Kur und Badeleben - Über Badeorte, Badmamsellen und über das Baden als solches

2. März 2004

Man stelle sich vor: Beim gemeinsamen Bad beratschlagten die Mitglieder des Bundeskabinetts, wie die ›Gesundheitsreform‹ doch noch zu einem Jahrtausendwerk verbessert werden könne. Man stelle sich weiter vor, bei diesem Bad seien Männlein wie Weiblein nackt, höchstens eingehüllt in heiße Dämpfe, oder schritten, das Badetuch wie eine Toga um sich gelegt, nachdenklich auf und ab, jedes neue Argument bedenkend und wägend.

Zu römischen Zeiten, ja noch vor ein paar hundert Jahren hätte niemand bei dieser Phantasie Erstaunen gezeigt. Denn seit der Antike wurden die Wonnen des Badens geschätzt und mit dem Nützlichen und Notwendigen verbunden.
Das Mittelalter, nie so dunkel, wie es gern hingestellt wurde, kam nicht ohne das Badhaus aus. Es war halb Heilstätte, halb Vergnügungsort – hier wurden Zähne gezogen, Knochen gerichtet, Verträge geschlossen, die Badedirnen umarmt und Ehen ›eingebadet‹. Der ›Badpfennig‹ stand den Handwerksgesellen wie selbstverständlich zu.

Als die Badhäuser aus unterschiedlichen Gründen aus der Mode kamen, erfreuten sich die ›Wildbäder‹ wachsender Beliebtheit. Seit dem vierzehnten Jahrhundert bemühten sich Bürger und Adlige, Landesherren und die Kirche gleichermaßen, mineralhaltige Quellen nutzbar zu machen.
Der berühmteste Brief aus einem solchen Bad stammt von dem italienischen Humanisten Poggio Bracciolini. Er beschrieb seinem Freund Niccolò Niccoli das fröhliche, ausgelassene Treiben von Baden im Aargau, das er 1416 wegen seines Gichtleidens kennen gelernt hatte.
Spätestens seit dem 16. Jahrhundert interessierte sich die Medizin nachhaltig für die Wohltaten des Wassers. Das Baden im Thermalwasser oder - immer häufiger auch die Trinkkur - wurde bei Haut- und Gelenkerkrankungen ebenso wie bei Magen-Darm-Problemen oder Schlaganfällen zum probaten Heilmittel erklärt.

Die ›Badereise‹ avancierte zum Statussymbol des europäischen Adels und des aufstrebenden Bürgertums. Wer auf sich hielt, fuhr während der Saison ins Bad, ob leidend oder kerngesund. Wohl dem Badeort, der sich vollmundiger ärztlicher Empfehlungen rühmen durfte: Ihm waren Wohlstand und Prosperität sicher.
Kaiser und Könige, Fürsten und Bischöfe, Staatsmänner, Künstler, Bohemiens und Bonvivants waren Sommer für Sommer unterwegs. Reiche Russen verließen ihre Landgüter, spleenige Engländer ihre Insel, um zu baden; selbst Franzosen kamen deswegen über den Rhein. Selbstver-ständlich musste man den Herrschaften mehr bieten, als warmes oder kaltes Wasser – jeder Badeort bot reges gesellschaftliche Leben, Kunst und Kultur, Bälle und Glücksspiel, überhaupt ›Amüsements‹ jedweder Art.

Wohin man sich auch begab: Arm durfte man nicht sein, wenn man an den mondänen Plätzen gesehen werden wollte. Baden-Baden nahm um die Jahrhundertwende 1900 pro Monat und Person allein 16 Mark Kurtaxe, für eine Familie 25 Mark - das war das Monatsgehalt eines kleinen Beamten. Dabei wurden allerdings auch Bedienstete höheren Ranges wie Hauslehrer, Gesellschafter, Sekretäre, Reisekuriere als zur Familie gehörig betrachtet. Die durchschnittlichen Tagespreise betrugen für Zimmer 2,50 bis 3.- M., volle Pension 6.- bis 8.- M. pro Tag und Mensch.
Wiesbaden, der andere Bade- und Kurort von Weltruf in Deutschland, war keinen Deut billiger. Und dennoch hatte er ›gewaltigen Fremdenzufluß‹. Hier ernährten die Kurgäste allein zweihundertfünfzig Badeärzte!

