Hinter den Mauern von Peking

1. Mai 2002
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Roman von Hans Dieter Schreeb,
erschienen im August 1999‚ Ullstein Verlag, Berlin
Taschenbuch ebenfalls bei Ullstein

In diesem großen Roman um Liebe, Politik und Mord entsteht das China der Jahrhundertwende, beherrscht von Tz’u-hsi, der Konkubine auf dem Drachenthron, und erlebt vom deutschen Gesandten Alfons Mumm von Schwarzenstein, einem bedeutenden Diplomaten und außergewöhnlichen Mann.

Pressestimmen:

Frankfurter Allgemeine Zeitung: »Nach dem ›Bader von Mainz‹, ›Feuerblumen‹ und ›Hotel Petersburger Hof‹ ist es Hans Dieter Schreeb ein weiteres Mal gelungen, eine historische Epoche zu vergegenwärtigen. Überaus anschaulich und lebensprall schildert er das Schicksal seiner Figuren, mischt authentische Dokumente und Fiktion zu einem dichten Porträt einer faszinierenden Figur.«

Bild am Sonntag: »Autor Hans Dieter Schreeb, bekannt durch ›Tatort‹-Drehbücher und seinen großen Roman ›Hotel Petersburger Hof‹, hat einen schillernden Polit-Krimi mit fundiertem historischen Hintergrund geschrieben. ›Hinter den Mauern von Peking‹ ist spannend bis zur letzten Seite.«

Welt am Sonntag: »Dem Autor gelingt ein spannender historischer Roman, und mit der Figur des schwulen Gesandten Alfons Mumm von Schwarzenstein entsteht ein ambivalenter Charakter ... Anregende Unterhaltung.«

Wiesbadener Kurier: »Viel Einfühlungsvermögen in einen fremden Kulturkreis schwingt im Rhythmus des Buches mit ... Ein unterhaltsam lehrreiches Buch und ein spannendes in seiner bruchlosen Kombination von Historie und Fiktion.«

Bucharchiv: »Ein schillernder Polit-Krimi mit fundiertem historischem Hintergrund.«

GayBooks: ›Eine gute historische Erzählung über ein fast vergessenes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte mit einem schwulen Helden und einer wunderschönen Liebesgeschichte.‹

Annette von Blomberg in ›read me.de (Intelligente Bücher für intelligente Leser)‹: »Eines der erstaunlichsten Bücher des Herbstes 99. Peking nach dem Boxeraufstand anno 1900. Aus der Sicht des deutschen Gesandten und der chinesischen Kaiserinwitwe. Großartig geschrieben - und spannend ... Ein Roman in der zurückhaltenden Sprache der Diplomatie, wie sie Alfons Mumm von Schwarzenstein, Gesandter des Deutschen Reiches in Peking direkt nach dem Boxeraufstand und der Ermordung seines Vorgängers, wohl in seinen offiziellen Briefen benutzt hat. Ein Roman, in dem ekstatische Liebe und herzzerreißende Trauer hinter dieser Nüchternheit verborgen werden.

Trotzdem: ein großartiger Roman, der mehr fesselt als Stephan King (mich zumindest). Vielleicht weil die echten Namen echter Diplomaten und Menschen jeder Zeit verwendet werden. Vom Stahlkönig Krupp bis zu Reichskanzler Bismarck, von der Champagnerdynastie Mumm bis zu den damals aktiven Chinesen. Vielleicht auch, weil Botschafter von Mumm homosexuell war, das immer verbergen musste und trotzdem eine Affäre mit einem untergebenen Soldaten anfing. Wie auch immer: Autor Schreeb dichtet das Leben des real existierenden Diplomaten um in eine faszinierende Begegnung zwischen West und Ost, Mann und Mann . Es klingt vielleicht banal, aber ›Hinter den Mauern von Peking‹ ist ein rundherum schönes Buch.«

Basler Zeitung, Newsnetz: Peking Girls und andere Oberchaoten

Leseprobe

Der Kaiserliche Gesandte von Mumm hatte außer seiner Neigung zu jungen Männern nur eine Leidenschaft, nämlich die zur Photographie.

Selbst auf dem Transportdampfer ›Essen‹, der ihn im Juli 1900 zusammen mit sechshundert deutschen Soldaten nach China brachte, photographierte er, wann immer es ihm möglich war. Es verging kaum ein Tag , an dem er nicht einige Aufnahmen machte. Jemand, der ihn nur flüchtig beobachtete, hätte ihn wegen seiner Ausrüstung und der Routine, mit der er seine Kamera bediente, leicht für einen eifrigen Reisephotographen halten können. Solche Leute sah man zu dieser Zeit überall. Geradezu blindlings nahmen sie auf, was sich ihnen bot, den Vesuv-Ausbruch genauso wie Menschen, die sich vor einem Zirkuseingang drängelten. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass das scheinbar Unbedeutende am Ende genauso verlangt wurde wie die Sensation. Dem Gesandten lagen solche kommerziellen Überlegungen vollkommen fern, aber auch alle künstlerischen. Es ging ihm bei seinen Photos ausschließlich um das Dokument; er photographierte, wie andere Leute Tagebuch schreiben. Er war von den Details besessen, und beim Betrachten seiner Bilder stellte er mehr als einmal fest, dass ihm ohne die Photos Wichtiges entgangen wäre. Hin und wieder offenbarten sie ihm sorgsam verborgene Zusammenhänge und geheime Wahrheiten.

