Primadonna

2. Februar 2003
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Primadonna

Roman von Hans Dieter Schreeb

Hans Dieter Schreebs Roman erzählt die Geschichte des märchenhaften Aufstiegs der jungen Sängerin Carlotta Vogt zu einer Primadonna allerersten Ranges - und eine Dreiecksgeschichte der besonderen Art. Baden-Baden in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Hier trifft sich alles, was in der Welt und Halbwelt Rang und Namen hat, und hier beginnt auch Carlottas Ausbildung bei der genialen Sängerin Pauline Viardot. Deren Romanze mit dem großen russischen Schriftsteller Iwan Sergejewitsch Turgenjew bildet den Hintergrund und auch einen der zentralen Konflikte des Romans: Carlotta will Turgenjews Herz erobern ... Mit Leichtigkeit und zartem Humor erzählt Hans Dieter Schreeb von den Möglichkeiten und Grenzen der Liebe und von einer uns fern gewordenen Welt.

Pressestimmen:

Südwestrundfunk (SWR 4): »Ein literarischer Leckerbissen für alle, die sich gern in Salons mit dicken Teppichen entführen lassen, wo lange Röcke rascheln, Zogen tuscheln, und Applaus aufbrandet, während hinter den Kulissen Eifersucht und Intrigen die Szene bestimmen. Schreeb hat in allen Einzelheiten recherchiert. Er vermittelt ein lebendiges Bild von Deutschland um 1860 – vom geschäftigen und schillernden Frankfurt sowie vom dekadenten Baden-Baden. Wir lesen die Geschichte der ›Primadonna‹ und im Kopf läuft ein Film ab: spannend, bunt, romantisch und voller Musik.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: » ›Primadonna‹ ist der fünfte Roman dieses Autors, der 1996 mit seinem ›Hotel Petersburger Hof‹ bei vielen Lesern historischer Romane einen Durchbruch erzielte. Denn sie stellten nach der Lektüre übereinstimmend fest, dass hier jemand ist, der kompetent zu berichten und das Erforschte, Erlebte und Er­dachte gut zu verweben versteht; kurzum: einer, der das Schreibhandwerk beherrscht und zugleich spannend und erkenntnisträchtig erzählt. ... ›Primadonna‹ erweist sich auch als der reizvolle Versuch, am Beispiel einer exzeptionellen Künstlerin die begrenzten Möglichkeiten von Frauen im 19. Jahrhundert zu beschreiben: Zwischen Hure, Hausfrau und Nonne eröffnete sich kein anderer Weg. Dieser Roman rückt die Liebe zu Zeiten des Friedens in den Mittelpunkt.

Dreiecksgeschichte der Liebe
von Dr. A. Wild, Stadtbibliothek, Mainz

»Schauplatz ist Baden-Baden, die mondäne Sommerhauptstadt Europas in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dort trifft sich alles, was in der glamourösen Welt und Halbwelt Rang und Namen hat. Hier führt die große Sopranistin Pauline Viardot mitsamt Ehemann einen bedeutenden Salon. Zum engsten Umkreis gehört der russische Dichter lwan Sergejewitsch Turgenjew, Vertrauter und Geliebter der Hausherrin. Dorthin kommt nun - und damit beginnt der Roman - die begabte, junge und bildschöne Carlotta Vogt, Tochter aus gutem Frankfurter Bürgerhause, die bei der prominenten Sängerin ihre Stimme ausbilden lassen will. Natürlich träumt sie selbst von einer großen Opernkarriere.

Sie begegnet Turgenjew.Er war eine ungewöhnliche Erscheinung, ein Hüne mit breiten Zügen, hervortretenden Backenknochen, einer fleischigen wohlgeformten Nase das Ganze eingerahmt von grauen wirren Haaren. Kurios war vor allem seine Kleidung. Trug er doch einen blauen, mit einer roten Borte bestickten russischen Bauernkittel, und an den Füßen hatte er grobe Stiefel! ‹ Er erschien als ein ›Riese, der vor der Zeit ergraut war.

