Hotel Petersburger Hof

1. Januar 2012
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Roman von Hans Dieter Schreeb Scherz Verlag, Bern, 542 Seiten. Die Taschenbuch-Ausgabe bei Knaur, sowie die Paperback-Ausgabe bei Corso sind derzeit vergriffen. Der Roman erscheint demnächst in einer Neuauflage. ›Hotel Petersburger Hof‹ wurde von den Lesern und der Presse auffallend positiv aufgenommen.

Pressestimmen: Sehr zustimmende Artikel erschienen u. a. in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, in der Frankfurter Rundschau, der Brigitte (Dossier der schönsten Bücher 1996), der HÖRZU, der Bild am Sonntag und in der Welt am Sonntag. Frankfurter Allgemeine Zeitung: »Die Handlung wird spannungsvoll und höchst unterhaltsam erzählt, entwickelt sich wie selbstverständlich aus den großen und kleinen Mühen oder Glückszuständen. Und in die Weltereignisse werden die vielen kleinen, wahr erscheinenden privaten Geschichten eingelegt wie bunte Steine in eine bekannte große Mosaikarbeit.« Bild am Sonntag: »Schreeb schönt nicht, schildert seine Protagonistin durchaus realistisch - als starke, kämpferische Frau, die auch berechnend und skrupellos sein kann.« Welt am Sonntag: »Fernseh- und Hörfunk-Autor Hans Dieter Schreeb schreibt seine Romane mit jener Leichtigkeit, die im Fernsehen so oft in den Kitsch abrutscht. Hier aber wird die Grenze nie überschritten.« Die Zeitschrift HÖRZU bewertete das Buch mit vier Sternen: »Ein starker Typ, diese Frieda, um die sich das interessant besetzte Gesellschaftskarussell in »Hotel Petersburger Hof« dreht. Ein pralles Lesevergnügen.«

In der Bestenliste der Zeitschrift ›Familie & Co‹ wurde ›Hotel Petersburger Hof‹ auf Platz 1 gesetzt. Der Norddeutsche Rundfunk empfahl das Buch als ein »farbenprächtiges und lebendiges Gesellschaftspanorama« und als »spannendes und kurzweiliges Lesevergnügen«. Der Rundfunksender ›Antenne Ruhr‹ bezeichnete den Roman in seiner Besprechung als einen ›Glanzpunkt dieses Bücherherbstes‹. Der Südkurier: »Für eine seltene Tugend in der deutschen Literaturlandschaft ist Hans Dieter Schreeb bekannt: Unterhaltung auf hohem Niveau ... Faszinierend an dem Buch ist neben den von Schreeb wie selbstverständlich geschilderten historischen Begebenheiten in der Hauptsache die soziale Vielschichtigkeit der Akteure, eben der echte Reiz einer Kurstadt, wo sich tout le monde trifft.« Rudolf Scharping im ›Vorwärts‹: »Viel mehr als die einzelnen politischen Ereignisse selbst bestimmen deren soziale Folgen das Leben der Menschen. Sehr plastisch beschreibt der Autor die oft elenden Verhältnisse der Zeit, aber auch die Menschen, die für mehr soziale Gerechtigkeit kämpften: Sozialdemokraten und Gewerkschaftler. Am Beispiel von Friedas Mann, Georg Tremus, und seinen politischen Freunden schildert er die Geschichte der Sozialdemokratie von den Sozialistengesetzen über die Entwicklung zur Massenpartei und die Regierungsübernahme in der Weimarer Republik bis zur Verfolgung durch die Nationalsozialisten.«

Marie-Luise Marjan in der Bunten: »Ich liebe diese Frieda, wie sie sich durchs Leben schlägt und dabei immer ihre Würde bewahrt. Eine Familiensaga in einem eindrucksvollen Bilderbogen erzählt von der Kaiserzeit bis zur beginnenden Nazi-Diktatur.«

Die ›Gegenwart‹, Wien: »Pfiff bekommt der Roman nicht zuletzt dadurch, dass Schreeb dem Fräulein Frieda einen waschechten Sozi beigesellt. Aus den Spannungen zwischen Friedas Erwerbsdrang und den politischen Leidenschaften schlägt Schreeb genüsslich Kapital ... Der ›Petersburger Hof‹ ist solide gearbeitet und flott geschrieben; unterhaltsam ist er allemal.« Wiesbadener Kurier: »Schreeb gelingt nicht nur ein kraftvolles Porträt dieser Frau, deren Leben so singulär und doch stellvertretend für eine ganze Generation ist, er vermag mit seinem lebendigen Erzählstil auch die Aura der Zeit einzufangen.« Wiesbadener Tagblatt: »Ebenso beeindruckend ist aber auch die Kunst Schreebs, trotz epischer Breite den Spannungsbogen nicht abreißen zu lassen und den Leser bis zur letzten Seite zu fesseln.« Allgemeine Zeitung, Mainz:

»Schreeb ist ein solider und spannender Unterhaltungsroman gelungen, der Lust macht, auf den Spuren seiner Figuren zu wandeln. Sorgfältig recherchierte Lokalgeschichte, die so geschickt mit der ›großen‹ Weltgeschichte verknüpft ist, findet man selten.« ›Schweizer Bibliotheksdienst‹, Bern: »Meisterhaft und lebendig schildert der selber in einem Wiesbadener Hotel aufgewachsene Verfasser das wechselvolle Leben dieser starken, eng mit ihrem Haus verbundenen Frau. Gerne würde man noch mehr über das weitere Schicksal des Hotels erfahren ... der Leserschaft sehr empfohlen.«

