FAZ: Formel 1 bis Englisch in der U-Bahn

17. Mai 2001

Die Moskauer Stadtverwaltung will den Tourismus fördern

Moskau bleibt Moskau: Noch immer vertrauen das Land und die Stadt auf den Plan, Moskau wurde im Jahr 1990 von rund fünf Millionen Touristen besucht.Heute sind es eine Million jährlich, im Jahre 2010 sollen es wieder fünf Millionen sein. So sieht es ein Zehnjahresplan vor, den sich der umtriebige Moskauer Bürgermeister Luschkow und die erkennbar tüchtige Moskauer Stadtverwaltung - »Stadtregierung«, wie die offizielle Bezeichnung heißt - vorgenommen haben.

Nach Einschätzung des Touristikkomitees der Stadtverwaltung ist das Ziel zu erreichen - sogar ein noch weit ehrgeizigeres: Nach einer Prognose der Welttouris­musorganisation werde Moskau im Jahre 2020 zu den zehn Städten auf der Welt gehören, die die meisten Touristen anziehen. Der Tourismus soll mithin eines der wichtigsten Elemente der ökonomischen Entwicklung Moskaus werden. Schon heute ist zu erkennen, wie wichtig er für das wirtschaftliche Leben der Stadt ist. Entsprechend werden zehn Prozent der Stadtfinanzen für die Erhaltung und Wiederherstellung der Sehenswürdigkeiten
ausgegeben. Daß die Schwerindustrie aus der Stadt verlagert wurde, hat seinen Grund zwar nicht allein in dem Bemühen, Touristen anzuziehen, aber auch. In Zukunft will man vor allem auf rauchlose High-Tech-Industrie setzen und eben auf Touristen.

Wladimir Schanzew, der Stellvertreter des Moskauer Bürgermeisters, ist überzeugt, schon heute könne Moskau – was Attraktionen und Preise angehe - mit den Weltstädten des Westens mithalten. Tatsächlich mangelt es nicht an Kunst, fein herausgeputzten Zeugnissen der Geschichte, Luxusrestaurants und Vier- und Fünf-Sternehotels. Insgesamt stehen in diesen Kategorien gegenwärtig an die zweihundert Hotels mit etwa siebentausend Zimmern zur Verfügung. Alle großen internationalen Ketten unterhalten in Moskau Häuser oder kommen demnächst. Die amerikanische Kette ›Marriott‹ führt gleich drei und will weiter expandieren; Kempinski betreibt nicht weit vom Roten Platz entfernt das luxuriöse ›Balchug Kempensky‹. Das traditionsreiche Hotel ›National‹ stammt noch aus der Zarenzeit, ist aber auf den allerneuesten Stand gebracht und wegen seiner Pracht und seinem Service berühmt. Es gehört dem Zusammenschluss der ›Leading Hotels of the World‹ an.

Was fehlt, sind Zwei- und Drei-Sternehotels. Hier verhandelt man mit den entsprechenden Ketten, will aber noch keine Namen nennen. In jedem Fall ist bereits Baugelände ausgewiesen: Außerdem sollen aus dem Sozialismus stammende Riesenkästen wie das ›Rossija‹ und das ›Peking‹ erneuert und für Besucher hergerichtet werden. Auch stellt man sich vor, historische Bauten - etwa ehemalige adelige Stadtpalais - zu Touristenunterkünften umzubauen, jeweils für vierzig, fünfzig Gäste. Wie flexibel die Moskauer Geschäftswelt ist, zeigt das Beispiel mit dem französischen Chanson, in dem von einem Moskauer ›Cafe Puschkin‹ die Rede ist. Die französischen Touristen fragten so lange danach, bis tatsächlich eines eröffnet wurde. Das Moskauer Touristikkomitee ist der Meinung, dass es gegenwärtig weniger an den Tatsachen als am Image der Stadt liege, wenn im Moment so relativ wenige Touristen die Stadt besuchten. Dagegen soll miterheblich mehr Werbung angegangen werden, mit der ersten Moskauer Internationalen Tourismus-Ausstellung zum Beispiel, die in diesen Tagen stattfindet, mit Dokumentarfilmen, die für ausländische Sender bestimmt sind und die Moskau als attraktives Touristenziel präsentieren wollen, mit dem ›Internationalen Tag des Tourismus‹ am 27. September und mit ›Moskauer Tagen‹ im Ausland. Der erste hat in Hanoi schon stattgefunden. Einiges verspricht man sich auch von Einladungen an ausländische Journalisten, zweiundzwanzig Pressereisen, deren erste jetzt stattgefunden hat, sind geplant; des weiteren will Moskau bis zum Jahresende auch im Internet als Reiseziel auftreten. Ein Reservierungssystem soll installiert, ein Touristikbüro eingerichtet werden.

