen reichen Lebensweg der Frankfurter Bürgertochter Carlotta Vogt zur gefeierten Sängerin nachzeichnet. Er versteht es sehr gut, Carlotta mithilfe ihres – fiktiven? – Tagebuchs, als reifende weibliche Persönlichkeit zu charakterisieren, die sich in den Dialogen – etwa mit Pauline Viardot und Iwan Turgenjew – und ihren ehrgeizigen Handlungen entwickelt und entfaltet. Und er zeigt Carlotta als durchsetzungsfähige junge Frau, die in der äußerst männerdominierten Welt des Musikgeschäfts Mitte des 19. Jahrhunderts gegen widrigste Bedingungen ihr Ziel erreicht und zur gefeierten Primadonna wird.Warum stellt der Autor diese starken Frauen in den Mittelpunkt? Ist es ihm ein Anliegen, positive Frauenrollen als vorbildlich zu präsentieren um damit zur – immer noch nicht vollständig hergestellten - Gleichberechtigung der Geschlechter beizutragen? Oder schätzt er – der hauptsächlich unter, neben und mit starken Frauen Aufgewachsene -  den weiblichen Teil der Menschheit als wahrhaft bessere Hälfte? Oder zielt er – Realist, der er als hauptberuflicher Schriftsteller ist und sein muss - auf das Belletristikpublikum, das zu 80% aus Leserinnen besteht?Möglicherweise gibt es eine Mischung der Motive. Ich weiß es nicht, kann nur mutmaßen. Hinweise auf die verschiedenen Antwortmöglichkeiten gibt es in all seinen Werken.Vielleicht gibt auch der Autor selbst Auskunft; oder seine – selbstverständlich starke - Partnerin Gisela Maison, mit der er seit 16 Jahren verbunden ist.Schreeb hat immer wieder versucht, in seinen zahlreichen Drehbüchern für Fernsehserien Jüdinnen und Juden auftreten zu lassen – ohne Erfolg. Die Figuren waren zwar immer noch in den Werken vorhanden, als er sie in der Ausstrahlung gesehen hat, aber sie waren nicht mehr Juden, sondern beispielsweise Katholiken. Woran lag das? Er vermutet, dass es damit zusammenhing, dass er die jüdischen Menschen als ganz normale Menschen mit all ihren Eigenheiten, Stärken und Schwächen, gezeichnet hat. Das passte offensichtlich nicht in das vorgegebene Bild. Juden mussten wohl ausschließlich als Opfer geschildert werden, ansonsten waren sie nicht medientauglich.In seinen Romanen, beispielhaft im „Hotel Petersburger Hof“ und im „Bader von Mainz“, hat er das umgesetzt, was er wollte: eine differenzierte Darstellung jüdischer Charaktere, die durchaus Klischees aufgreift, diese aber sogleich kritisiert und in Frage stellt. So lässt er den Bader Matthes kritisch über die Verfolgung und Ermordung der Juden unter Mithilfe der Kirche nachdenken. Frieda lässt er sowohl den Antisemitismus ihres Mannes als auch den ihres Angestellten mit unbeirrbaren Gründen allgemeiner Menschlichkeit kritisieren.Woher stammt das Interesse des Autors am Jüdischen?Schreeb reagiert auf die Frage ganz locker und weist daraufhin, dass es möglicherweise eine jüdische Linie in seiner Familie gebe, die er aber bislang nicht weiter erforscht habe. Seine Großmutter, eine praktizierende Katholikin, habe etwa 1943 in ihrem Hotel „Brüsseler Hof“ das Laubhüttenfest gefeiert. Das Jüdische sei ihm durch die Familie und die dort geführten Gespräche  als selbstverständlich vertraut gewesen, nie als etwas fremdes, unheimliches oder gar zu bekämpfendes.Hans Dieter Schreeb ist ein Bürger unserer Stadt, unserer Region. Und er ist es gerne. Er ist der Überzeugung, dass die Menschen hier besonders mitteilsam und mitfühlend sind - und im durchaus positiven Sinn - überaus gesellig. Er kann sich nicht vorstellen, in einer anderen Gegend Deutschlands, Europas, der Welt, zu leben. Als Gründe nennt er den Weinbau und den Rhein, den großen Strom,  deren Bedeutung für das Leben der Menschen er vor allem in seinem neuesten Werk „Die Krone am Rhein“  - wie stets - kenntnisreich und spannend schildert. Die Geschichte eines Hauses, einer Gastwirtschaft, eines Hotels und der dort lebenden und arbeitenden Menschen - eines Milieus also, in dem sich der Autor bestens auskennt - über den Zeitraum von 500 Jahren zu schildern, steht für sich. Und dies wiederum geschrieben mit der von Schreeb zur Meisterschaft getriebenen Mischung aus gründlich recherchierten Fakten und glaubwürdig eingepasster Fiktion. Neben dem Informations- bzw. Bildungsgehalt, der allen Schreebschen Werken eigen ist, macht die immer wieder wechselnde Erzählperspektive das Werk besonders lesenswert.Bei unseren Gesprächen habe ich dem Autor auch die FAQs gestellt, die das Lesepublikum besonders interessieren: Wie kommt der Autor zu seinen Stoffen?Original-Ton Schreeb: „Als Autor muss man jeden Tag professionell-neugierig wie ein Detektiv durchs Leben gehen und fragen: Welcher Stoff wird mir heute geboten?“Stört es ihn, wenn er von der Presse immer wieder mal als Unterhaltungsschriftsteller bezeichnet wird?„Nur wenn, wie es in Deutschland häufig geschieht, Unterhaltung herabsetzend gegen Bildung ausgespielt wird. Wenn aber etwa im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen meine Schreibweise gelobt wird, die durch stimmige Figuren, umfassend recherchierten Hintergrund und geschickte Dramaturgie wie bei den großen angloamerikanischen Schriftstellern bestimmt sei, und dadurch als gut gemachte Unterhaltung auf hohem Niveau gelobt wird, kann ich damit gut leben.“Warum schreibt Schreeb am liebsten Romane?Seine Antwort: „Zum einen finde ich es einfach spannend für mich erstmal einen Stoff zu recherchieren und damit Neues zu erfahren. Und im zweiten Schritt, dann dies in einen Handlungszusammenhang mit Personen – realen wie fiktiven - zu stellen und spannend zu erzählen. Ich habe einfach Freude am Recherchieren, Schreiben, Hervorbringen und Wirken.Ich teile die Auffassung Orhan Pamuks, dass der Roman  – mehr noch als andere Literaturgattungen - das Denken und das Verstehen schulen und  damit das Einfühlungsvermögen für unterschiedliche Lebensweisen und Kulturen entwickeln kann – historisch wie aktuell. Und dafür stehe und schreibe ich.“Diesen Antworten kann ich – außer Zustimmung – nichts hinzufügen.Als Laudator bleibt mir jetzt nur noch die angenehme Aufgabe, der Kulturpreis-Jury unserer Stadt für ihre glückliche Wahl zu danken. Meine Damen und Herren, Sie haben Hans Dieter Schreeb mit der Verleihung des Kulturpreises der Landeshauptstadt Wiesbaden sehr geehrt und glücklich gemacht – ebenso wie seine zahlreichen Leserinnen und Leser.Herzlichen Dank, meine Damen und Herren!Herzlichen Dank für Dein Werk und herzlichen Glückwunsch für den längst verdienten Preis, lieber Hans Dieter Schreeb!

Die Feierstunde aus Anlass der Verleihung des ›Preises zur Förderung des kulturellen Lebens der Landeshauptstadt Wiesbaden‹ an Hans Dieter Schreeb fand am 7. Dezember 2005 im Festsaal des Wiesbadener Rathauses statt.

 

 Meine guten Siebziger Jahre oderStichworte statt einer Autobiographie

 

Jean Paul brach den Versuch einer Autobiographie ab: Er habe zu viele Romane geschrieben; er könne nichts Wahres mehr schreiben. Ich versuche erst gar keine Autobiographie; ich habe nie Tagebuch geführt, mein Gedächtnis ist so la-la und meine Großmutter habe ich zur Heldin von gleich zwei Romanen gemacht. Wo soll da noch Wahrheit herkommen? Die meisten Konflikte, die ich durchstehen musste, sind vergessen; eigentlich sind davon nur Schatten geblieben. Immerhin kann ich Stichworte zu meinem Leben liefern. Deswegen hier die Kurzfassung meiner Erinnerung an die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Die Siebziger Jahre waren vieles: Jahre der Weltraumfahrt, der RAF mit ihrem Terrorismus, die Jahre von ›Derrick‹ und der Farbe Orange. Es waren auch Jahre der Pornos, der Pornokinos und der Autoverrücktheit – bis hin zum Absturz in der Ölkrise samt autofreier Sonntage. Die Namen der Prominenten von damals, angefangen mit Helmut Kohl, Erich Mende oder Günther Nollau (Verfassungsschutz), ›Starjurist‹ Rolf Bossi oder ›Prinz Aurel‹ Goergen sagen den Meisten heute nichts mehr. Selbst der ›Partylöwe‹ Gunther Sachs und der ›Terrorist‹ Carlos sind vergessen. Damals konnte man keine Zeitung aufschlagen, ohne von ihnen zu lesen. Den Einen oder Anderen kannte ich persönlich, die Übrigen waren mir vertraut wie meine Familie.

 

Platz 3

1971 hatte die ›Bundeszentrale für politische Bildung‹ eine Untersuchung in Auftrag gegeben, wer am meisten für das deutsche Fernsehen schreibe. Mein Partner Hans-Georg Thiemt und ich kamen auf den ehrenvollen dritten Platz. Sieger wurde Herbert Reinecker (er hielt sich für den deutschen Simenon und schrieb auch ebenso viel wie jener); den zweiten Platz belegte Fritz Eckhardt, ein gleichfalls sehr fleißiger Wiener Autor und Schauspieler. Wir wurden alle vier im SPIEGEL und in dem Fachbuch ›Fernsehen in Deutschland, Band 3, Macht und Ohnmacht der Autoren‹, 1973 vorgestellt.