Die Liste der berühmten europäischen Kurbäder reichte zu dieser Zeit von Aachen über Abbano bis Zoppot ›an der deutschen Riviera‹. Viele der Orte, die noch heute (oder wieder) Rang und Namen haben, wurden damals aufgesucht; andere kennt man heute nicht mehr als Badeorte. Budapest war damals zum Beispiel ›groß im Kommen‹ - keine Stadt Europas war so reich an naturwarmen Quellen und Bädern. Aber auch Kairo und Algier nahmen einen rapiden Aufschwung. Die Saison von Kairo galt damals sogar als die ›fashionableste‹. Algier wurde vor allem ›Brustleidenden‹ empfohlen. Stadt und Umgebung seien überaus reizend, hieß es im Reiseführer, die Überfahrt unproblematisch. Der Baedeker empfahl, mittels Eisenbahn nach Marseille zu reisen und dort eins der täglich verkehrenden Dampfschiffe nach Algerien zu nehmen. Was Ägypten anging, wurde geraten, sich rechtzeitig im Reisebüro wegen einer Passage zu erkundigen. Aix-les-Bains, ehemals ›das‹ Luxusbad Frankreichs, kam langsam aus der Mode. Dafür bot Nizza der feinen Gesellschaft (und den Lungenkranken) alles, was sie suchten. Baden bei Wien und Baden bei Zürich kannten während der durchweg kurzen Sommersaison ein ähnlich eindrucksvolles Badeleben wie Baden-Baden und Wiesbaden. Arosa in der Schweiz, Davos und Sankt Moritz, Höhenluftkurorte par excellence, rechneten die Kur-zeit vom 15. Juni bis zum 15. September. Alle drei Orte bestachen mit luxuriösen Lungenheilstätten, gesetzlich geregelter Desinfektion aller von Tuberkulösen bewohnten Räume und einem Absonderungshaus für eingeschleppte Fälle ansteckender Krankheiten.

Weltberühmt natürlich auch Franzensbad, das erste Moorbad der Welt, Marienbad (60 Kilometer Promenadenweg durch den Gebirgshochwald) und Karlsbad, alle drei Orte im rein deutschen Teil von Böhmen gelegen. Die Seebäder entwickelten sich um diese Zeit erst. Generell erklärten die Ärzte zum Baden im Freien: Das Bad in Fluss oder See wirkt nachhaltiger, wenn es ohne Kleidung – leichtes Schwimmkleid ausgenommen - genommen wird. Ob nur Hals, Arme oder auch der untere Teil der Schenkel unbedeckt dem Wasser dargeboten werden, hängt von der betreffenden Landessitte ab. In jedem Falls sind einsame, entlegene Badeorte Rummelplätzen aus gesundheitlichen Gründen vorzuziehen.

Merkwürdigerweise zählte damals auch Berlin zu den bedeutenden Badeorten. Hier fand man mit ›Dr. Sinns Heilanstalt für nerven- und gemütskranke Frauen‹, dem ›Institut für Sprachleidende und geistig Zurückgebliebene‹, der ›Tiergarten-Wasserheilanstalt‹ und ›Dr. Schülers Anstalt für Lichttherapie‹ alles, was einem wieder auf die Beine bringen konnte.

Hans Dieter Schreeb kommt in seinen Romanen immer wieder auf das Baden, die Badhäuser und die Badmamsellen zurück. Der Titel ›Der Bader von Mainz‹ sagt bereits, worum es geht: Um ein Badhaus in Mainz im Jahre 1358. Das Buch ist so populär, dass in Mainz regelmäßig Führun-gen auf den ›Spuren des Baders von Mainz‹ stattfinden. In ›Hotel Petersburger Hof‹ beginnt die Heldin Frieda Tremus ihr Berufsleben als Badmamsell im ›Römerbad‹, einem Wiesbadener Grand Hotel mit Badeabteilung. Der Roman setzt an Bismarcks Todestag ein. Weil die Nation trauert, wird die Badeabteilung für einen Tag geschlossen, und dieser Tag verändert Friedas Leben...

In den Romanen ›Feuerblumen‹ und ›Primadonna‹ spielen wesentliche Passagen in Baden-Baden; einmal in den Jahren um 1810 und zum anderen in der Zeit vor dem Deutsch-Französischen Krieg. Hauptfiguren des Romans ›Primadonna‹ sind Turgenjew, Madame Viardot, seine lebenslange Geliebte und die (erdachte) Sängerin Carlotta Vogt, eine Primadonna der Extraklasse, genannt ›die Königliche‹. Es wird aber auch von Cora Pearl erzählt, einer der für diese Epoche typischen Kurtisanen. Großzügige Protegés ermöglichten ihr ein Leben in Luxus und Laster. Berühmt waren ihre allnächtlichen Bankette, an denen jeweils mindestens fünfzehn Herren teilnahmen, und die den vergnügungssüchtigen Galanen jeweils allerhand Abwechslungen boten.

Alle Romane werden auf dieser Website ausführlich vorgestellt..

PS: Demnächst erscheint von Hans Dieter Schreeb ›Bitte das Spiel zu machen‹, eine Studie über den großen niederländischen Dichter Multatuli und seine (zehn) Wiesbadener Jahre; des Weiteren über das Spiel und die Spielsucht; mit Auszügen aus Multatulis ›Millionen-Studien‹. Auch hier erfährt man – selbstverständlich, möchte man sagen - vom (Kur- und Bade-)Leben in Wiesbaden in der Mitte des 19. Jahrhunderts.