War es nun Raffinesse des Zufalls oder schiere Banalität, dass er aus­gerechnet beim Photographieren den Leutnant Robert Berlau kennenlernte ? Brachte ihn seine Bildersucht mit dem Menschen zusammen, der später in seinem Leben eine so große Bedeutung gewinnen sollte, oder wäre er ihm in der Enge des Schiffes und bei wochenlanger gemeinsamer Fahrt auf jeden Fall begegnet? Der Gesandte mochte das nie entscheiden, aber die Tatsache als solche gefiel ihm.

Auf den wenigen Photographien, die von dem Leutnant noch existieren, sieht man einen jungen, eleganten Mann mit einem glücklich stimmenden Lachen, wie es nur aus Talent und Selbstsicherheit erwachsen kann. Auf einigen Aufnahmen ist Berlau mit nacktem Oberkörper zu sehen; auf einem, im Gegenlicht photographiert, ist er vollkommen nackt. Da wirkt er wie der junge Apoll.

Der Tag, an dem der Gesandte und der Leutnant zusammentreffen sollten, war für beide anfangs nur mit Routine ausgefüllt.

Den Vormittag hatte Alfons von Mumm damit zugebracht, sich durch Akten und Berichte zu mühen, die er als Vorbereitung auf seinen neuen Posten studieren mußte. Nach der halbstündigen Mittagspause war dann, wie jeden Tag, Sprachunterricht an der Reihe. Der Gesandte hatte sich vorgenommen, während der Überfahrt nach China sowohl die Grundzüge des Mandarin-Chinesisch wie einige Floskeln Mandschurisch, die vorgebliche Hofsprache, zu erlernen. Dafür hatte man ihm einen Pater Leonhard empfohlen, ehemals Missionar der katholischen Missionsgesellschaft ›Verbum Divinum‹. Von verschiedenen Seiten waren ihm die Kenntnisse des Paters angepriesen worden, von seinem Charakter hatte niemand gesprochen. Das hätte ihn warnen sollen. Er hatte den Pater vorgefunden, als er in Algeciras an Bord des Transportdampfers ging. Aus Zeitgründen war er mit der Eisenbahn dorthin gereist und hatte sich damit eine unangenehme Schiffsfahrt durch den trotz der Jahreszeit nebligen Ärmelkanal und die rauhe Biskaya erspart, wie er nachher erfuhr.

Jedenfalls war in Algeciras eine Änderung des Arrangements nicht mehr möglich, da mußte er den Pater notgedrungen als seinen Lehrer akzeptieren. Dabei war ihm der Mann mit seinen stechenden Augen und seinem scharfen und obendrein falschen Betonen der Endsilben vom ersten Moment an unangenehm gewesen, und wirklich erwies sich der Mönch schnell als der Eiferer, den der Gesandte in ihm vermutet hatte. Beinahe in allem entsprach er dem Bild, das man sich von solchen Menschen macht. Er war hager, asketisch und rechthaberisch. Kenntnisse konnte man Pater Leonhard allerdings nicht absprechen. Soweit der Gesandte es beurteilen konnte, hatte er sich noch mit den abseitigsten Problemen der chinesischen Philosophie, Astronomie und Astrologie beschäftigt. Während der Lektion, die an diesem Tag an stand, belehrte er den Gesandten über Einrichtungen des täglichen Lebens, unter anderem über die neun Klassen erblichen Adels, die China kannte, die fünf ›tschio‹ und vier ›yü‹.

Die fünf tschio sind demnach, Exzellenz?«

Kung - Herzog, hou - Fürst, po - Graf, tsy - Freiherr, nan - Edelmann ...«, zählte der Diplomat leicht mißmutig auf.

»Ausgezeichnet, Euer Exzellenz. Und werden wie vererbt?«

Wenn der Adel nicht als ›ewig erblich‹ - ›schy-hsi-kang-t'i‹ - « (»Ausgezeichnete Aussprache«, lobte Pater Leonhard an dieser Stelle) »verliehen ist, erhält der Deszendent die nächstniedrige Adelsklasse nach seinem Vater, der Sohn eines kung wird hou, der Sohn eines hou wird po und so weiter, bis der Adel mit dem Sohne eines tsy ganz ausstirbt.«

Ausgezeichnet, vollkommen richtig ... Bewundernswert, wie rasch Sie auffassen. Daß die vier yü Militäradel sind, erläuterte ich? Daß sie nur den Militärs verliehen werden ...«

Haben Sie erläutert, ja.«

Den sogenannten Militärs müßte ich richtigerweise sagen. Nicht einer von ihnen hat eine Auszeichnung verdient. Allesamt eine Bande korrupter, in obskuren Aberglauben verstrickter Tunichtguts! Gerade fähig, hilflose Bauern an ihren Füßen aufzuhängen, Frauen zu vergewaltigen, Kindern die Augen auszustechen ...«

Ihre Meinung vom chinesischen Militär ist mir bereits vertraut!«, unterbrach ihn der Gesandte scharf. Er war nicht daran interessiert, von dem Missionar weitere Greuelgeschichten zu hören.