Zu der Zeit hatten wir, Hans Georg Thiemt und ich, bereits die ZDF-Serien ›Drei Frauen im Haus‹ und ›Vier Frauen im Haus‹ geschrieben, war bereits unsere sehr populäre Serie Der Kurier der Kaiserin‹ gelaufen; dies war die Serie, mit der der Burgschauspieler Klausjürgen Wussow seine Fernseh-Karriere startete und die bei seiner Todesnachricht noch in der Tagesschau genannt wurde. Ganze Generationen von Kindern in Deutschland und Österreich sind damit aufgewachsen. Dann folgten in den Siebzigern die Serien ›Drei Partner‹, ›Der Herr Kotttnik und ›Gesucht wird‹, alle drei ungewöhnliche Produktionen und Sujets. Weiterhin schrieben wir in diesen Jahren die Komödie ›Geldsorgen‹ und den Thriller ›Die Fahrt nach Schlangenbad‹, außerdem unseren ersten Tatort: ›Tote reisen nicht umsonst‹.

Und auch nicht unwichtig: In den siebziger Jahren sendete das ZDF drei Dokumentarspiele von uns: ›Die U-2-Affäre‹, 1970, ›Die Bilder laufen‹ 1972, ›Das Projekt Honnef‹, 1978. Das waren jeweils anderthalbstündige Fernsehspiele um historische Vorgänge und um reale Figuren, die zum Teil noch lebten.

Im Fall der U2 war es Francis Gary Powers, der amerikanische Spion bzw. Pilot eines Spionageflugzeugs. Merkwürdigerweise interessierte er sich für unsere Produktion und sprach noch zehn Jahre später in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt darüber. Er sagte: Ein Anruf bei Lockheed und sie hätten meine Adresse gehabt! Uns war und wäre es allerdings nie eingefallen, ihn zu befragen. Wir hatten naiverweise angenommen, er werde nach seinem hochdramatischen Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin irgendwie versteckt gehalten; lebe in einer Art Zeugenschutzprogramm, wie wir sie aus amerikanischen Krimis kannten. Immerhin haben wir im Fall Honnef – da ging es um Windenergie und einen Erfinder von Windtürmen – den Rüstungsminister des Dritten Reiches, Albert Speer, in seinem wunderschönen Haus in Heidelberg befragt. Ich war neidisch: auf den Ausblick auf Neckar und das Heidelberger Schloss und auf Speers Bucherfolge. Saß als Kriegsverbrecher im Gefängnis und kam als Multimillionär wieder raus! Ich muss zu seiner Ehre zugeben, Albert Speer war sehr höflich und geduldig mit uns.

Das Farbfernsehen war 1965 eingeführt worden, ›Der Kurier der Kaiserin‹ war eine der ersten deutschen Serien in Farbe. Farbfernseher waren aber noch Mangelware. Die meisten Haushalte besaßen ein Schwarz-Weiß-Gerät, das satte drei Kanäle empfangen konnte: ARD, ZDF und das jeweilige Dritte Programm. Entsprechend fielen unsere Einschaltquoten aus; manchmal lagen sie bei 50 Prozent Marktanteil (und darüber). Heute erreichen nicht mal Fußball-Länderspiele solche Quoten.

Wer nachts fernsehen wollte, hatte Pech: In den siebziger Jahren gab es noch den Sendeschluss, und nachts wurde nichts gezeigt. Das Rauchen war noch groß in Mode; unentwegt wurden in den Filmen Zigaretten angesteckt oder ausgedrückt. Ja, ich erinnere mich, als eine Freundin, die mir viel bedeutete, ›hinterher‹ im Bett rauchte, hatte ich das Gefühl, im französischen Film angekommen zu sein.

 

Was es zu sehen gab

Besonders beliebt waren in dieser Zeit deutsche Filme aus den Fünfzigern und Sechzigern, aber auch amerikanische Krimiserien wie ›Kojak‹ oder Die Straßen von San Francisco.  Auch der deutsche ›Tatort‹ fesselte.

Seit 1970 lösten Dutzende Polizeibeamte in allen Teilen Deutschlands, aber auch in Österreich und der Schweiz, Fälle für den ›Tatort‹. Von Anfang an wurden dabei auch sozialkritische Themen angesprochen.

Bezeichnend ist gleich der erste Fall, ›Taxi nach Leipzig‹, ausgestrahlt im November 1870. Ein Fernschreiben des Generalstaatsanwalts der DDR bittet die Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik zur Mithilfe bei der Klärung eines Falles auf. An einem Autobahnrastplatz bei Leipzig ist die Leiche eines Jungen gefunden worden, der Schuhe aus der Bundesrepublik trug. Wenig später ziehen die DDR-Behörden ihr Hilfeersuchen zurück. Dem Hamburger Hauptkommissar Paul Trimmel geht der Nebensatz mit den westdeutschen Schuhen nicht aus dem Kopf. Sein Ostberliner Kollege Karl Lincke, mit dem er früher im Reichskriminalamt zusammengearbeitet hat, versichert ihm zwar: »Der Fall ist tot für euch«. Trotzdem beginnt Trimmel zäh mit eigenen Nachforschungen. Wie viele Tabus wurden allein durch diese Konstellation, wenn nicht gebrochen, so doch zumindest angetippt.

Das ZDF setzte die Serien ›Der Kommissar‹ und vor allem ›Derrick‹ dagegen. ›Der Kommissar‹, wie später ›Derrick‹ von Herbert Reinecker geschrieben, brachte es auf insgesamt 97 Folgen. Alle waren auf dem Kinoformat 35 Millimeter gedreht und alle konsequent in Schwarz-Weiß. Der Kommissar wurde vom 3. Januar 1969 bis zum 30. Januar 1976 ausgestrahlt, alle Folgen selbstverständlich zuerst im Abendprogramm des ZDF.

Den Erfolg ergänzte das ZDF dann ab Oktober 1974 mit ›Derrick‹. Auch diese Krimiserie hatte die heimliche Hauptstadt München als Schauplatz und brachte es auf 281 Folgen. Der ungelenke Hauptdarsteller Horst Tappert kam damit zu Weltruhm, wurde die Serie doch in mehr als hundert Ländern ausgestrahlt, von der Mongolei bis Feuerland.

Der Spiegel schrieb zum Abschied »So war es 23 Jahre lang: Mal höhnisch, mal respektvoll und immer ein bisschen fassungslos kommentierten Publikum und Kritiker, Freunde und Feinde der Serie ein Phänomen, das unerklärlich schien. In der Tat ist es ein Rätsel: Ein in Biederkeit erstarrter Oberinspektor, eher hässlich als ansehnlich, löst in eher langatmiger als atemraubender Weise einen eher durchschaubaren als kniffligen Fall. Fast ein Vierteljahrhundert tauchten immer dieselben Charaktere auf: das naseweise Muttersöhnchen, die devote Haushälterin, die neugierige Zimmerwirtin, die verbitterte grüne Witwe, der geldgeile Unternehmer, der sonderbare Aussteiger, die hörige Geliebte, die höhere Tochter. Und Du-Stephan. Und Ja-Harry. Die Welt sah nichts lieber als sie alle.«

 

Chancen

Die Erwähnung im SPIEGEL war wie ein Ritterschlag und hatte sehr erfreuliche, zum Teil sogar einschneidende Folgen. Das begann mit großen Artikeln in den überregionalen Zeitungen, Homestorys in TV-Blättern bis hin zu Gesprächen mit dem SPD-Schatzmeister Wilhelm Dröscher; wegen seines starken Engagements für ärmere Menschen wurde er gern als der gute Mensch von Kirn apostrophiert. Wir berieten mit ihm über eine Filmfirma, die wir – Thiemt und ich –gründen wollten und sollten und an der sich die SPD in der einen oder anderen Form beteiligen würde. Der Hintergrund: Wir wollten linke Themen aufgreifen und so populär gestalten, dass sie in dieser Form goutiert werden würden. Unsere Firma kam nicht zustande, weil Thiemt und ich uns nicht als Geschäftsleute trauten – ich generell nicht; Thiemt hatte das wirtschaftliche Scheitern seines Lehrmeisters Wolfgang Staudte miterlebt und wollte dem nicht nachfolgen.

Einen Menschen, den wir bei und durch Wilhelm Dröscher kennenlernten, war Rudolf Scharping, der spätere SPD-Vorsitzende (»Manches hat wehgetan, Oskar!«) Scharping war zur Zeit, als wir mit Dröscher in der ›Baracke‹ in Bonn verhandelten, dessen Assistent; später wurde das mit dem Begriff ›Dröschers politischer Ziehsohn‹ geadelt. Alle Eigenschaften, die ihn später auszeichneten, besaß Rudolf Scharping zu der Zeit schon.

Bei einer Tagung in Baiersbronn, ausgerichtet von der Bundeszentrale für politische Bildung, lernte ich die Kulturwissenschaftlerin Karla Fohrbeck kennen, mit der ich heute noch befreundet bin. Sie ist die Intellektuelle wie aus einem Bilderbuch und hat sich sehr um die materielle Versorgung der Künstler verdient gemacht. Zu Beginn der1970er Jahre hatte sie zusammen mit ihrem Partner Andreas Johannes Wiesand Studien zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Künstler sowie zum Arbeitsmarkt für Kunst- und Kulturschaffende erarbeitet, die es so nie zuvor gegeben hatte. Sie bot nüchterne, nie bedachte Fakten. Künstler galten bis dahin vielen Menschen als entrückte Phantasten, und den Unternehmen der Kulturwirtschaft wurde nur wenig politische und öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt. Das änderte sich durch die Studien von Fohrbeck und Wiesand. Ihr Wirken ermutigte Künstler, sich zusammen zu tun und offensiv ihre Rechte einzufordern; die Künstlersozialkasse kam dadurch zustande. Dagegen klagten die ›Verwerterverbände‹ wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels oder der Bundesverband Deutscher Galerien. Ihre Verfassungsklage blieb aber in den wesentlichen Punkten erfolglos.

