Hotel Victoria oder Die heiteren Schwestern der Opern

10. Mai 2010

Operetten – die heitere Schwestern der Opern – sind wieder im Kommen. Weil ihre Musik glücklich macht und ihre Texte und Handlungen etwas über Zeit und Menschen erzählen.

Hans Dieter Schreeb schreibt derzeit an einem Operetten-Terzett: an den Libretti dreier Operetten mit den Arbeitstitel ›Hotel Victoria I, II und III‹.
Das sind drei miteinander verbundene Operetten, alle mit dem gleichen Schauplatz – einem rund hundert Jahre alten Grand Hotel in Baden-Baden, einem Haus aus dem 19. Jahrhundert. Auch durch verschiedene Figuren sind die Operetten untereinander verbunden, haben also für den Zuschauer die zusätzliche Attraktion, dass bestimmte Figuren jeweils weitere Aspekte ihres Charakters oder ihres Lebens zeigen.

Alle drei Stücke beziehen ihren Reiz zu einem wesentlichen Teil aus dem jeweiligen Zeitgeist – den Fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit ihrem Optimismus, der unmittelbaren Vorkriegszeit mit viel Fahnen und Trara und viel wahnhafter Bösartigkeit und den unvergleichlichen Siebziger Jahren mit ihrer unglaublichen Selbstgefälligkeit und der ›Frauenbefreiung‹.

Operette Nr. 1, ›Frühling in Baden-Baden‹, spielt 1952 und ist vom Geist dieser Jahre getragen: Von Optimismus, Vorwärtsdrang, Wiederaufbau und dem großen Vergessen. Die Handlung ist scheinbar so, wie Operetten immer waren: Paare sollen verkuppelt und verheiratet werden; das klappt nicht, andere kommen zur eigenen Verwunderung zusammen.

In der zweiten Operette, Arbeitstitel ›Das russische Glück‹, spielt kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieg, dreht sich alles um Liebe, Täuschung und Enttäuschung.
Da wird im Hotel ›Victoria‹ die Ufa-Komödie ›Das russische Glück‹ gedreht, ein Kostümfilm um einen Fürsten ›Peter‹, einen russischen Großgrundbesitzer, zwei schnippische Soubretten (verkörpert von den ›Zeidler-Schwestern‹) und viel Liebe.

In Victoria Nr. 3, Arbeitstitel ›Sylvester in Baden-Baden‹, sind wir in den ›wilden‹ Siebzigern. Die jungen Frauen tragen Miniröcke, Hot Pants, bestickte Schaffelljacken (mit einem sehr speziellen Geruch); John Travolta tanzt sich in Saturday Night Fever die Seele aus dem Leib und in deutschen Wohnzimmern streitet man sich, ob Daktari oder die Sportschau eingeschaltet werden soll.
Man gibt sich ›feministisch‹; Stichwort ›Mein Bauch gehört mir‹. Was früher Affären und Liebschaften waren, ist nun Teil des Zeitgeistes. In Amerika gibt es Schlüsselpartys und in Deutschland auch. Hierorts trägt die Sache allerdings das steife Etikett ›Frauentausch‹ und macht Männern wie Frauen gleichermaßen Angst.
Im Hotel Victoria läuft das neue Gesellschaftsspiel unter dem Motto ›Urlaub für die Seele‹. Und ist es auch!