Neuer Roman in Arbeit: ›Äquatortaufe‹

2. März 2010

Hans Dieter Schreeb arbeitet an seinem neuen Roman ›Äquatortaufe‹.

Suchte man für dieses Buch einen Untertitel, so könnte er lauten: ›Liebe in wirren Zeiten‹.

Im Kern wird das Schicksal zweier Frauen erzählt: das von Nelly Caspary und ihrer beinahe gleichaltrigen Nichte Karla Marché. Und erzählt werden die vierzig Jahre zwischen 1914 und 1954.

Der Roman zeigt Frauen, die sich alles von der Liebe und den Männern erwarten, und Männer, die sich ihr Glück von der Politik und in der Politik erhoffen.

Die Geschichte ist, beinahe zu gleichen Teilen, in Deutschland und in Brasilien angesiedelt. Genauer gesagt: Sie spielt zu großen Teilen in Ingelheim am Rhein, einer alten Weinbaugemeinde in Rheinhessen, und in Rio Grande do Sul, der südlichsten Provinz Brasiliens, einem wilden, rauen Land. Hier wie da sind die handelnden Personen zum größten Teil Deutsche. Das Brasilien, das gezeigt wird, ist genau so vergangen wie das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik, das Dritte Reich. Ja, selbst die Fünfziger Jahre haben sich bereits verflüchtigt und nur einige Klischees hinterlassen wie das ›Wunder von Bern‹ und die ›Buttercreme-Torte‹. Entsprechend wird für die jüngeren Leser vieles neu sein, bei den älteren wird sich ein ›Deja-vu‹-Erlebnis einstellen.

Insgesamt ist die Geschichte wie die beschriebene - Tragödie und Komödie gleichzeitig. Alles ist überspitzt und überhitzt. Wirre Zeiten sind eben unübersichtlich, gewalttätig, chaotisch, und die Menschen, die sie erleben, werden unweigerlich in die allgemeinen Narreteien verstrickt, die später von den Schulkindern als ›Weltgeschichte‹ gepaukt werden müssen.

Oder, wie es Joseph Joubert formuliert hat: »Revolutionen sind Zeiten, in denen der Arme seiner Rechtschaffenheit, der Reiche seines Reichtums und der Unschuldige seines Lebens nicht sicher ist.«

Nelly Caspary wird - sozusagen durch Zufall - Anfang April 1914 in der Nähe von Bento Gonçalves in der brasilianischen Provinz Rio Grande do Sul geboren, auf dem Weingut ihres Halbbruders Viktor Caspary und ihrer Schwägerin Téris.

Sie wächst teils in Brasilien, teils in Deutschland auf. Als Erwachsene ist Nelly eine kleinere, muntere Frau, unkonventionell, mutig und immer für die Liebe bereit.

Ihr Vater, Ludwig Caspary, ein wohlhabender Weingutsbesitzer aus Ingelheim am Rhein, hat ein halbes Jahr vor ihrer Geburt aus Wut über den Landrat von Bingen, mit dem er wegen einer Formalie in Streit geraten war, fünf Häuser und sein großes, traditionsreiches Weingut samt der bekannten Lage ›Kirchenstück‹ verkauft und ist mit seiner jungen zweiten Frau ›Trude‹ (Gertrude) nach Brasilien ausgewandert.

In Brasilien wird Ludwig bereits von seinem ältesten Sohn Viktor erwartet. Viktor ist 1886 in Ingelheim geboren, mithin zu der Zeit 27 Jahre alt. Er ist vier Jahre zuvor ausgewandert und hat eine reiche junge Frau - Téris Flôres - kennen gelernt und geheiratet. Er besitzt nun ein ansehnliches Weingut in der Nähe von Bento Gonçalves, dem Zentrum des Weinbaus der Provinz Rio Grande do Sul. Die kleine Stadt ist etwas über hundert Kilometer von Porto Alegre entfernt, der in diesen Jahren gemächlichen Hauptstadt der Provinz. Viktor, Nellys wesentlich älterer Halbbruder, ist anfangs Frauenheld. Nachdem man ihm im Verlaufe einer hysterischen Liebesaffäre ›die Männlichkeit geraubt‹ hat, wird er erstaunlich fromm –proselytenhaft fromm sogar.