Spätestens seit der Erwähnung im SPIEGEL gehörten H. G. Thiemt und ich zu den Autoren, die regelmäßig zu den ›Mainzer Tagen der Fernseh-Kritik‹ und zu anderen Zusammenkünften ähnlicher Art eingeladen wurden. Hier traf man Wissenschaftler mit steilen Thesen, führende Fachjournalisten, hin und wieder auch Produzenten. Den meisten von ihnen waren solche Zusammenkünfte suspekt: Zu viel Gequatsche. Ich profilierte mich anlässlich solcher Tagungen gegenüber meinem Partner. Waren wir anfangs aufgetreten wie Der gute Cop, Der böse Cop spielten wir nun Der Praktiker und der Feingeist.

Unser (gedämpftes) Renommee machte es auch möglich, dass wir uns bei der Obrigkeit beschweren konnten. Einmal meldeten wir uns beim ZDF-Programmdirektor an; das war zu dieser Zeit Dieter Stolte. Es gab einen Konflikt mit einem Abteilungsleiter, an den ich mich nur noch sehr dunkel erinnere. Stolte hörte uns in Ruhe an und fällte dann das salomonische Urteil: »Meine Herren, so sind die Menschen.«

Es muss etwa 1974 oder 1975 gewesen sein, als wir eine andere Berühmtheit als Financier für ein Filmprojekt gewinnen wollten, und zwar Dr. Fritz-Aurel Goergen. Er war damals bekannt als erfolgreicher Sanierer der Hütenwerke Phoenix in Duisburg und der Henschel-Werke in Kassel. Bei Henschel wurden Lastwagen, Lokomotiven, aber auch Panzer hergestellt; mit 13 500 Beschäftigten und 500 Millionen Mark Jahresumsatz gehörten die Henschel-Werke damals zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren Nordhessens. Goergen selbst war eine der mythischen Managerfiguren der Wirtschaftswunder-Jahre, damals aber (vorübergehend) eine Skandalfigur. Man hatte ihn bei einem Bankett von der Seite des damaligen Bundeskanzlers Erhard verhaftet und einige Zeit in ein Untersuchungsgefängnis gesteckt. Die Staatsanwaltschaft warf ihm betrügerische Rüstungsgeschäfte vor, konnte ihm aber nichts nachweisen und ließ ihn, als er im Gefängnis erkrankte, Ende 1973 wieder frei. Das Bundesverteidigungsministerium machte dann sein Ausscheiden aus der Geschäftsführung von Henschel zur Bedingung für einen neuen Großauftrag an den Konzern. Deshalb verkaufte Goergen seinen Anteil am Aktienkapital der Henschel-Werke für 110 Millionen Mark und war damit jedenfalls ein finanziell gemachter Mann. Wir schrieben ihn auf gut Glück an; schrieben ihm, dass wir ihn gern als Geldgeber für ein Filmprojekt namens ›Der Judenbengel‹ gewinnen würden. Zu unserem Erstaunen war er interessiert.

Wir trafen uns eines schönen Tages im Breitenbacher Hof in Düsseldorf, saßen sicher von 16 Uhr bis zwei Uhr, halb drei in der Nacht zusammen und tranken viel Whisky. Er erzählte aus seinem Leben, von seinen Erfahrungen im Gefängnis (unter anderem hatte er sich dort mit einem Hühnerzüchter angefreundet, der seine Hühnerzucht nicht halten konnte und die auch Goergen trotz größer Anstrengung nicht retten konnte) und war auch bereit, unseren angedachten Film zu finanzieren. Er verabschiedete sich etwas melancholisch, eigentlich weinerlich, von uns mit dem Satz: »Herr Thiemt, Herr Schreeb, wenn dann unser Film rauskommt, haben Sie den Ruhm und ich immer noch nur mein Geld.«

Mit dem Film wurde es dennoch nichts; Goergen wurde erneut schwer krank und zog nach Genesung in die Schweiz, wo er dann auch starb. Wir haben ihn leider nur einmal gesehen, eben an dem beschriebenen Abend im Breitenbacher Hof.

Eine IBM-Schreibmaschine mit Kugelkopf war mein nie erreichtes Traumziel; immerhin schrieb ich damals mit einer Olivetti mit austauschbarem Typenrad. Die halbelektronischen, sehr teuren Schreibautomaten kamen erst in den Achtzigern; sie revolutionierten das Schreiben. Die Texte wurden länger und länger, einfach, weil man nun so leicht korrigieren konnte. Vorher war das Überschreiben, Überkleben und mit Tippex korrigieren eine Qual gewesen. Wir, Thiemt und ich, beschäftigten lange eine Frau, die unsere Manuskripte am Ende sauber abschrieb, praktisch versandfähig machte. Sie war schwer zu begeistern; ein Lob von ihr irritierte uns im Allgemeinen mehr, als dass es uns erfreute.

 

Wie es angefangen hatte

Hans-Georg Thiemt und ich hatten uns im Herbst 1963 bei der Wiesbadener Filmfirma NFP, Neue Filmproduktion, kennengelernt. Die Firma wurde kurze Zeit später bekannt, als Erfinderin bzw. Produzentin der ›Mainzelmännchen‹; deren Väter waren Berthold Ebbecke und Wolf Gerlach. Ebbecke war, als ich ihn kennenlernte, Dramaturg der Firma, Wolf Gerlach dort Zeichner. Ebbeckes große Zeit war die Nazizeit, als er mit vielen Berühmtheiten in Unterhaltungsfilmen aufgetreten war, und zwar als Sänger und Schauspieler; er schrieb auch mit an Drehbüchern. Sein Debüt hatte er 1935 in dem Veit-Harlan-Film Krach im Hinterhaus.Was die Mainzelmännchen anging: Ebbecke hatte den Begriff erfunden und wurde mit einem Haushonorar dafür abgefunden; Gerlach traf wesentlich bessere Abmachungen.

In der NFP in der Wiesbadener Uhlandstraße wurden wir uns also von Ebbecke vorgestellt, Hans-Georg Thiemt und ich. Er war nach dem Krieg sechs Jahre Assistent von Wolfgang Staudte gewesen und arbeitete seit einigen Jahren als Regisseur von Kinokurzfilmen und Werbefilmen. Mit den Werbefilmen hatte er schönen Erfolg; hatte jedenfalls zu einem Triumph und einem Porsche 911 gereicht. Als ich ihn kennenlernte, lag meine Zeit als Programmredakteur des Südwestfunk-Werbefernsehens in Baden-Baden gerade hinter mir. Thiemt wollte weg von den Werbespots, ich wollte als freier Autor Karriere machen. Hans-Georg Thiemt erzählte mir jedenfalls von seiner Idee für einen kurzen Film für den Saarländischen Rundfunk. Er sollte Startverbot heißen und hieß auch so. Ich entwickelte das Exposee; innerhalb von vierzehn Tagen bekamen wir den Auftrag. Dann schrieben wir das Drehbuch gemeinsam und von da an hielten wir das über drei Jahrzehnte so.

1965 zog H.G. Thiemt mit seiner Frau in deren Elternhaus nach Idar-Oberstein an der Nahe; etwa achtzig Kilometzer von Wiesbaden entfernt, aber damals nur schwer zu erreichen. Dieser Umzug machte die Zusammenarbeit einerseits komplizierter, andererseits auch einfacher. Wenn wir schrieben, schrieben wir in Idar-Oberstein. Über Jahre lebte ich dann mehrere Tage pro Woche in seinem Haus, bis ich mir in Fischbach, auf der anderen Seite der Nahe, eine eigene Wohnung mietete.

Wir verfassten unsere Drehbücher buchstäblich Satz für Satz gemeinsam. Über viele Tage, viele Wochen, viele Jahre saßen wir in einem Zimmer und sprachen über ausgedachte und reale Figuren und Situationen. Dabei haben wir uns nie unser Leben erzählt, wie man eine Biographie schreibt oder auch nur einen Lebenslauf. Aber wenn man sich überlegt, was diese oder jene Figur tun könnte, um in diese oder jene Situation zu geraten und was sie machen muss, um sich daraus wieder zu befreien, dann gibt man schon viel von sich preis und man erfährt andererseits dabei viel über einen anderen Menschen. Einfach, weil man sein eigenes Urteil abgeben muss und es mit Erinnerungen aus dem eignen Leben vergleichen muss. Insofern kannten wir uns so gut, wie sich zwei Männer nur kennen können. Wir dachten ähnlich, aber nicht genau so.

In dem Fachbuch ›Macht und Ohnmacht der Autoren‹ wurden wir so charakterisiert: »Das Autorengespann Hans-Georg Thiemt / Hans Dieter Schreeb teilt sich Arbeit und Früchte wie einst Schönthan und Kadelbug oder Scheu und Nebhut.« Um diesen Satz zu verstehen, musste man bereits in den siebziger Jahren weit zurückdenken: Die beiden Ersten waren um 1880, 1900 tätig; die anderen Beiden in den Vierziger und Fünfziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts; gehörten zu festen Bestand der Adenauer-Jahre.

Wie auch immer, Thiemt und ich arbeiteten gut und konzentriert zusammen, ergänzten uns und lieferten jeweils pünktlich das Bestellte. Die Schwierigkeiten traten erst auf, als wir unsere Drehbücher zu Prosatexten umarbeiten wollten. Die ganze Sache fing an mit einem Anruf von Julius Breitschopf, dem Chef des Breitschopf-Verlags, Wien. Er war mit Kinderbüchern und vor allem mit Fernsehbücherln, wie er die Produkte nannte, sehr erfolgreich. Diese Bücher zu amerikanischen Erfolgsserien verkaufte er palettenweise in Kaufhäusern; zeitweise ließ er in neun Ländern gleichzeitig drucken. Breitschopf wollte uns im Münchner Hotel Königshof am Stachus treffen und als wir uns dort trafen, schlug er uns vor, unsere Serie ›Kurier der Kaiserin‹ in Buchform herauszubringen. Wir waren sofort dafür, zumal er für den Erfolg garantierte. Allerdings gab er uns den guten Rat: »Meine Herren, suchen Sie sich schon mal Grundstücke an der Riviera aus, aber warten Sie mit dem Kauf bis zur ersten Abrechnung!«

Ein sehr weiser Rat, wie sich herausstellte.