Leseprobe Eines Tages - es sind jetzt nur noch Stunden bis zu Friedas Niederkunft; jeden Moment können ihre Wehen einsetzen - steht Herr Thomé in Zimmer Nummer 1. Er sieht aus, als habe er seit Tagen nicht geschlafen, und während der ganzen Zeit des Besuchs hält er sich nur mit erkennbarer Anstrengung aufrecht. Seine Haare glänzen fettig; das ist ein verräterisches Zeichen, so deutlich, als trage er Sträflingsdrillich. Wenn ein Mensch wie Herr Thomé sich nicht mehr pflegt, hat er sich aufgegeben. Frieda weiß sofort, warum er kommt. Das Gerücht ist bis zu ihr gedrungen. Man hat ihn entlassen; er ist in einer verfänglichen Situation mit einem Pikkolo entdeckt worden. Nach dem angemessenen Drumherum fragt er demütig, ob sie eine Chance für eine Anstellung erkennen könne. Er behauptet natürlich, er sei Opfer einer gezielten Verleumdung, er werde dagegen gerichtlich angehen, und seine Ehrenhaftigkeit werde sich erweisen. »Das steht doch außer Frage, Herr Thomé. Das kann doch keiner glauben, der Sie kennt«, behauptet Frieda, und das so fest, dass sich Herr Thomé für einen Moment getröstet fühlt. In Wahrheit hat Frieda nicht den geringsten Zweifel daran, dass Thomé die Beherrschung verloren und dem Burschen, um den es geht, die Hosen ausgezogen hat. Dennoch schmerzt sie das Leid des Herrn Thomé; wenn ihr eigener Vater bei ihr bettelte, würde sie dies nicht härter ankommen. Selbstredend kann sie Herrn Thomé keine Stellung geben, hat auch keine Verbindungen zu großen Häusern, die ihm helfen könnten. Anscheinend hat er sich vorgemacht, sie stehe mit den Besitzern und Direktoren des ›Kaiserhofs‹, des ›Nassauer Hofs‹ oder der ›Vier Jahreszeiten‹ auf du und du. Selbst wenn es so wäre, würde es ihm nichts nützen. Niemand würde einen Portier einstellen, der in Ruch geraten ist, homosexuelle Gelüste zu pflegen. Es ist schon Entgegenkommen des ›Römerbads‹ genug, dass man ihn nicht angezeigt hat. Er wäre ins Gefängnis gewandert. Unzucht mit einem Pikkolo!

»Würden Sie auch was anderes machen außer Empfang?«, fragt Frieda zögernd. Sie bringt es nicht über sich, ihn einfach wegzuschicken, wie man es wohl bereits andernorts mit ihm gemacht hat.

»Jede Arbeit«, behauptet Herr Thomé. »Ich kann Ihnen nichts versprechen, aber die Wäscherei Maison ... Ich kenne den Herrn Maison gut ...«

»Ach, das wäre äußerst liebenswürdig. Das ist ja ein sehr bekanntes Haus ... eine angesehene Firma«, korrigiert sich Herr Thomé.

»Sie haben vollkommen recht! Also, ich kann’s nur probieren ...«

Georg kommt dazu; Herr Thomé spielt nun Theater; versucht glaubhaft zu machen, er habe der lieben Kollegin Frieda endlich den lange versprochenen Höflichkeitsbesuch abstatten wollen. Nicht, dass er lügt, schmerzt Frieda, sondern in welch durchsichtiger, schäbiger Art. Georg bemüht sich nicht um die geringste Höflichkeit. Er schickt Thomé praktisch weg; als Vorwand dient ihm Friedas Zustand, und tatsächlich fällt es Herrn Thomé erst jetzt auf, dass sie hochschwanger ist. Anscheinend ist er blind für alles, was nicht sein Unglück betrifft. Als er gegangen ist, wundert sich Georg: »Dass das so lange gut gegangen ist! Dass der Päderast ist, duftet doch aus jedem Knopfloch.«

»Er hat immer sehr gut von dir gesprochen.«

»Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Von mir aus kann jeder machen, was er will - in der Hinsicht. Aber nicht mit Abhängigen. Da hört bei mir das Verständnis auf!«

»Vielleicht kann ihn Herr Maison einstellen, auf dem Büro. Ich frag da mal.« Georg will darauf antworten, bringt aber nichts heraus. Seine Linke krallt sich in seine Rechte, und wie mit gebrochener Stimme warnt er seine Frau: »Untersteh dich, Frieda! Wenn du ein Wort verlauten lässt ...! Das hört auf mit diesem Weiß- und Buntwäscher!«

»Was soll denn da aufhören? Das sag mir jetzt mal! Was wirfst du Herrn Maison vor - oder mir? Wir haben niemals auch nur ...«

»Was?«

»Nichts! Absolut nichts! Er war immer vollkommen korrekt und ich auch!« Georg sieht sie wie Hass erfüllt an und sagt endlich knapp beherrscht: »Ich dulde nicht, dass der Mann weiter diese Rolle in unserem Leben spielt.«

»Welche Rolle?«

»Ruh dich aus!«