Der Vater von Viktors Ehefrau Téris ist Senator Flôres, der strenge und beneidete Patron von Bento Gonçalves. Er besitzt eins der bedeutendsten Weingüter des Ortes und damit von ganz Brasilien. Flôres hat seine Finger in der Politik; war bereits Senator in Rio de Janeiro. Getúlio Vargas, der spätere Diktator von Brasilien, ist sein ›Geschöpf‹. Wenn man Vargas kennen lernt, ist er noch buchstäblich Flôres Laufbursche; er entwickelt sich aber zu einer der wichtigsten Figuren des Romans (und des Landes). Mit seinem Selbstmord 1954 endet das Buch.

Nelly erbt von ihrer Mutter die Fähigkeit, die Männer zu bezaubern. Im Gegensatz zu Trude ist sie aber auch praktisch und mutig und macht ihr Leben lang aus jeder Situation das Beste: Packt jeweils an und würde manches erreichen, würden ihr die Liebe und die Männer nicht immer wieder Streiche spielen ...

Ihr erster Liebhaber ist Dr. Cabral, ein junger Arzt in Machado, einem abenteuerlichen Ort an der Grenze zu Argentinien. Nach seinem frühen Unfalltod geht Nelly (auf Anraten des berüchtigten Banditen Brandão) nach Porto Alegre. Hier trifft sie bei einem Ball einen Mann, in den sie sich auf Anhieb verliebt: Werner Michaelis. Werner ist zupackend und Nelly schnell entschlossen. Nach der ersten gemeinsamen Nacht nimmt sie ihre Sachen und zieht zu ihm in ein sehr schönes Haus. Nelly und Werner heiraten bald darauf. Erst nach und nach geht Nelly auf, dass er zwar tüchtig und fürsorglich ist, aber auch fanatisch ›reichsdeutsch‹. Er organisiert nachher Nazi-Umzüge durch Porto Alegre und grüßt mit ›erigiertem Arm‹, wie Nelly das nennt. Genau neun Monate nach der Hochzeit bekommt Nelly ein Kind – ihre Tochter Gabriela. Als 1942 Brasilien dem Deutschen Reich den Krieg erklärt, wird Werner in ein Konzentrationslager ›verbracht‹. Der gute alte Bekannte Vargas, nun Präsident des Landes, muss bemüht werden, damit er wieder frei kommt.

Durch verschiedene Umstände ist Nelly 1939 – bei Kriegsausbruch – zusammen mit ihrer Mutter Trude und ihrer kleinen Tochter Gabriela in Deutschland. Hier verliebt sie sich in einen Chemiker namens Herbert Waldmüller, dessen Arbeit als ›kriegswichtig‹ eingestuft wird und der deswegen die Kriegsjahre in Ingelheim verbringt. Auch von ihm bekommt Nelly ein Kind, einen Jungen.

Die zweite Zentralfigur des Romans ist Karla Marché, geboren 1919; von Anfang an ein Kind der Liebe. Karla ist die Tochter von Hans Marché, einem Neffen von Ludwig Caspary. Bei der sogenannten ›Not‹-Hochzeit ist Hans Sparkassen-Gehilfe in Ingelheim.

Karla sucht sich allzeit am Vorbild ihrer nur fünf Jahre älteren Tante Nelly zu orientieren. Das bedeutet, dass sie sich mehr als einmal in ›Männergeschichten‹ verwickelt und deswegen mehr als einen Konflikt mit ihren Eltern, speziell mit ihrem Vater, durchstehen muss. Das ist für sie jeweils nur schwer zu ertragen. Sie sucht sich daher immer irgendwie durchzuwinden, was jeweils weiteres Durcheinander erzeugt. Karla ist groß, arbeitsam und in der Arbeit sehr zuverlässig. In gewisser Weise sind die Kriegsjahre, als sie die Verantwortung für ein Weingut trägt, ihre besten Jahre. Da kann sie zeigen, was in ihr steckt und wozu sie fähig wäre, ließe sie sich nicht immer wieder von den Männern ›ducken‹.

Leseprobe

aus dem Manuskript ›Äquatortaufe‹

»Nelly, Trudes süßes Mädchen, wurde laut Tagebuch ihrer Mutter, am 12. Juli 1914, dem Geburtstag ihrer Großmutter, zum ersten Mal von guten Geistern beschützt und vor Schrecklichsten bewahrt.