Wir schrieben zwar einige (sehr dünne) Bücher nach ›Kurier der Kaiserin‹, Breitschopf brachte sie auch heraus, der finanzielle Erfolg hielt sich aber sehr in Grenzen.

Der eigentliche Gewinn lag in etwas anderem: Wir stellten fest, dass wir zwar Drehbücher gemeinsam verfassen konnten, aber keine Bücher. Das gemeinsame Schreiben von Prosatexten funktionierte einfach nicht. Es hat eine Weile gedauert, bis wir verstanden, woran das lag: Drehbücher sind Handlungsanweisungen an sehr viele Menschen, Regisseure, Schauspieler, Bühnenbildner, Musiker, ja, noch an Produzenten. Sie müssen einerseits präzise sein, andererseits sehr vielen Menschen Möglichkeiten geben, ihre Phantasie einzubringen. Entsprechend sind manche Frauen ›sexy‹, andere ›verbissen‹ oder ›vom Leben gezeichnet‹. Was sich jeder darunter vorstellen will, ist dann seine Sache. So funktioniert aber kein Roman; nicht mal ein Fernsehbücherl.

Die Konsequenz daraus war: Ich schrieb alle Bücher, die unter unseren Namen erschienen, allein; Hans-Georg Thiemt arbeitete nur mit, wie ein Lektor das auch getan hätte. Unsere beiden Namen benutzten wir als Autorennamen, einfach deshalb, weil sie als Markenzeichen eingeführt waren.

 

Ehemann und Lover

Zu der Zeit war ich zum ersten Mal verheiratet und kam generell mit Frauen gut zurecht. Und das, obwohl ich in einem katholischen Priesterseminar sozialisiert worden war, was lange nachwirkte. In meiner Eigenschaft als zukünftiger Priester (meine Großmutter wollte sogar, dass ich Bischof von Limburg werde) habe ich als Elf- oder Zwölfjähriger gegen den Film ›Die Sünderin‹ demonstriert; danach habe ich nie wieder an einer Demo teilgenommen. In den siebziger Jahren war es jedenfalls keine große Kunst, Liebhaber zu sein – die Frauen befreiten und emanzipierten sich gerade und davon profitierte auch ich.

Unter anderem mit einer kapriziösen Freundin, die ich bei den Mainzer Tagen der Fernseh-Kritik kennengelernt hatte. Über Jahre waren dann solche Zusammenkünfte, etwa in Marl oder in München, unsere fest gebuchten Termine.

Einmal versuchten wir (das ist nun der Freundeskreis um meine Schwägerin und meinen Schwager, der sich gab wie die Figuren aus ›Der diskrete Charme der Bourgeoisie‹: Waren wir nicht bei ihnen, waren sie bei uns!) wir versuchten es also bei einem gemeinsamen Ausflug nach Rothenburg mit einer Schlüsselparty nach amerikanischem Vorbild. Die Sache gelang nur halb; es gingen nur die miteinander ins Bett, die es bei anderer Gelegenheit auch getan hatten oder es sich bereits fest vorgenommen hatten. Nun, im Film ›Eissturm‹ ist diese Geschichte ja auch kein voller Erfolg; wahrscheinlich ist sie das nie.

Mindestens einmal im Jahr gab ich eine große Grillparty im Garten mit Spießbraten aus Idar-Oberstein; nein, mindestens zweimal – einmal für den Kreis von Gleichen, von dem ich gerade gesprochen hatte; ich war quasi durch Heirat hineingewachsen. Und zum anderen für Leute, die mir wichtig waren, etwa Redakteure des ZDF usw. Während bei der einen Party jeder jeden kannte (und einige auch etwas miteinander hatten oder gehabt hatten oder noch haben würden), war der zweite Kreis wesentlich bunter.

Insgesamt hielt ich mich immer mehr oder minder abseits, versuchte mich hier und da mit Ehrenämtern – bei der SPD, bei einem Drogenverein. Bei der SPD engagierte ich mich in der etwas exotischen Arbeitsgemeinschaft Selbständiger in der SPD, abgekürzt AGS. Hier war ich im rührigen Bezirk Hessen-Süd über Jahre Mitglied des Vorstands; Schriftführer, wie sich das bei meiner Profession gehört. Der Drogenverein kümmerte sich um die eigentlichen Opfer von Drogensucht: um die Angehörigen der Drogensüchtigen. Es ist bemerkenswert, wie die Sucht die Umwelt der Drogenkonsumenten veränderte; bis hin zu Drogenmüttern, die ihre gesamte Rechtfertigung aus dem Drogenkonsum ihrer Kinder zogen. Nach einiger Zeit verlor ich jeweils das Interesse, machte aber weiter mit … So ging es mir auch mit meinen Liebschaften.

 

Nur Fliegen ist schöner

Die Siebziger Jahre waren eine Zeit mit vielen Telefonzellen und der Autoverrücktheit. Es gab Autoschalter und Autokinos, Automessen und Autocorsos; der ADAC hatte ein ähnlich hohes Ansehen wie das Bundesverfassungsgericht. Zwar wusch man sein Auto samstags nicht mehr selbst auf der Straße; dies war wohl aus Umweltgründen verboten worden und entsprechend florierten die hochmodernen Waschstraßen. 1973 drohte ein Engpass der Versorgung mit Erdöl; die Behörden verfügten daraufhin vier ›autofreie‹ Sonntage. Lediglich Taxis, Ärzte sowie Frischwaren-Lieferanten durften fahren. Staunend nutzten viele Bundesbürger die Möglichkeit, einmal eine Autobahn zu Fuß oder per Fahrrad zu erleben. In der Folge erschienen zahlreiche ›kulturkritische‹ Essays, die das Autofahren gänzlich infrage stellten. In normalen Zeiten war der Lada mit seinem robusten Russencharme ein Star auf den Straßen; der Opel GT (»Nur Fliegen ist schöner«) Kult bei jungen Menschen. Ich fuhr unter anderem einen VW-Porsche 914; mit 1,7-Liter-Vierzylinder-Boxermotor mit 80 PS und drei Sitzen nebeneinander. Das Dach konnte man abnehmen und das Ganze war in einem eleganten Dunkelblau gehalten. Später räumte mir ein Autohändler, der zum skizzierten Freundeskreis gehörte, einen anständigen Kredit ein, und danach fuhr ich nur noch Citroen.

 

Kollegen und Freunde

Im Laufe der Jahre arbeiteten Hans-Georg Thiemt und ich mit sehr unterschiedlichen Filmfirmen und vielen Fernseh-Redakteuren zusammen. Ich erinnere mich gut an sehr beamtenhafte Gestalten bei ARD und ZDF; auch an einige originelle – und besonders stark an den tragischen Tod von einigen.

Etwa von Gerd Wolf, dem ZDF-Abteilungsleiter, der uns anfangs eine Serie nach der anderen in Auftrag gegeben hatte. An einem Wintertag fuhr er, um abzukürzen, über eine eisüberzogene Panzerpiste und verunglückte tödlich. Wir, HG Thiemt und ich, mussten seiner Frau die Todesnachricht überbringen. In gewisser Weise waren wir auch die Leidtragenden der Tragödie. Durch seinen Tod stellte sich heraus, dass nicht das ZDF uns über Jahre beauftragt hatte, sondern er persönlich. Mit seinem Tod hörten schlagartig alle weiteren Aufträge auf. Wir mussten uns über Jahre anstrengen, die frühere ›Produktionskapazität‹ wieder zu erreichen. Das gelang uns nur, weil wir nach dem Tod von Gerd Wolf sehr Unterschiedliches für unterschiedliche Sender schrieben – bis hin zu Drei-Minuten-Sketche für den Südwestfunk.

Dann wird mir der Tod von Hans-Peter Renfranz für immer unvergesslich bleiben. Wir kannten ihn seit dem Tag, an dem er beim ZDF angefangen hatte. Er wurde einer der zuständigen Redakteure für Krimiproduktionen beim ZDF und zu meinem Erstaunen auch ein erfolgreicher Schriftsteller. Letztlich brachte es ihn um, dass sein Vater im Krieg als Euthanasiearzt Tausende von Kranken ermordet hatte. 1987 erfuhr er ohne Vorwarnung und nur durch einen langen Artikel in der ZEIT von der Beteiligung seines Vaters an den Euthanasie-Verbrechen. Hans Peter Renfranz sagte mir, sein Vater habe mit ihm nie über seine Vergangenheit gesprochen, und das glaube ich ihm auch. Die Enthüllung der Verbrechen des Vaters töteten letztlich den Sohn. Im März 1990 starb Hans Peter Renfranz an einem Gehirnschlag, noch keine fünfzig Jahre alt

Ein Schauspieler, dessen Schicksal uns besonders naheging, war Walter Sedlmayr, der immer nur als Volksschauspieler apostrophiert wurde.

Sedlmayr, 1926 geboren, hatte über Jahrzehnte treu an Münchner Theatern gespielt, abernie eine Hauptrolle. Dann gab man ihm in unserer Serie ›Drei Partner‹ quasi die Hauptrolle; er fiel dabei vollkommen aus dem Rahmen. Mir schien es, als spielten alle Übrigen in Schwarz-Weiß, er aber in Farbe. Wie viel Leben steckte in jeder Handbewegung von ihm! Daraufhin schrieben wir ihm die Rolle ›Der Herr Kottnick‹, die Hauptfigur der gleichnamigen Serie, praktisch auf den Leib. Damit und dem Syberberg-Film Theodor Hirneis oder: wie man ehemal. Hofkoch wird, war er aus dem Fernsehen nicht mehr wegzudenken.

Am 15. Juli 1990 wurde Sedlmayr von seinem Privatsekretär tot im Schlafzimmer seiner Wohnung in Schwabing gefunden. Der Schauspieler war mit mehreren Messerstichen an Hals und Nieren verletzt und dann mit einem Hammer erschlagen worden. Durch die Ermittlungen erfuhr die Öffentlichkeit erstmals vom Privatleben des ›Volksschauspielers‹. Sedlmayr stand zeitlebens im Spannungsfeld zwischen seinem bürgerlichen, konservativen Image als Vorzeige-Bayer und seiner von ihm verheimlichten Homosexualität.