Gegenwärtig sind fünfzig Prozent der Moskau-Besucher Geschäftsleute, die andere Hälfte zum größten Teil Reisende, die mit Gruppen kommen und für die Moskau nur Teil eines Programms ist; die Aufenthaltsdauer in Moskau beträgt im Schnitt 3, 4 Tage. Für die Zukunft hofft die Stadtverwaltung auch auf Individualreisende, die Moskau und die altrussischen Städte des sogenannten ›Goldenen Rings‹, Wladimir, Susdal, Kostroma, Jaroslawl und Posad, erleben wollen.

Ihnen soll das Leben leichter gemacht werden: Man bemüht sich um eine einfachere Regelung bei der Einreise bis hin zu einem besonders schnell zu erlangenden Visum für Moskau. An den wichtigsten Touristenplätzen der Stadt einschließlich der zentralen U-Bahnhöfe sollen die bislang ausschließlich russischen Beschriftungen mit englischen ergänzt werden, mögichst bis Ende des Jahres. Auch eine Touristenpolizei soll etabliert werden. Wladimir Schanzew legt allerdings Wert darauf zu vermitteln, dass sich Touristen in Moskau sicher fühlen können, jedenfalls so sicher wie in irgendeiner westlichen Kapitale.

Den Ruf zu verbessern, sollen Festivals, Kunst-Events und neue Attraktionen beitragen. So werde auf der Moskwa-Insel Nagatino für eine Milliarde Dollar eine Formel-1-Rennstrecke gebaut. Die Verträge mit ausländischen Investoren seien unter Dach und Fach und vom Formel-1-Veranstalter Ecclestone unterschrieben, die Stadt Moskau habe die 100 Millionen Dollar bereitstehen, die ihren Zehn-Prozent­Anteil ausmachen. Sogar eine Oldtimer-Rallye Berlin-Moskau können sich die Tourismusplaner vorstellen. Von Berlin und seinem Regierenden Bürgermeister wolle man lernen, wie man Touristen in die Stadt lockt.

Bislang sind die Deutschen mit 60 000 Reisenden pro Jahr eher unterrepräsentiert. Immerhin erscheint für sie eine (1870 gegründete) ›Moskauer Deutsche Zeitung‹, wenn auch nur sechsmal im Jahr. Dagegen kommt ›The Moscow Times‹, eine unabhängige englischsprachige Zeitung, an jedem Werktag heraus. Die D-Mark wird angenommen; der Dollar ist jedoch ein so gängiges Zahlungsmittel, als sei er die offizielle Währung des Landes, zumindest die Moskaus. ›The Travellers Yellow Pages and Handbook for Moscow‹, eine amerikanische Publikation, gibt außer den üblichen Geschäftshinweisen Moskau-Reisenden folgende Ratschläge: »Warmes Lächeln, Sympathie, Geduld, Toleranz und eine robuste Natur bringt einen durch alle Schwierigkeiten.«
Aber das gilt eigentlich überall in der Welt.

Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 2001