Nelly lag zu der Zeit in ihrer Wiege und amüsierte sich mit einem kleinen Schlüssel, der an einem blauen, golddurchwirkten Samtband vom Dach der Wiege herabhing. Üblicherweise trug Trude dieses Band um den Hals, diente der Schlüssel doch dazu, ihr Tagebuch vor den Blicken Unberufener zu schützen; nun sollte er das Kind unterhalten. Trude hatte neben der Wiege Platz genommen, schaukelte sie hin und wieder und las in einem Briefroman, der letzthin ungeheuren Anklang gefunden hatte. Sie saß im Schatten eines ausladenden Baumes, trug ein schmal geschnittenes weißes Kattunkleid und Schuhe, die ebenso elegant und apart waren wie ihr Gewand. Die Sonne stand tief, ließ den Lajeado glitzern, den kleinen Fluss, der das Grundstück begrenzte, und raffiniertes Hell-Dunkel vertiefte die Impression, die ganze Szene sei von einem Maler arrangiert worden. Manchmal löste sich Trude von ihrer Lektüre, blickte auf ihre kleine Tochter, die sie anlächelte, so bald die Mutter auf sie schaute.

Alles atmete Frieden und Behagen, sogar Glück.

Sinhá Dona, ehemals Téris Kinderfrau, nun die Kinderfrau der beiden Säuglinge auf Viktors Gut, kam heran und brachte Trude eine Limonade. Im Grunde wollte sie wohl nach Nelly sehen; ganz traute sie deren Mutter nicht. Als sie entdeckte, was es zu entdecken gab, schlug sie eine Hand vor den Mund, offenbar entsetzt über das, was sie erblickte. Als sie sich wieder gefasst hatte, riss sie Nelly den Schlüssel weg und dies so heftig, dass das Band entzwei ging. Dann bekreuzigte sie sich und hielt Trude empört den winzigen Schlüssel entgegen, den sie Nelly abgenommen hatte, und dies in einer Manier, als ob sich damit alles erkläre. Sie machte dazu einige Bemerkungen, die Trude ebenso wenig zu begreifen vermochte wie ihr Handeln. Als die Schwarze erkannte, dass sie nicht verstanden wurde, hastete sie davon. Nelly war über die Art, wie sie um ihr Spielzeug gebracht worden war, dermaßen überrascht, dass sie zu weinen vergaß. Vorsichtshalber nahm Trude ihr Kind aber aus der Wiege und hielt es in ihren Armen.

Bald darauf kehrte Sinhá Dona mit Téris und Marietta, einem der Hausmädchen zurück. Bei ihrer Rückkehr trug sie eine handgroße Tonfigur wie eine Monstranz vor sich her. Aus der Nähe betrachtet, erwies sich die Figur als eine betende Heilige. Sinhá Dona war noch immer zornig; angesichts der Heiligen in ihrer Hand wagte sie aber nur mit den Zähnen zu knirschen. Dabei war sie für gewöhnlich eine gutgelaunte, muntere, kugelrunde Frau. Zu Trudes Verwunderung legte sie die Tonfigur in die nun leere Wiege und trieb gleichzeitig Marietta zur Eile an. Marietta trug ein riesiges Bündel trockner Palmwedel und setzte deswegen vorsichtig Fuß vor Fuß, was Sinhá Dona geradezu erbitterte. Ungeduldig nahm sie dem Mädchen die Palmwedel ab und verteilte sie im Halbkreis um die Wiege. Ohne auf Trudes Einspruch zu achten, bemühte sie sich dann, sie mittels eines Streichholzes anzuzünden.

»Was hat das zu bedeuten?«, wandte sich Trude an Téris.

»Du hast Nelly mit einem Schlüssel spielen lassen«, erwiderte Téris und dabei klang ebenso viel Besorgnis wie Unverständnis an wie bei Sinhá Dona.

»Ja, und?«

»Weißt du wirklich nicht, was das bedeutet?«

»Nein ... Was?«

In diesem Moment schlug die Flamme hoch, und als die Wedel knisterten und prasselten, kniete Sinhá Dona umständlich und schwerfällig neben Feuer und Wiege nieder, faltete die Hände nach dem Vorbild der Heiligenfiguren und begann, die kullerrunden Augen nach oben gerichtet, laut zu lamentieren.