Wenn wir mit ihm zu tun hatten, saß immer sein vollkommen stummer Chauffeur mit am Tisch. Ich glaube nicht, dass er ihn je vorgestellt hat; er saß einfach nur da, sagte nichts und wir sprachen ihn auch nicht an.

Die Ermittlungen der Polizei konzentrierten sich anfangs auf die Stricherszene. Schon bald stellte sich jedoch heraus, dass die Auffindesituation massiv gestellt worden war. Sedlmayrs Privatsekretär geriet durch ein gefälschtes Testament in Verdacht. Zu guter Letzt wurden Sedlmayrs ehemaliger Ziehsohn Wolfgang Werlé und dessen Halbbruder Manfred Lauber festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt.

Und nun Einiges über den Regisseur Rolf von Sydow und den Schauspieler Uwe Friedrichsen, sozusagen pars pro toto. Gemessen an den Hunderten von Schauspielern, für die wir Rollen schrieben, und gemessen an den Dutzenden von Regisseuren, die unsere Geschichten verfilmten, habe ich nur sehr wenige Schauspieler und Regisseure kennengelernt und selbst wenn, blieb die Bekanntschaft meist sehr an der Oberfläche. Das hat einfache, praktische Gründe: Die Drehbücher werden oft Jahre vor ihrer Verfilmung geschrieben und am Drehort sieht man Autoren nur ungern. Ihre guten Ratschläge will niemand hören; Autoren stören erfahrungsgemäß nur.

Bei den beiden Genannten war es anders. Mit Beiden arbeiten gut zusammen und mit Beiden saßen wir oft und lange zusammen.

Sydows Vater entstammte dm brandenburgischen Adelsgeschlecht von Sydow, seine Mutter Ilse Bayerthal war nach nationalsozialistischer Definition Halbjüdin. Deshalb konnte Rolf seinen Kindheitstraum, Offizier oder Diplomat zu werden, nicht verwirklichen. Immerhin wurde er zur Wehrmacht eingezogen und war bis 1944 Panzerfahrer, wurde mehrfach verwundet und mit hohen Orden ausgezeichnet. (Ähnlich wie Hans Georg Thiemt: Er wurde als Kriegsberichter zweimal mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, weil er sich mit seiner Kamera vor russische Panzer geworfen und hochdramatische Bilder aufgenommen hatte.) 1947 begann Sydow seine Karriere als Schauspieler und Regieassistent beim Theater Coburg, ging zum RIAS nach Berlin und wurde dort jüngster Hörspielregisseur. Im Laufe der Jahre wurde er bekannt als Regisseur einer Vielzahl von Spielfilmen, Theater- und Fernsehproduktionen. Von uns verfilmte er 26 Folgen der Serie ›Stadt ohne Sheriff‹.

Rolf von Sydow war auch der Verfasser mehrerer Bücher, darunter die Autobiografie ›Angst zu atmen‹, in der er seine Jugend in der Zeit des Nationalismus beschrieb. 

Aus einem Grund, den ich nicht genau bezeichnen kann, haben mich jüdische Autoren, jüdische Probleme, jüdische Themen immer stark angesprochen. Meine Großmutter war zwar katholisch (hatte sogar über viele Jahre ein Verhältnis mit einem katholischen Prälaten), feierte aber noch 1944 Laubhüttenfest in ihrem kleinen, von ihr über alles geliebten Hotel. Alles, was mit Hotel und Hotelleben zu tun hat, habe ich auch schon mehrfach beschrieben; aber das ist ein anderes Feld. Jedenfalls machten H.G. Thiemt und ich merkwürdige Erfahrungen bei dem Versuch, Juden in normalen Fernsehgeschichten unterzubringen. Im Allgemeinen wurden alle Bemühungen in dieser Richtung schon bei den ersten Besprechungen gestoppt und gekappt; im Fall eines ›Tatort‹ noch am Drehort.

Unser einziger wirklicher Erfolg in der Hinsicht war die SWF-Hörfunk-Serie ›Der Judenbengel‹. Diese Serie erzählt in Form einer Abenteuergeschichte von einem jüdischen Jungen, der nur auf sich gestellt in Berlin die ersten Kriegsjahre übersteht. Die Serie kam allerdings erst 1989 heraus, als sich die Welt gedreht hatte. Leute, die den ›Judenbengel‹ am Autoradio gehört hatten, schrieben uns, sie hätten anhalten müssen, weil ihnen die Tränen nur so über das Gesicht gelaufen seien.

 

Was Uwe Friedrichsen angeht, so ist zu sagen, dass er zusammen mit anderen Weggefährten 1953 das ›Theater 53‹ in Hamburg gründete. Seine Schauspielausbildung finanzierte er sich durch Gelegenheitsarbeiten am Hafen und als Zeitungsjunge. Ida Ehre,die Prinzipalin der Hamburger Kammerspiele, wurde 1955 auf Uwe Friedrichsen aufmerksam und verpflichtete ihn, bevor er ein Jahr später von Gustav Gründgens an das Deutsche Schauspielhaus geholt wurde. Bis 1968 gehörte er zu dessen Ensemble, danach arbeitete er als freier Schauspieler. Er gab Gastspiele an der Freien Volksbühne Berlin, bei den Festspielen in Bad Hersfeld, am Thalia-Theater Hamburg. Stardirigent Herbert von Karajan sah den jungen Schauspieler an der Freien Volksbühne Berlin, engagierte ihn als Rezitator für einem Liederzyklus von Arnold Schönberg. Unter Karajan gastierte Uwe Friedrichsen sogar in der Mailänder Scala, im Music Center Hollywood und in der Royal Albert Hall in London. Auch in Musicals wie Chicago war er auf der Bühne zu bewundern. Große Popularität erreichte er mit der Rolle des Detektivs Jones Burte in der Krimiserie John Kling's Abenteuer (1965-1970), zum großen Teil inszeniert von H.G. Thiemt; später war er Gaststar im großen Thiemt-Erfolg Percy Stuart.

Uwe Friedrichsen steht für mich immer als Beispiel, wie schnell Fernseh-Berühmtheit einen in sexuelle Abenteuer verstricken können.

 

Thiemt als Regisseur1972, 73 besuchte ich H.G. Thiemt bei Dreharbeiten in Barcelona. Es war vor der großen Stadterneuerung, Barcelona war mithin noch eine sehr düstere Stadt, wie ganz Spanien damals geheimnisvoll und bedrohlich wirkte. Mir imponierte der tägliche Tanz an der Kathedrale; abends aßen wir mit den Schauspielern und dem Stab oft in einem volkstümlichen Restaurant nahe der Ramblas. Man kam nur durch die Küche in den Essraum, der aussah wie eine Turnhalle.

In der Wochenschau wurden der zittrige Franco und der ebenso tapsige Haile Selassie (der ehemalige Kaiser von Abessinien) Arm in Arm gezeigt; die Zuschauer lachten. Da war mir klar, Francos Zeit ist zu Ende. Tatsächlich kam 1975 in Spanien (und auch in Griechenland) die Rückkehr zur Demokratie.

Wenn er hätte wählen müssen – Schreiben oder Inszenieren – hätte H.G. Thiemt keine Sekunde gezögert. Er war nicht nur Regisseur; er gab auch gerne den Regisseur. Mit den Serien John Kling und Percy Stuart waren ihm wirkliche Renner gelungen. Umso mehr wurmte ihn, nein, kränkte es ihn, dass man Drehbücher von ihm haben wollte, aber keine Inszenierungen. Er trug es tapfer, aber gelegentlich brach es aus ihm heraus; besonders, wenn mal wieder ein Kollege eine sehr mittelmäßige Inszenierung eines unserer Stücke abgeliefert hatte.

Während dieser Jahre musste das ZDF mit mehreren Skandalen fertig werden. Gemessen an dem, was sich ein Hollywood-Produzent wie Weinstein erlaubte, waren die meisten davon Kinderstreiche. Allerdings gab’s auch richtige Skandale. Der SPIEGEL kam einmal mit einem Titelbild heraus: Das ZDF im Würgegriff. Damit war der Medien-Mogul Leo Kirch gemeint, ein Filmproduzent, der entscheidende ZDF-Redakteure und Programmdirektoren am Gängelband hatte und mit seiner Firmengruppe jährlich 120 Millionen DM Umsatz machte; zu der Zeit war das eine unvorstellbare Summe. Ich war als Zuträger selbst in den Skandal verwickelt; übergab wie gewünscht internes Material an Wildfremde. Das Ganze hatte einen Hauch von 007. Das Unglück war nur, die Zahlen, die ich weitergab, waren falsch und der Spiegel verlor seinen Prozess gegen Leo Kirch. Es ist nie herausgekommen, dass ich einer Handlanger gewesen war!

Zwei Männer, die ich während meiner ZDF-Jahre schätzen lernte, waren der Regisseur Stanislav Barabás und der Abteilungsleiter (und Autor) Heinrich Carle, beides ungewöhnlich kluge Menschen und beide Fans von Simenon und Patricia Highsmith. Carle stellte bei der Diskussion von Themen und Stoffen Fragen, die ich mir seitdem selbst stelle. Insgesamt sehe ich es als Unglück an, dass ich nur selten mit Männern, wie sie es waren,zu tun hatte; im Allgemeinen wurden wir mit gutwilligem Durchschnitt zusammengespannt.

Am Ende seines Lebens, sozusagen auf dem Totenbett, zog Hans-Georg Thiemt, was die ZDF- und ARD-Menschen anging, diese bittere Bilanz: »Wir haben wenig Leute kennengelernt, die zu kennen sich gelohnt hat«.

 

Gemeinsamer Urlaub

Wir, meine damalige Frau und ich, machten mehrmals Urlaub mit den Thiemts.