Damit beginnt eine zarte Liebeshoffnung, denn schon bald will Carlotta des Dichters Herz gewinnen. Während sie als Künstlerin die Erfolgsleiter emporsteigt und auf vielen Tourneen Triumphe feiert, kommt es in der Dreiecksgeschichte der Liebe zu vielen Aufschwüngen, Brüchen und unerwarteten Wendungen. Mit Leichtigkeit und feinem Humor führt uns Schreeb auf der Grundlage ausgiebiger Recherchen in eine lebensvoll romantische Künstlerwelt voller Musik, Literatur und knisternder Konzertatmosphäre, in der Frauen eine besondere Rolle spielen. Hier ist jemand, schreibt die FAZ, ›der kompetent zu berichten und das Erforschte, Erlebte und Erdachte gut zu verweben versteht, der zugleich spannend und erkenntnisträchtig erzählt‹. Im Buch selbst sagt Carlotta zu Turgenjew: ›Sie haben einen wunderbar flüssigen Stil. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören zu lesen.‹ So ergeht es auch dem Leser von ›Primadonna‹ «.

Eine einfühlsame Geschichte
von Rika Wettstein, Baden-Baden

Wenn man von einem gescheiten Menschen eine Dummheit hören will, genügt es, ihm ein Urteil über Russland abzuverlangen. Da entlarvt sich beinahe jeder Ausländer als Dummkopf.
Hans Dieter Schreeb schreibt in seinem Roman ›Primadonna‹ dem Russen Nikolai Nikolajewitsch Borodin diese Worte zu. Am 9. Oktober 1883, dem Tag der Beisetzung Iwan Turgenjews in Sankt Petersburg, sollen sie der Vorstellung des Autors zufolge gefallen sein.
Unser Herr Borodin«, dessen Herkunft gewisse Ähnlichkeiten mit seinem Namensvetter, dem Arzt, Chemiker und Komponisten Alexander Porfirjewitsch Borodin, aufweist, logiert 1863 nach dem Willen Hans Dieter Schreebs in derselben Pension an der Baden-Badener Lichtentaler Allee wie Carlotta Vogt, die Hauptperson des Romans. Die 18jährige Frankfurter Verlegerstochter ist in die Sommerhauptstadt Europas gekommen, um bei Pauline Viardot Gesangsunterreicht zu nehmen.

Mitgenommen wird der Leser nicht nur in die fesselnde Entwicklungs- und Erfolgsgeschichte einer fiktiven außergewöhnlichen Sängerin, in deren Leben Iwan Turgenjew zur Hauptperson wird. Er wird auch vertraut gemacht mit der besten Zeit Baden-Badens, während derer hoch gestellte Persönlichkeiten und eine Vielzahl an Künstlern das gesellschaftliche Leben bestimmten. Carlottas Vater lässt sich bei der Lektüre des ›Badeblatts‹ dazu hinreißen zu bemerken: »Es ist ja ungeheuerlich, was alles in Baden-Baden absteigt.«
Das von Russen mitgeprägte Flair der Kurstadt wird ebenso spürbar wie die deutschen und russischen Lebensverhältnisse in den Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs im Europa des 19. Jahrhunderts.

Hans Dieter Schreeb maßt sich allerdings kein Urteil an, auch nicht über Russland. Er lässt seine einfühlsame Geschichte um Liebe, Erfolg, Seelennöte und Tod im Oktober 1883 auf Iwan Turgenjews Gut Spasskoje enden, mit den Worten: »Sie hätten im Sommer kommen sollen. Im Sommer ist hier der Himmel.«

Leserbeurteilung bei amazon.de:

Fünf Sterne (Bestnote):

Hans Dieter Schreeb hat einen großen psychologischen Roman geschrieben, der in der Tradition Flauberts und Zweigs steht. Er versteht es sehr gut, Carlotta mithilfe ihres (fiktiven?) Tagebuchs als reifende weibliche Persönlichkeit zu charakterisieren, die in den Dialogen und Handlungen sich entwickelt und entfaltet. Carlotta wird ganz lebendig, man nimmt an ihrem Schicksal teil, ja, sie wächst einem richtig ans Herz. Die empathische Nähe zur Hauptperson schafft Spannung, man will unbedingt wissen: Wie geht's weiter? Was passiert als nächstes? In der Handlung und im Lebenslauf gibt es aber nur zeitweise Linearität, immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen und Brüchen, die neue Entwicklungslinien ermöglichen. Nach ›Hotel Petersburger Hof‹ und ›Hinter den Mauern von Peking‹ hat Schreeb einen weiteren Roman geschrieben, in dem starke Frauen im Mittelpunkt stehen, die sich in einer männlich dominierten Welt behaupten müssen. Ob Frieda, Kaiserinwitwe oder Carlotta: es sind sämtlich gut gelungene dynamische Frauenporträts, mit denen sich die Auseinandersetzung für Mann und Frau lohnt.