Téris erklärte Trude flüsternd, als dürfe sie einen heiligen Akt nicht stören: »Ein Schlüssel in der Wiege bringt Unglück. Wenn so etwas geschieht, steht zu befürchten, dass das Kind nie sprechen wird.«

»Ach, Unsinn«, erwiderte Trude.

Téris behauptete ein weiteres Mal, die Schwarze kenne alle Gebote und Verbote der Geister und aller Heiligen, alle Mittel und Gegenmittel. Was sie anordne, müsse unbedingt ausgeführt werden. Sinhá Dona schien verstanden zu haben, was von ihr behauptet worden war; ordnete jedenfalls an, die Statue der heiligen Magdalena für die nächsten drei Tage in der Wiege zu belassen. Erst dann könne das Kind sein Lager wieder beziehen. Kaum hatte sie das letzte Wort gesprochen, begann sie neuerlich, unverständliche Worte zu brabbeln.

Anfangs hatte Trude vermutet, Téris, die von katholischen Nonnen erzogen worden war und keine Sonntagsmesse ausließ, sei Katholikin wie sie Lutheranerin war, hege keine Zweifel an der Lehre, sei in der Hinsicht aber auch ohne Feuer. Bald war ihr jedoch deutlich geworden, dass Téris mit Sinhá Dona eine ganz private Religion teilte, gemischt aus Katholizismus, Geister- und Aberglauben. Dämonen, Wiederkommer, Mutanten und Kobolde spukten durch ihre Köpfe. Téris und Sinhá Dona fürchteten sich vor dem ›Wolfsmenschen‹, dem sogenannten ›Lobishomem‹, der Mula-sem-cabeça - ein Maultier ohne Kopf - und am meisten vor Saci-pererê, einem einbeinigen, pfeiferauchenden schwarzen Gnom, dem sie beinahe alles Schlechte zutrauten. Gegen diese Wesen musste man sich permanent mit Amuletten, Kreuzen und Heiligenbilder schützen und natürlich mit Wachsamkeit.

Beide, Téris wie Sinhá Dona, waren überzeugt, der tiefere Grund, dass Viktor seine Männlichkeit verloren hatte, liege darin, dass er über die Geister, Hexer und Schamanen der verschiedenen schwarzen Kulte gelästert hatte, mithin über Wesen, die nach Gutdünken bestimmte Gegenstände zum Guten wie zum Bösen verwenden konnten. Sinhá Dona war ständig auf der Hut vor den Ränken der Geister. Sie achtete auf Zeichen, die ein uneingeweihter Mensch niemals erkannte, und ergriff unverzüglich Gegenmaßnahmen, wie im Fall des Schlüssels.

Als Acht- oder Neunjährige erfuhr Nelly zum ersten Mal von Sinhá Donas Zauber. Die Erzählung machte ungeheuren Eindruck auf sie. Von da an hielt sie sich allzeit gegen Unglück und Versagen gefeit. Vieles, was sie als junges Mädchen und junge Frau voller Selbstvertrauen unternahm, lässt sich nur so erklären.

Trude und Téris verbrachten viel Zeit miteinander. Es war beinahe so, als seien sie Schwestern und lange getrennt gewesen. Das betraf noch die alltäglichsten Angelegenheiten. In Deutschland war es Trude selbstverständlich gewesen, unter dem Kleid ein Korsett zu tragen. Durch Téris Vorbild kam sie mehr und mehr davon ab. Dabei besaß sie eine ganze Kollektion solcher Marterinstrumente. Es waren wahre Monster aus besonders festem Satin und Fischbeinstäben, mit vorderer oder hinterer Verschlussleiste, Nocken, Hebeln, beweglichen Haken, Stahlfedern, Körbchen und langen Schnüren. Sie verfügte über Korsetts für beinahe jede Gelegenheit, sogar fürs Tennisspiel und fürs Schwimmen. Eine Kreation von teuflischer Genialität war ein Korsett, das für die Schwangerschaft gedacht war. Es war so gearbeitet, dass jeder Versuch, es zu eng zu schnüren, extrem schmerzhaft wurde.