Unter anderem waren wir in einer Ferienanlage der Familie Kroke (sie befand sich in San Teodoro, nicht weit von der bestaunten Costa Smeralda entfernt) auf Sardinien. Den Tipp hatten wir von Rolf von Sydow. Damals wurden die Autos noch in Genua verladen – in riesigen Säcken aus Stahl und Eisen, dann hochgezogen und an Bord abgesetzt. Heute ist Annemarie Kroke, die Chefin der Wohnanlage von damals, meine unmittelbare Nachbarin (und Freundin); wir wohnen, wenn sie in Berlin ist, buchstäblich Tür an Tür. In der Hauptsache lebt sie immer noch in Sardinien, ist dort eine erfolgreiche Psychoanalytikerin mit weltweiter Praxis (per Zoom). Ihr Mann war ein bekannter Bildhauer. Er ist vor einigen Jahren hier in Berlin gestorben; es war ein Schock.

Meine (jetzige) Frau und ich – wir sind immerhin auch schon seit dreiunddreißig Jahren zusammen – besuchen Pit Kroke immer mal auf dem Waldfriedhof Zehlendorf, dem Prominentenfriedhof.

Dort liegt auch Willy Brandt, der Held meiner Siebziger Jahre. Einmal, bei einer Geburtstagsfeier zu Brandts 75. Geburtstag, saß ich Brandt unverhofft gegenüber. Nur er und ich an der bereits leeren Tafel; er hat nichts gefragt, ich habe nichts gesagt. Was soll man die Weltgeschichte persönlich fragen? Hinterher wurde ich für mein Schweigen gelobt; sehr gut gemacht! Brandt hasste, wie ich bei der Gelegenheit erfuhr, den unverbindlichen small talk.

Andere Urlaube mit Thiemts haben meine erste Frau und ich in Arcachon verbracht. Arcachon, ein Urlaubsort am Meer im Südwesten Frankreichs, ist für seine Austernzucht bekannt. Noch heute bin ich verrückt auf Austern. Die vier Ortsteile Arcachons sind nach den Jahreszeiten benannt. Der Ortsteil Ville d'Été (Sommerstadt) beherbergt Einkaufsstraßen, den größten Sandstrand des Ortes und ein Casino aus dem 19. Jahrhundert. Südlich des Ortes liegt die Dune du Pilat, eine riesige natürliche Sanddüne, alles in allem eine Szenerie, wie ich sie liebe. Wir haben hier jeweils Ferienwohnungen gemietet; einmal waren wir nach Weihnachten dort. Es war das trübste Silvester, das ich je erlebt habe.

Zu dieser Zeit waren die oberitalienischen Seen und die Strände von Rimini und Jesolo die Traumziele der Deutschen. Mallorca wurde zwar ab 1960 immer bedeutender als Touristenziel; aber erst Anfang der 1970er Jahre kamen die ersten Deutschen auf die Idee, von Mallorcas Tourismus-Boom zehren zu wollen. 1970 eröffnete der Düsseldorfer Altstadtkönig Erwin Bornscheuer mit großem Erfolg die erste Disco Mallorcas: das Carrusell. Als Pioniere des Pauschalurlaubs galten die deutschen Unternehmen Dr. Tigges und nachher Neckermann. Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal nach Barcelona fuhr, hatte Neckermann am Straßenrand ein Schild aufgestellt: »Wir brauchten drei Stunden von Frankfurt hierher … Wie lange Sie?«

Ich musste gestehen, drei Tage!

 

Über Pornos und andere Filme

Ich war von klein auf Freund des Kinos. Entsprechend habe ich alles gesehen, was damals aus Hollywood kam; weniger das, was die Deutschen produzierten. Immerhin habe ich das Meiste davon doch später im Fernsehen erleben dürfen, einschließlich der Fassbinder-Werke.

Hier eine Auswahl von Filmen, die ich aus sehr unterschiedlichen Gründen schätzte. Ich kann aber nicht mehr sagen, wann und wo ich sie sah … ›Apocalypse Now‹, ›Taxi Driver‹, ›Clockwork Orange‹, ›Star Wars‹, ›18 Stunden bis zur Ewigkeit‹, ›Der weiße Hai‹, ›Chinatown‹, ›Alien‹, ›Unheimliche Begegnung der dritten Art‹, ›Amarcord‹, ›Willkommen, Mr. Chance‹, ›Die amerikanische Nacht‹, ›Providence‹, ›Der Mann, der vom Himmel fiel‹, ›Vier Fäuste für ein Halleluja‹, ›Jakob der Lügner‹, ›Die Legende von Paul und Paula‹, ›Die Brücke von Arnheim‹, ›Picknick am Valentinstag‹, ›Wenn die Gondeln Trauer tragen‹, ›Harold und Maude‹, ›Eine Frau unter Einfluss‹, ›Alice lebt nicht mehr hier‹ …

Wenn man vom Film der 70er Jahre spricht, kommt man nicht daran vorbei, auch vom Porno dieser Zeit zu sprechen. Pornos und Pornokinos wurden zu der Zeit sozusagen salonfähig; dabei waren sie in der großen Mehrheit sexistisch, entwürdigend, geschmacklos, ja geradezu widerlich. Das änderte aber nichts daran, dass das Grundkonzept Porno ein durch und durch faszinierendes war, und dass Filme mit Sex im Mittelpunkt, inszeniert mit nicht simulierten Sexszenen, explizit und alles zeigend, erregende Filmerlebnisse sein können und es auch immer wieder waren. Die erotischen Filme aus Japan wie Im Reich der Sinne machten einfach nur Staunen und Der letzte Tango in Paris gehört heute zu den Filmklassikern. Belle de Jour – Schöne des Tages war zwar aus dem Jahr 1967. Aber seine große Zeit hatte er in den Siebzigern.

Ich hatte auch meine speziellen Erlebnisse und Erfahrungen in Sex-Kinos. Aber die hatte ich vorher schon in Pariser Varietés gesammelt und in einem Theater in Marseille, das darauf spezifiziert war, ›lebende Bilder‹ zu stellen. Das Licht ging jeweils so schnell an und aus, dass man schon gefuchst sein musste, wenn man nicht das Beste verpassen wollte.

Ich muss allerdings zugeben, die französischen Impressionen gehörten zu einem anderen Leben – es hatte mit dem von 1970 ff. nichts zu tun.

 

Die andere große Leidenschaft: Lesen

Ich glaube, ich las alle wesentlichen Autoren, die in den 60er und 70er Jahren erfolgreich waren. Dazu gehörten Heinrich Böll (›Gruppenbild mit Dame‹), Peter Weiss (bekannt wurde er mit dem Stück ›Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade‹, Siegfried Lenz (›Deutschstunde‹), Günter Grass (›Die Rättin‹) oder Martin Walser (Ein fliehendes Pferd‹).

In den Siebzigern erlebte der Roman einen neuen Aufschwung. Als Gegenbewegung zur politisch engagierten Literatur der 60er Jahre schrieben in den 70er Jahren wieder viele Schriftsteller über sich selbst und das, was sie erlebt hatten. Am Privaten maß sich die Gesellschaft, nicht zufällig sprach man von Neuer Subjektivität und Neuer Innerlichkeit. Typisch waren Werke wie ›Lenz‹ von Peter Schneider oder ›Klassenliebe‹ von Karin Struck, beide von 1973. Auch Botho Strauß und Martin Walser entdeckten die Neue Subjektivität.

Selbstverständlich gab es noch eine Reihe weiterer bedeutender Autoren, die mich interessierten, etwa Arno Schmidt, Wolfgang Hildesheimer, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson oder Peter Handke. Ich schätzte ›Tadellöser & Wolf‹ von Walter Kempowski; der Roman erschien 1971 und hieß nicht zu Unrecht im Untertitel: Ein bürgerlicher Roman. Kempowski hatte nach dem Krieg eine Weile in Wiesbaden gelebt und in einer amerikanischen PX aushelfen dürfen. Darüber erzählte er später Originelles. Auch Uwe Johnson und seine ›Mutmaßungen über Jakob‹ imponierten mir. Johnson galt als »deutsch-deutscher Autor« und war der Erste, der die deutsche Teilung zum Thema machte. Was die ›DDR-Literatur‹ anging, so beschäftigte ich mich mit Volker Braun und Stefan Heym; gegen Christa Wolf hatte ich Vorurteile. Ich glaube, ich habe bis heute noch kein Buch von ihr in der Hand gehabt. Brigitte Reimann sagte mir zu und auch Rolf Schneider.

Wenn ich an die amerikanische Literatur dieser Zeit denke, fällt mir als Erster Henry Miller mit seinem Wendekreis des Krebses und seinem Wendekreis des Steinbocks ein. Diese Bücher waren zwar viel früher geschrieben worden, aber erst jetzt waren sie wirklich aktuell. Miller, wie Thomas Wolfe ein zwanghafter Egoist, schilderte in seinen Büchern seine sexuellen Eskapaden im selbstgewählten Pariser Exil. In den USA erschienen diese Werke erst in den 1960er Jahren und zogen eine Reihe von Gerichtsprozessen nach sich, dadurch wurden sie auch in Europa bekannt.

›Lolita‹, der Skandal-Roman von Vladimir Nabokov, hat mich nie als Skandal interessiert, sondern nur wegen seiner Sprache und dem Mut, eine solch ungewöhnliche Liebe wie die zwischen dem älteren Humbert Humbert und der blutjungen Lolita zu beschreiben. Nabokov war in Sankt Petersburg geboren und starb 1977 im Palace Hotel von Montreux, wo er mit seiner Frau über Jahre gelebt hatte. Das war immer mein Vorbild. Wenn ich jedoch nicht bald den ganz großen Erfolg lande, wird mir dieses Lebensziel verwehrt bleiben. Insgesamt habe ich Nabokows Bücher – zu seinen bekanntesten Werken zählen neben Lolita die Romane Pnin, Fahles Feuer und Ada oder Das Verlangengeliebt. Weitere wichtige amerikanischen Schriftsteller waren für mich: Paul Auster, Joseph Heller mit Catch 22, Kurt Vonnegut mit einem Schlachthof 5, Philip Roth und seine Jammerei Portnoy's Beschwerden, John Barth Der Tabakhändler, John Updike Ehepaare und Truman Capote KaltblütigAuf meinem Bücherregal standen und stehen immer noch Werke von so wunderbaren Autoren wie Saul Bellow, Bernard Malamud, E.L. Doctorow und, gasnz wichtig, Isaar Bashevis Singer. Als Bühnenautoren schätzte ich vor allem Tennessee Williams und Arthur Miller.

