Feuerblumen

2. Juni 2002
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Von Hans Georg Thiemt und Hans Dieter Schreeb
Hardcover und Taschenbuch bei Ullstein

Pressestimmen:
Ulrich Struve unter dem Titel »Souveräne Unterhaltung« im ›Literatur-Café.de‹:

»Das Autorenteam Thiemt und Schreeb blättert in diesem mitreißenden Schmöker Schritt für Schritt die Geheimnisse und Intrigen um Kaspar Hauser auf. Die erfundene Hauptfigur des Romans, der Notar Winzer, folgt zahlreichen Spuren, die Licht in das Dunkel der mysteriösen Herkunft des Findlings bringen könnten. Immer tiefer dringt Winzer in die Kreise der Verantwortlichen ein, bis er schließlich selbst zum Opfer der Verschwörung wird.
Thiemt und Schreeb stützen sich auf die Erkenntnisse der historischen Hauser-Forschung, ohne je ihre Freude am Fabulieren zu verlieren. Winzer wird als Spielernatur, als Emporkömmling und Jakobiner gezeichnet, der sich auf Bitten der Großherzogin Stephanie um die Hintergründe des Falls bemüht. Deren Vorleserin wird Winzers Mätresse, zuerst als Entlohnung für riskante Recherchen, später aus Leidenschaft. Nach und nach versteigt sich Winzer so sehr in die abenteuerlichen Verwicklungen des Falls, dass ihn selbst seine Geliebte nicht mehr schützen kann. Als Winzers Hund vergiftet wird, als schließlich sein Haus niederbrennt, säen die Autoren Zweifel, ob es sich um Zufälle oder gezielte Warnungen der Verschwörer handelt. Das Grübeln und Kombinieren überlassen sie getrost dem Leser.

Die Sprache des Romans ist den zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts anempfunden, mit gelegentlichen antiquierten Wendungen aus der Welt des Hofes und der Kanzleien. Fast beiläufig, doch mit viel zeitgeschichtlichem Kolorit, erfährt man von den machtpolitischen Winkelzügen Napoleons, die Stephanie nach Baden brachten, von der ›bleiernen Decke‹ der Zensur, die auf ganz Deutschland liegt, und vom Elend der kleinen Leute. Auch über die ›Umtriebe der Demagogen und Demokraten‹, denen der Hauser-Fall gerade Recht kommt, die Fundamente der Fürstenherrschaft zu erschüttern, berichtet der Roman. Die Phantasie der Autoren erfindet dazu packende sinnliche Details. Als Winzer nach dem Brand seine sterbende Haushälterin Käthe am Krankenbett besucht, ›nimmt er nur die Äußerlichkeiten wahr: Die Frau hergerichtet und reglos wie eine Mumie, den süßlichen Ruch von Urin, auch den beißenden von Kalk, welchen man zur Desinfektion in den Zimmern und Gängen ausstreut; nein, eigentlich und wirklich nimmt er nur den Hautgout von Tod und Fäulnis wahr.‹

Ein in der literarischen Kaspar-Hauser-Tradition sehr eigenständiger Roman.«

Wiesbadener Tagblatt: »Die Raffinesse des Buches macht es aus, nicht nur die zum Teil bekannten und die vielen unbekannten Tatsachen nachzuerzählen. Die eigentliche Leistung liegt darin, aus Fakten Kunst werden zu lassen.«

Nürnberger Nachrichten: »Das Erfolgsteam Hans Georg Thiemt und Hans Dieter Schreeb hat aus Hausers Schicksal einen der besten deutschsprachigen Kriminal-Romane der letzten Jahre destilliert ...«

Bild am Sonntag: »Ein spannend geschriebener Roman, der zugleich zum Nachdenken zwingt: das Schicksal Caspar Hausers, dargestellt als Fallbeispiel für Menschen, die außerhalb der genormten Gesellschaft stehen und deshalb eliminiert werden. ... Ein Psycho-Krimi!«

›Deutsche Bücher‹, Amsterdam: » ›Feuerblumen‹ ist ein kühn konzipiertes Buch. Es ist mit Erfolg Vieles in einem: ein kluger und kenntnisreicher historischer Roman aus der Biedermeierzeit, eine belletristische Studie von Spiel- und Liebesleidenschaft und nicht zuletzt ein spannender Kriminalroman, dessen Seiten man ungeduldig umblättert.«

Leseprobe:

»Und wie ist die geistige und seelische Verfassung des Hauser jetzt, ein halbes Jahr nach seiner Wiederkehr in die Welt?«

