Charlotte

20. Dezember 2012

Charlotte

Wenn ich mir eine Scheibe Brot röste, denke ich an sie; vielleicht nicht immer, aber meistens. Manchmal muss ich nur einen Toaster im Schaufenster sehen, schon fällt sie mir wieder ein – Charlotte, die erste Frau, mit der ich Tisch und Bett teilte.

Das ist ein halbes Jahrhundert her. Ich war damals Anfang zwanzig, junger Redakteur des Südwestfunk-Werbefernsehens in Baden-Baden, sie einige Jahre älter und Cutterin mit einem gewissen Nimbus. Nichts sprach dafür, dass ausgerechnet wir ein Paar werden sollten. Ich trat damals auf wie ein gesetzter älterer Herr (immerhin hatte ich einige prägende Jahre in einem Bischöflichen Konvikt hinter mir), sie wie eine Frau aus den goldenen Zwanzigern. Sie war der ›Garçonne‹-Typ wie aus dem Bilderbuch, selbstbewusst, ohne viel Rücksicht auf die Meinung anderer. Auch finanziell war sie unabhängig; die Arbeit, die sie machte, brauchte sie nicht. Sie besaß eine Villa am Wannsee und den neuesten DKW 3=6 mit sagenhaften 40 PS und Lenkradschaltung. Eigentlich wollte sie sich immer einen Sportwagen zulegen. Ich riet dringend davon ab. Unpraktisch! Viel weniger Auto für viel mehr Geld! Ich darf mir gar nicht vorstellen, wie sich mein Leben entwickelt hätte, hätte sie nicht auf mich gehört und wir wären mit offenem Dach an die Riviera gefahren oder nach Spanien, das von den Trendsettern damals gerade entdeckt wurde.

Aber auch in ihr steckte offenbar viel Bürgerliches. Wenn ich nur daran denke, wo und wie wir Urlaub machten: Einmal in einer französischen Familienpension in Vichy; so typisch französisch, dass sie in jeder ›Monsieur-Hulot‹-Komödie hätte vorkommen können. Um acht Uhr abends wurde gegessen; es gab erst was, wenn alle an ihrem Platz saßen und während des Essens wurde über Gesundheitsprobleme, das Wetter und die Familie gesprochen. Die deutsche Besatzungszeit wurde aus Rücksicht auf uns ausgeklammert, nicht ganz einfach in Vichy, immerhin während des Krieges Sitz der den Nazis zugeneigten Pétain-Regierung. Ein anderes Mal haben wir vier Sommerwochen in der Bretagne verbracht. Ich werde nie vergessen, wie viele Sorten Besteck dazu gehörten, die riesigen Platten ›Meeresfrüchte‹ korrekt zu verputzen. Selbst Hummer lagen wie selbstverständlich auf den Platten, die es damals gab, und die Austern wurden auf silbernen Etageren serviert, kleinen Weihnachtsbäumen ähnlich.

Charlotte zeigte mir allerdings auch Ecken vom Montparnasse, die nicht unbedingt in Reiseführern erwähnt wurden, seltsame kleine Theater mit Zimmern, in die man sich bei Bedarf zurückziehen konnte. Letzten Ende ist Sex Sex und, wie Woody Allen gesagt hat, auch schmutzig, wenn er richtig gemacht wird. Doch soweit ich es erlebt habe, ähnelten die erotischen Abenteuer im Paris von damals irgendwie der Atmosphäre der Familienpension in Vichy.

Eine Woche verbrachten wir auch mal in Charlottes ansonsten leer stehendem Haus am Kleinen Wannsee. Das Grundstück grenzte direkt ans Seeufer und man sah noch die Reste eines Bootsstegs, den ihr ein Verflossener, ein Bauunternehmer, als Geschenk hingestellt hatte. Beim ersten Betreten war der Steg langsam und filmreif unter ihm zusammengebrochen und darüber konnte sie immer noch lachen. Warum Charlotte ausgerechnet von Berlin nach Baden-Baden gezogen war, weiß ich nicht. Wenn sie schon nicht am Wannsee bleiben wollte, dann wäre Hamburg oder München, damals die Film- beziehungsweise bald die Fernseh-Hochburgen in Deutschland, richtiger gewesen. Eigentlich gehörte sie nach Paris.