In dem unglückseligerweise immer noch aktuellem Fachbuch Macht und Ohnmacht der Autoren werde ich liebenswürdigerweise als belesen charakterisiert.

 

Der Geist der Siebziger

Die Siebziger besitzen insgesamt eine gewisse Attraktivität. In diesen Jahren fand ein bedeutender gesellschaftlicher Wandel statt, der noch die Gegenwart prägt. Sie sind keineswegs mit dem Terrorismus und dem ›deutschen Herbst‹ gleichzusetzen. Es war nicht ausschließlich die Zeit einer BRD noir, sondern auch die der verschiedenen ekstatischen Augenblicke. Für einen Verwandlungskünstler wie David Bowie, der mit Haltungen, Kostümen und eben auch Genres jonglierte und sich alle paar Jahre neu erfand, war diese Zeit eine ideale Spielwiese. Bowie wurde so zur archetypischen Figur dieses Jahrzehnts.

Für das gemeine Volk ließ es Peter Alexander 1968 und danach musikalisch krachen. »Komm und bedien‘ dich« sang er in der deutschen Fassung der Tom-Jones-Nummer Help yourself. Fröhlich, überdreht, nahezu entfesselt und auch ein bisschen anzüglich klang Peter Alexander: »Ich lad dich ein, und du sagst Yes, und zum Dessert gibt’s Happiness». Alexanders Version des Welthits machte die von Künstlern und Intellektuellen angestoßene sexuelle Befreiung für die breite Masse verdaulich. Allerdings: Auf Platz eins der Hitlisten stand wochenlang ›Mama‹ von Heintje!

Orange, gelb und rot prägten mit schrägen Popmustern das Ambiente der Siebziger. Aus Sicherheitsgründen wurde die Anschnallpflicht bzw. der Einbau von Sicherheitsgurten in den PKWs verbindlich. Meine damalige Frau liebte Seidenblumen und Perücken; davon hatte sie mehrere in verschiedenen Blond. Nach den Erfahrungen mit den gemeinsamen Ferien mit Thiemts fuhr sie gern allein in Urlaub, und ich lief eine Weile mit sehr langen Haaren herum. Meine erste Blue Jeans trug ich mit 25 und mit H.G. Thiemt duzte ich mich niemals. Das wurde zum Markenzeichen in einer Branche, in der jeder jedem schon nach fünf Minuten um den Hals fällt.

Die Schlagworte dieser Jahre waren: Hippies, Neue Soziale Bewegungen, Friedensbewegung, Anti-Atomkraft-Bewegung samt Demonstrationen, Bhagwan, Jesus-People, Playback-Theater, Punk, Rasterfahnung, Schulmädchen-Report, Emma, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Das Fernsehen steuerte Dalli-Dalli bei, Der große Preis, Je später der Abend, Kojak, Quincy, Columbo. Gern gesehen wurde auch Der Seewolf sowie Einmal im Leben, geschichte eines Eigenheims.

Die Siebziger Jahren waren die Zeit von Frau Sommer, Jacob’s Krönung und dem Senso-Schaf. Und auch typisch für die Zeit: »Die Sinalco schmeckt, die Sinalco schmeckt, die Sinalco, die erfrischt und schmeckt«.

Insgesamt war Zukunft damals etwas, auf das man sich ohne Wenn und Aber freuen konnte; alles Neue, Unbekannte und Experimentelle wurde noch als Verheißung empfunden und nicht wie heute als Bedrohung. Erste Wermutstropfen – etwa die Ölkrise von 1973 und der Report ›Die Grenzen des Wachstums‹ – trübten zwar die Wachstums-Euphorie, entfaltete ihre Wirkung auf das gesellschaftliche Klima aber erst allmählich. Sogar sehr allmählich. 

 

 

 


Meine nichtgehaltene Rede zum Achtzigsten
Mein Leben lang wollte ich schreiben und mein Leben lang habe ich geschrieben.

Ich erinnere mich, der erste Mensch, der das erkannte (das Schreiben wollen) war ein zu seiner Zeit recht bekannter Autor namens Heinz Becker-Trier. Er wohnte über Monate im Haus meiner Mutter (›Pension Elisabeth‹) auf der Rheinhöhe zwischen Wiesbaden und Biebrich, eigentlich schon Biebrich. Wir unterhielten uns über dies und das und eines Tages schenkte er mir ein Exemplar seines Romans ›Der Mann, der in den Himmel sah‹, der 1947 oder 1948 erschienen war. An den Inhalt erinnere ich mich nur vage, aber sehr genau an die Widmung: »Meinem zukünftigen Kollegen«. Ich war da vielleicht dreizehn oder vierzehn und hatte außer für die Schülerzeitung noch nichts geschrieben.

Dies aber immerhin!

Ich wurde durch Vermittlung meiner Großmutter Volontär und danach sehr junger Lokalredakteur der damals noch selbstständigen rheinhessischen ›Ingelheimer Zeitung‹, der ich bis zu ihrem Ende treu blieb. Sie wurde dann eine Lokalausgabe der ›Allgemeinen Zeitung‹, Mainz, und wahrscheinlich wäre ich ihr ebenfalls treu geblieben, hätte ich nicht kurz nach meiner Anstellung dort einen Brief vom Südwestfunk, Baden-Baden, erhalten, in dem der damalige Finanzdirektor mir schrieb, er habe von meiner Großmutter gehört, ich wolle gern zum Südwestfunk wechseln und wenn dem so sei, möge ich ihm das mitteilen. Ich wollte, fuhr nach Baden-Baden und war nach einem etwa einstündigen Gespräch engagiert, als ›Programmredakteur‹ des gerade entstehenden SWF-Werbefernsehens. Das war insofern das Richtige für mich, da ich damals und auch danach das Kino für die lebendigste aller Künste betrachtete und das noch immer tue. Noch immer gehen mir lebende Bilder über alles …

Als ich wegen meiner neuen Aufgabe bei der Allgemeinen Zeitung kündigte, wurde ich von Erich Dombrowski, dem Herausgeber der AZ, einbestellt. Ich erwartete eine Strafpredigt wegen erwiesener Undankbarkeit, schließlich wurde auch damals nicht jeder, der wollte, eingestellt. Aber Herr Dombrowski wollte mich nur mal kennenlernen, mir alles Gute wünschen und zum Abschluss unseres Gesprächs sagte er mir voraus: »Sie werden ein großer Journalist«. Ich habe diesen Satz immer als Orden betrachtet, schließlich war Erich Dombrowski schon in den Zwanziger und dreißiger Jahren Chefredakteur sagenumwehter Berliner Zeitungen und 1949 einer der Gründer und danach Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Mit dem Journalismus wurde es nur partiell etwas, ab und zu habe ich Artikel für große Zeitungen geschrieben, und seitdem ich in Berlin lebe, schreibe ich jeden Monat für den Wiesbadener Kurier bzw. das Wiesbadener Tagblatt einen ›Brief aus Berlin‹, in dem ich meinen früheren Wiesbadener Mitbürgern Leben und Treiben in der Hauptstadt beschreibe. Bei ›Radio Rheinwelle‹ habe ich eine monatliche Sendung, in der ich dasselbe mache.

Mit dem Schreiben ging es insofern weiter, als ich schon während meiner insgesamt rund vier Redakteursjahre beim Südwestfunk die ersten eigenen Drehbücher schrieb, dazu sehr animiert von meiner Freundin Charlotte. Die eigentliche Freude bestand darin, dass diese Drehbücher – zum Haushonorar – verfilmt wurden. Die erste Geschichte drehte sich um ein kleines Hotel, das seine Geldschwierigkeiten mit einem Schwindel beheben wollte. Hotels und die Sorgen und Freuden von Hoteliers sind sozusagen das Thema meines Lebens. Sie kommen in einigen meiner Bücher vor, auch in Fernsehspielen und Fernseh-Serien, etwa in ›Hier kocht der Chef‹ oder in der Komödie ›Wir werden Vater‹.

Das Thema Hotels, Hoteliers und Gäste beherrscht vor allem meine Romane ›Hotel Petersburger Hof‹ und ›Gute Jahre‹, die persönlichsten meiner Bücher. Hier habe ich meine sehr eigenwillige Großmutter und Hotelbesitzerin – sie nannte sich selbst Matratzenvermieterin – zur Heldin gemacht. Der ›Petersburger Hof‹ erschien ursprünglich bei Scherz, damals noch Bern; man wünschte sich nichts Elektronisches, alles auf Papier! Das Taschenbuch dazu brachte der Verlag Droemer-Knaur heraus und die Frauen-Zeitschrift ›Brigitte‹ nannte das Buch eins der schönsten des Jahres 1996.

Mit der Fortsetzung ›Gute Jahre‹ ließ ich mir viel Zeit; ich dachte, alles Wesentliche erzählt zu haben. Aber da die Leserinnen nicht aufhörten zu drängeln und unbedingt wissen wollten, wie es weitergegangen sei, habe ich zwanzig Jahre danach den zweiten Teil der Geschichte geschrieben, eben ›Gute Jahre‹. Die Magdeburger Volksstimme hat die ›Frieda-Saga‹ als Ganzes rezensiert und dazu formuliert, was ich am liebsten hören wollte: »Auf tausend Seiten stellt Hans Dieter Schreeb eine Frau und das Jahrhundert der Deutschen vor«.

Zwischen den ersten Drehbüchern und ›Gute Jahre‹ liegen viele Jahre, eine ganze Karriere, ein ganzes Leben.