Im Elternhaus hatte man Trude beigebracht, ein Korsett forme nicht nur den Körper der Frau, sondern auch ihren Charakter. Es sorge für Halt und Haltung. Sitzen, Stehen und Gehen - alles geschehe mit stolzer, aufrechter Haltung; im Grunde mache das Korsett den entscheidenden Unterschied zwischen den Klassen aus. Eine Frau der arbeitenden Stände könne sich im besten Fall ein Korsett für den Tanzabend leisten; den Alltag könne sie darin nicht bestehen. Téris sah darin nur Foltergeräte. Immerhin ließ sie sich einmal probeweise einschnüren, als Trude ihr versicherte, betont enges Schnüren reduziere nicht nur den Taillenumfang, sondern produziere auch delikate Gefühle, halb Schmerz, halb Genuss. Auf Anhieb empfand Téris allerdings nichts von den Lüsten, die ihr Trude angekündigt hatte.

Viktor war von Gedanken anderer Art erfüllt. Er meinte, Gott für das Geschenk, das ihm mit dem Weiterleben gemacht worden sei, mindestens einmal täglich danken zu müssen. Die Kapelle, die er auf seinem Grundstück hatte errichten lassen, war längst vollendet. Hier predigte er nun Sonntag für Sonntag einer kleinen Gemeinde deutschstämmiger Lutheraner, die vorher einmal im Monat seelsorgerisch von einem reitenden Pfarrer betreut worden waren.

Das sprach sich bis nach Porto Alegre herum und erweckte die Aufmerksamkeit von Propst Dreher. Er war der Vertreter des Evangelischen Oberkirchenrats in Berlin und für alle evangelischen Gemeinden Brasiliens zuständig, da Deutsch- und Luthertum zu dieser Zeit in Brasilien weitgehend zusammenfielen. Unter einem Vorwand besuchte der Probst Viktor und nahm an einer Andacht samt Predigt teil, fand aber angeblich nichts zu beanstanden.

Nachdem man die erste Flasche von Viktors bestem Weißwein geleert hatte (»wunderbarer Tropfen«, lobte Probst Dreher, »damit werden Sie reüssieren, keinen Zweifel!«) breitete Dreher seine Sorgen aus. Er stöhnte unter der Last, die weit voneinander entfernten, meist sehr abgelegenen lutherischen Gemeinden zu kontrollieren und ihnen in ihren mannigfachen Schwierigkeiten beizustehen. Im Grunde habe man ihm eine Sisyphusaufgabe aufgebürdet. Wegen der Größe des Landes und der weiten Entfernungen seien gewisse Eigenbröteleien schier unausrottbar geworden. Wenig hilfreich seien die jungen Pastoren, die man ihm aus Deutschland schicke. Ihre Anschauungen gipfelten in dem Lehrsatz, Deutschtum und die Heilsbotschaft seien auf Leben und Tod miteinander verbunden. Die - zugegeben wenigen - Brasilianer unter den lutherischen Pastoren nähmen naturgemäß eine ganz andere Haltung ein. Das erzeuge interne Streitigkeiten, von deren Ausmaß sich Viktor keine Vorstellung zu machen vermöge. Daran gemessen, könnten die kleinen theologischen Unsauberkeiten, welche sich gutmeinende Laienprediger zu Schulden kommen ließen, außer Betracht bleiben. Manch einer verbreite, vom engen theologischen Standpunkt aus betrachtet, puren Unsinn. Er sah Viktor dabei tief in die Augen und fügte an, solchen Glaubensbrüdern wolle man zurufen: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Aber, wie gesagt, gemessen an den giftigen Streitigkeiten der Herren Pastoren untereinander, seien das lässliche Sünden, um in den Kategorien der katholischen Konkurrenz zu sprechen.

Man stieß ein weiteres Mal miteinander an, dann kam Probst Dreher auf eine Angelegenheit zu sprechen, die ihm zu schaffen mache. Viktors Vater, Herr Caspary, habe sich anscheinend sehr eng mit Rektor Gesner und dessen von Gerüchten umwitterter Frau eingelassen. Er, Propst Dreher, sehe es für seine Pflicht an, dezent vor diesen Personen zu warnen. In seiner angeborenen Gutmütigkeit und Menschenfreundlichkeit erkenne Herr Caspary wohl nicht, um welche Intriganten es sich bei diesen Herrschaften handele. Dieser Hinweis sei natürlich als freundschaftlicher Rat zu verstehen und solle unbedingt diskret behandelt werden.«