Pater Leonhard war davon hypnotisiert. Alle Mitteilungen über chinesische Verbrechen verschlang er. Wenn der Dampfer in einen Hafen einlief, war es sein Wichtigstes, sich alle verfügbaren Zeitungen zu besorgen und sie nach Nachrichten von den chinesischen Unruhen abzusuchen. Die sowieso schon aufgebauschten Meldungen schmückte er bis ins Phantastische aus, als seien Greuel dieser Art soeben frisch erfunden worden und vollkommen einmalig. Daß der Hang zur Grausamkeit tief in der menschlichen Natur stecke und nach Belieben bei jedermann erweckt werden könne, was die Ansicht des Gesandten war, akzeptierte er nicht.

Ein Muss für die, die sich für China interessieren,

Rezensentin/Rezensent: g.s. aus Dresden

6. August 2002

»Dieses Buch entwickelt beim Lesen ein ganz eigenes Flair - so wie ich es bisher bei keinem anderen Buch gefunden hab. Das liegt zum einen an der feinen, geschliffenen, sehr eleganten Sprache, mit der erzählt wird und zum andern am wahrhaft diplomatischen Habitus des Gesandten v. Mumm, in die sich der Autor hervorragend hineinzuversetzen versteht. Kein Wort, kein Satz zuviel und keiner zu wenig.

Die Handlung führt ins Jahr 1900 nach China, das eine schwere innenpolitische Krise durchlebt, von der Außenpolitik ganz zu schweigen. Das Land versinkt in Chaos und Problemen: Die ausländischen Kolonialmächte versuchen China unter sich aufzuteilen, was nur deshalb nicht gelingt, weil sie sich gegenseitig belauern und austricksen wie die übelsten Zocker. Die Chinesen selbst proben den Aufstand in Form des "Boxeraufstands", weil sie der misslichen Zustände im Land überdrüssig sind und die "fremden Teufel" vertreiben möchten. In dieser Situation verfügt sich die Regierung (sprich der Kaiserhof) nach Xian, weit im westen. Allein die Beschreibung dieser Reise sagt viel sehr über China um 1900!
Beim Boxeraufstand ist es so, wie immer in solchen Lebenslagen: wo gehobelt wird, fallen Späne. In diesem Fall der deutsche Botschafter Clemens von Ketteler. Das wiederum eröffnet dem deutschen Kaiser eine günstige Gelegenheit, aktiv zu werden und er schickt seine Interessenvertreter los: den Diplomaten v. Mumm und den Feldmarschall v. Waldersee. Der eine soll möglichst den Mord an seinem Vorgänger klären, der andere soll die deutschen Ansprüche in China sichern und nebenbei 4 Milliarden Reichsmark (!) Entschädigung rausholen.

Es entwickelt sich eine faszinierende Geschichte, die von den ganz eigenen Typen lebt, die agieren. Jeder hat irgendein Geheimnis - und viele davon bleiben es auch.
Die Atmosphäre ist geprägt von überheblichen, rassistischen Ansichten auf der Seite der Kolonialmächte und von Aberglauben, Angst vor Neuem und konservativem Klammern auf der chinesischen Seite. Schlaglichtartig wird die Härte des Lebens der einfachen Chinesen beleuchtet, der Glanz des Kaiserhofs und die erstaunliche Unkenntnis der Ausländer, die schon jahrelang dort leben und nichts (oder nicht viel) von China und seinen Menschen wissen.

Die Geschichte orientiert sich an historischen Tatsachen (obwohl ich die Gestalt des Gesandten v. Mumm nirgendwo in den Geschichtsbüchern gefunden habe, nur seine Vorgänger und Nachfolger) und das macht sie spannend und interessant.

Absolut empfehlenswert!«

Mehr als der Klappentext verspricht .. .

Rezensentin/Rezensent: B. Weiß

10. Mai 2002

»... ist ein Thema dieses Buches: Die Homosexualität des (realen wie im Roman dargestellten) Gesandten Alfons Mumm von Schwarzenstein. So lebendig und realistisch, wie der Autor Shanghai und Beijing schildert, so einfühlsam und überzeugend ist dieser Aspekt der Figur dargestellt. Weder reißerisch noch voyeuristisch - dafür sehr menschlich im besten Sinne. Leider gibt es nur wenige Romane wie diesen, dem es gelingt, historische Ereignisse, eine individuelle Lebensgeschichte und Homosexualität als Teil dieser Geschichte zu einem schlüssigen, informativen und spannenden Buch zu fügen.«