Heute liest man, die Fünfziger, Sechziger Jahre seien über die Maßen spießig gewesen. Sicher, man konnte theoretisch wegen Ehebruchs zu Gefängnis verurteilt werden und das kam in Ausnahmefällen auch praktisch vor. Dennoch, ich habe diese Zeit anders erlebt. Ein kleines Beispiel: Nach wenigen Wochen ›Ausprobierens‹ waren wir, Charlotte und ich, auf Wohnungssuche. In Lichtenthal, dem ehedem so berühmten Vorort Baden-Badens, wurde uns eine schöne, sehr geräumige Wohnung angeboten. Wir waren unschlüssig, ob wir sie nehmen sollten oder nicht, da brachte die Vermieterin ein damals, vor der Erfindung der ›Pille‹, bestechendes Argument vor: Ihr Sohn sei Arzt und »wenn bei Ihnen was passiert, dann hilft er selbstverständlich gern; darauf können Sie sich verlassen«.

Wir haben die Wohnung nicht genommen und brauchten auch die Hilfe des Arztsohnes nicht und auch keines anderen Mediziners. Wir fanden eine Wohnung in einem hochherrschaftlichen Haus nicht weit vom Sender entfernt. Beeindruckend waren die vier sechseckigen Türmchen, die dazu gehörten. Eins, das mit der schönsten Aussicht auf die Stadt, richteten wir uns als Küche her, ein anderes als Bad. Für Charlotte gab‘s noch ein kleines Arbeitszimmer, wo sie las oder Horoskope für Freundinnen ausarbeitete und schließlich für mich ein Schreibstübchen. 

Es war Charlotte, die mich drängte, es mit dem Schreiben zu versuchen; meine Redakteurstätigkeit konnte ihr nie imponieren. Ich betreute Reisereportagen ›Mit dem Goggomobil um die Welt‹, zwei Folgen zu je zwanzig Minuten und ähnliches. Ich fing erst mal mit dem Schreiben von Drehbüchern an – Minidramen, wie wir sie im Vorabend-Programm ausstrahlten. Charlotte schenkte mir eine Pfeife (damit ich beim Schreiben aussah wie Georges Simenon) und tatsächlich wurden meine ersten Drehbücher schnell akzeptiert und verfilmt.

Mit dem ganzen Hochmut der Jugend und auch mit der ganzen Herzlosigkeit der Jugend trennte ich mich nach vier Jahren von Charlotte. Natürlich gab’s gute Gründe dafür, aber die hatte es schon nach der ersten Woche gegeben. Sie schätzte Dornach, Rudolf Steiner und seine Anthroposophie. Mir war jedes Wort davon ein Graus und die Häuser, die nach diesen Ideen gebaut wurden ebenfalls. Immerhin waren wir uns einig, dass die Le Corbusier-Kapelle in Ronchamp ein Meisterwerk sei und das ist sie ja auch,

Ich habe Charlotte nur noch ein einziges Mal wiedergesehen – vielleicht zwanzig Jahre nach unserer Trennung. Ich schrieb damals mit meinem Partner Hans Georg Thiemt mehrere Fernseh-Serien für den Südwestfunk (und sehr viele Hörfunk-Serien) und wir saßen mit dem Redakteur in der Kantine, als sie hereinkam. Sie sah mich und war von einer Sekunde auf die nächste ›auf hundert‹, um es schnodderig auszudrücken. Ich stand sehr vorsichtig auf und ging auf sie zu wie ein Dompteur auf eine besonders widerspenstige Tigerin. Es gelang mir mit beschwörenden Blicken und beruhigenden Worten den Skandal zu vermeiden, der in der Luft lag … Und alles, was ich noch mal von ihr hörte und las, war ein Brief, den sie mir einige Wochen später zusammen mit einer Dose Kakao schickte. Sie schrieb, den sei sie mir noch schuldig. Nein, wenn jemand in unserer Beziehung jemanden etwas schuldig war und ist, dann bin ich es. In diesem Leben werde ich meine Schuld nicht mehr abtragen können.

Und ehe ich vergesse, warum ich beim Brotrösten an sie denke: Charlotte hat mir einmal die Episode erzählt, wie sie unmittelbar nach dem Krieg von Amerikanern eingeladen worden war und sich auf den Toast freute, der versprochen worden war. Den gab’s auch, aber vor ihren Augen zerfloss und zerschmolz die Butter, auf die sich beinahe noch mehr gefreut hatte. Sie fing an zu weinen und diese Tränen habe ich noch getrocknet.

 

(Diesr Artikel von Hans Dieter Schreeb erschien am 20. Dezember 2012 im Wiesbadener Tagblatt in einer Reihe "Freundschaften".)