Daumer überlegt, worauf er den größten Wert legen sollte, und sagt, wie zu Beginn seiner Nürnberger Zeit sei Caspar von größter Güte und Weichherzigkeit. Während er anfangs aber Vertrauen gegen schier jedermann zeigte, wachse nun Vorsicht und Argwohn in ihm, begreifliche Folge der Erfahrungen, die er mit Menschen machte und macht, und weil ihm nun bewußt werde, was ihm angetan wurde. Nach wie vor lerne er phänomenal rasch, eigentlich unbegreiflich rasch. Viele Irritationen entstünden dadurch, daß Hauser äußerlich viel reifer wirke, als er innerlich sei. Beispiel: Was die sexuelle Sphäre betreffe, so habe Caspar darin Meinungen und Anschauungen eines Achtjährigen. Wohl seien seine primären Geschlechtsmerkmale gut ausgebildet und entsprächen denen eines Achtzehnjährigen, doch begreife er noch nicht den Unterschied und die Funktionen der beiden Geschlechter. Alles in allem entspreche sein gegenwärtiger Verstand wohl etwa dem eines Acht- bis Zehnjährigen, wiewohl er gelegentlich verständig urteile wie ein Erwachsener.

Dabei wachse er mit auffallender Schnelligkeit. In den letzten vier Wochen sei er, ausweislich genauer Messung, zwei Zoll größer geworden. Vor allem sei es phänomenal zu beobachten, wie Caspars Aussehen sich ständig verändere. Glich er anfangs einem tölpelhaften Bauernbuben, so habe er nun das Aussehen eines altklugen Kindes, eines abgerichteten jungen Menschen.

Sein Körper sei in Hinsicht auf Leistung und äußere Einflüsse noch immer von kaum glaublicher Schwäche, Empfindlichkeit und Reizbarkeit. Eine gelinde Berührung der Hand mache die Wirkung eines Schlages auf ihn. Wenn er einige Zeit gegen den Wind gehe, werde er heiser. Vom kleinsten Spaziergang sei er früher bis zum Umfallen müde geworden, nun könne er schon längere Zeit gehen, ohne gänzlich erschöpft zu sein.

Er rieche Dinge, die für gewöhnliche Organe ganz geruchlos seien, in beträchtlicher Entfernung. Starke Gerüche affizierten ihn noch immer vollkommen. Als Beispiel wolle er nur erwähnen, fährt Daumer fort, neulich habe man seiner Schwester Kathy eine wohlriechende Rose geschenkt. Caspar habe da nicht an sich halten können und sie voll Abscheu weit weggeworfen.

Winzer macht sich hin und wieder Notizen, doch nur wenige. Das weckt offenbar Zutrauen in Daumer; schildert er doch seinem Besucher nun auch kleine Beobachtungen: »Anfang des Herbstes trug Caspar zum ersten Mal Stiefel, worüber er große Freude zeigte. Weil er es aber nicht gewohnt war, darin zu laufen, ging er ungeschickt und fiel des öfteren zu Boden. Ist schon ein rechtes Kreuz mit unserer Lauferei«, bemerkt der Professor mit leichtem Selbstspott und an seine eigenen Beschwerden erinnernd. Er fährt fort: »Bewegte sich Caspar jedenfalls früher mit eingeknickten Füßen und in beständiger Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren, so ist sein Gang nun nur noch wenig von dem anderer Menschen unterschieden. Seine Hände und Fußsohlen, früher weich, schwielenlos und vollkommen verwundbar, sind nun fester geworden. Auch seine übrigen Kräfte haben zugenommen.

Von Fleischspeisen bekommt er fieberhafte Anfälle, Pflanzensäure macht ihm empfindlichen Reiz, das Süße ist ihm widerlich, geistige Getränke bringen Erscheinungen schreckhafter Art hervor. Nur die Gewürze, die er in seinem Käfig mit seinem Brot genossen zu haben scheint - Kümmel, Koriander, Anis und Fenchel - verträgt er, selbst den starken Fenchelzucker, wie man ihn in Apotheken findet. Als er von meiner Mutter zum ersten Mal stark gewürztes Brot erhielt, weinte er vor Freude; wohl weil er es von seiner Gefangenschaft her kannte und in Freiheit vermisst hatte« , vermutet Daumer. »Kümmeltee und Qualitäten bloßen Kümmels dienen bei ihm als palliative Heilmittel.«

»Was glaubt Caspar Hauser, wer er sei?«

»Er hat keine wahre Vorstellung von sich. Bis jetzt glaubt er, was man ihm sagt, und das ist Unfug.«

»Kann Caspar Hauser ein Fälscher sein, ein Lügner oder Betrüger?«

»Nein«, beteuert der Lehrer emphatisch, »Zeugen können lügen, Urkunden können verfälscht sein, aber kein Mensch vermöchte eine Lüge dieser Art so zu lügen! Es müsste denn mindestens ein mit Allmacht und Allwissenheit ausgerüsteter Zauberer sein.«