Im Herbst 1963 wurde ich bei einer Besprechung in der NFP, einer renommierten Filmproduktion, damals in der Wiesbadener Uhlandstraße heimisch, heute in Berlin, Halle und Wiesbaden, Hans-Georg Thiemt vorgestellt. Ich versuchte mich gerade als freier Autor und er wollte weg von dem, was er tat. Er war einige Jahre älter als ich und nach seinem Selbstverständnis Filmmensch, war lange Regieassistent von Wolfgang Staudte gewesen und zu der Zeit, als ich ihn kennenlernte, Regisseur von Werbefilmen. Damit war er sehr erfolgreich. Er war zum Beispiel in Cannes mit Goldmedaillen für seine Spots ausgezeichnet worden, aber das Geld und der Porsche machten ihn nicht (mehr) glücklich. Wir trafen uns zu einer Tasse Kaffee und dabei entwickelte er die Idee zu einem Zwanzig-Minuten-Drama (damals die übliche Länge für Filme des Werbefernsehens) und fragte mich, ob ich den Aufriss dazu schreiben wolle. Wollte ich; dann schrieben wir dazu gemeinsam das Drehbuch, die NFP reichte es beim Saarländischen Rundfunk ein und vierzehn Tage später war die Geschichte verkauft.

In dieser Art haben wir dann über Jahrzehnte Drehbücher für ARD und ZDF geschrieben, besonders viele für das ZDF. Leider aber nicht immer so problemlos verkauft, manchmal ja, manchmal nicht. Die Bundeszentrale für politische Bildung ließ einmal untersuchen, wer die – quantitativ – ergiebigsten Autoren des deutschen Fernsehens seien. Bei dieser Untersuchung landete das Autorenduo Thiemt/Schreeb auf Platz 3, Sieger des imaginären Wettbewerbs war Herbert Reinecker, der Erfinder von ›Derrick‹ und vieler ›Straßenfeger‹.

Hans-Georg Thiemt und ich wurden von verschiedenen Verlegern dazu ermuntert, Bücher zu unseren erfolgreichsten Serien zu schreiben. Der erste von ihnen war Julius Breitschopf, ein Wiener Verleger von Kinderbüchern und von ›Fernsehbüchln‹, wie er sein Produkt nannte. Palettenweise wurde diese spezielle Literatur in Kaufhäusern verkauft und von uns, Hans-Georg Thiemt und mir, wünschte er sich Buchmanuskripte zur damals und lange danach auch noch erfolgreichen Abenteuerserie ›Kurier der Kaiserin‹ mit Klausjürgen Wussow in der Hauptrolle. Herr Breitschopf versprach uns Abrechnungen, die jedem von uns ein Haus an der Riviera eintragen würden. Klugerweise riet er uns, mit dem Kauf der Grundstücke noch bis zur ersten Abrechnung zu warten. Die ›Büchl‹ sind erschienen, die versprochenen Häuser haben wir davon nie kaufen können. In jedem Fall war die Bekanntschaft mit Julius Breitschopf lohnenswert; ich habe ihn hier und da als Figur nachgezeichnet.

Das Schreiben der Fernseh-Bücher war für Hans-Georg Thiemt und mich aber in anderer Hinsicht wichtig. Wir, die wir bereits seit zehn Jahren Fernsehspiele, Dokumentarspiele und Serie nach Serie (und zwar Wort für Wort gemeinsam) geschrieben hatten, kamen bei dem Wiener ›Kurier der Kaiserin‹-Auftrag nicht über die erste Seite hinaus. Wir zerstritten uns dabei so, dass die Partnerschaft auf der Kippe stand.

Bei der Gelegenheit wurde uns zum ersten Mal klar, was Manuskripte für Film und Fernsehen von Literatur unterscheidet.

Das Eine sind Handlungsanweisungen für viele Menschen – Bühnenbildner, Toningenieure, Schauspieler, Regisseure, Produzenten, selbst noch für Financiers − und sie müssen so vage gehalten sein, dass jeder von ihnen seine Phantasie und seine Einfälle einbringen kann und andererseits so klar und durchstrukturiert, dass man beim Lesen des Drehbuchs schon den fertigen Film vor Augen hat. Das Andere, die Literatur, sind Zwiegespräche zwischen Autor und Leser und entsprechend viel intimer, viel persönlicher. Wenn mich jemand fragt, wie zwei Autoren gemeinsam einen Roman schreiben können, kann ich nur antworten: Ich weiß es nicht. Wir, Hans-Georg Thiemt und ich, haben jedenfalls nie einen geschrieben. Dass auf meinen ersten Büchern unser beider Name steht, war nur eine Marketing-Maßnahme. Wir waren eben als Autoren-Duo eingeführt. Meine Frauen hat das immer sehr geärgert.

Unsere Zusammenarbeit endete nach Jahrzehnten mit der schweren Krankheit von Hans-Georg Thiemt und seinem Tod. Danach wurde das Fernsehgeschäft für mich schwieriger und unerfreulicher. Im Grunde wollte ich es auch nicht mehr, am Ende erschien mir alles wie die Wiederholung des ewig Gleichen. Es begann die Phase, in der ich meine wichtigen Romane schrieb: ›Der Bader von Mainz‹, ›Feuerblumen‹, ›Hinter den Mauern von Peking‹, ›Primadonna‹, den bereits mehrfach erwähnten Roman ›Hotel Petersburger Hof‹ und andere, die mir ebenfalls am Herzen liegen. Die meisten von ihnen erschienen bei Ullstein. Seit einigen Wochen ist die englischsprachige Version von ›Hinter den Mauern von Peking‹ als ›Behind the Walls of Beijing‹ als e-book zu haben – weltweit und mit dem Logo des Theaterverlags und Medienagentur Gallissas auf der Titelseite.

Und damit sind wir bei den Begebenheiten, die mich mit meiner Verlegerin, Trauzeugin und Freundin Bettina Weyers zusammengebracht haben, Begebenheiten, die sozusagen zu meiner vierten Karriere als Librettist geführt haben.

Als ich unsere heutige Gastgeberin kennenlernte, hieß sie noch Bettina Migge, war Prokuristin des seit Hauptmann‘s und Brecht‘s Zeiten angesehenen Berliner Theaterverlags Felix Bloch Erben. Vor allem war Bettina trotz ihrer Jugend bereits selbst eine Größe im Theaterbetrieb zwischen Berlin und New York, einschließlich Paris und London. Ich besuchte sie in ihrem Büro in der Hardenbergstraße, unmittelbar neben dem Renaissance-Theater, weil ich hören wollte, was aus unserem Theaterstück ›Geldsorgen‹ geworden war. Der Stoff war ursprünglich ein Fernsehspiel, dass das ZDF ausgestrahlt hatte; Hans-Georg Thiemt und ich hatten es zu einem Boulevardstück umgeschrieben und Bloch Erben hatte den Vertrieb übernommen.

Es stellte sich heraus, dass das Stück trotz Bemühungen von Bloch Erben von keinem Theater gespielt worden war, und leider ist es danach auch nicht passiert. Ich fürchte, es wird trotz seiner guten Grundidee keine Auferstehung erleben – die Zeit ist darüber hingegangen.

Nun, für mich ist jedes Stück, jedes Buch, jeder Film in erster Linie ein Los in der Lotterie. Nie ist vorauszusagen, was wann wem gefallen wird bzw. ein Flop wird. ›Geldsorgen‹ hatte als Theaterstück eben Pech, dafür hatte es jedoch als Fernsehspiel sein Geld eingespielt … Mischkalkulation!

Wichtig war vor allem, dass Bettina und ich schon beim ersten Zusammentreffen Pläne entwickelten, und wie wunderbar sind sie im Laufe der Zeit aufgegangen.

Ich war dabei, als sie zunächst in der Wielandstraße, dann in der Potsdamer Straße ihre Agentur zusammen mit ihrem Mann, dem Bühnenbildner und Regisseur Christoph Weyers, aufbaute. Ich durfte das Buch zum Musical ›Tell‹ schreiben, das am Walensee Premiere hatte und für das Christoph das sehr ungewöhnliche Bühnenbild schuf.

›Tell‹ hat mich, wie mir ein Schweizer Bundesrat sagte, zu einem Teil der Schweizer Nationalgeschichte gemacht. In diesem Frühjahr wurde in einer Pressekonferenz in der Schweizer Botschaft in Wien das Musical ›Heidi‹ – Musik und Songs Michael Schanze, Buch Hans Dieter Schreeb – angekündigt; es hat in diesem Oktober (exakt am 10. Oktober 2018) im Wiener Museumsquartier Premiere. Bei der Gelegenheit war der Botschafter der Eidgenossenschaft so liebenswürdig darauf hinzuweisen, dass es wohl nur wenigen Autoren vergönnt sei, beide Heroen der Schweiz, eben Tell und Heidi, dem großen Publikum noch näher zu bringen.

Im kommenden Jahr wird, soweit alles gut geht, das Musical ›Zeppelin‹ – Musik und Songs Ralph Siegel, Buch H. D. Schreeb – Fahrt aufnehmen und ebenfalls im kommenden Jahr wird das Musical ›Kohlhiesels Töchter‹ – nach Ernst Lubitsch, Musik Shaj Cohen, Songs Norbert Hammerschmidt und Buch … na ja, eben, auch von mir − auf der Bühne sein.

Alles Gallissas-Projekte, und in allen steckt Herzblut von Bettina.

Ich danke Dir dafür, liebe Bettina – dafür und für Deine Freundschaft und auch dafür, dass Du mich mit diesem Fest überrascht hast. Aber vor allem dafür, dass Du es möglich machst, dass ich weiterhin schreiben und schreiben kann. Ich glaube, ich habe es schon zu Anfang gesagt – das Schreiben von Geschichten und das Beschreiben von Fakten möchte ich gern so lange fortsetzen, wie es möglich ist. Falls es jemand wissen will: Zurzeit schreibe ich einen Roman mit dem Arbeitstitel ›Äquatortaufe‹; er zeigt Deutsche in Brasilien und ist angeregt durch die Familiengeschichte meiner Frau. Der Roman sollte eigentlich schon vor vielen Jahren fertig sein. Nun, wird er eben etwas später fertig … Vielen Dank fürs Kommen und fürs Zuhören!«

 

Diese Rede sollte anläßlich eines Essens, das der Verlag und Medienagentur Gallissas, zu Ehren von Hans Dieter Schreeb auf der Dachterrasse des Hotels Adlon gab, gehalten werden. Es kam nicht dazu ... Dann wenigstens hier!