Der Bader von Mainz

3. Juni 2002
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Von Hans Georg Thiemt und Hans Dieter Schreeb
Hardcover und Taschenbuch bei Ullstein Verlag, Berlin
Zwölf Auflagen Taschenbuch, 494 Seiten.
Drei Auflagen Hardcover

Ein Badhaus zu Mainz im Jahre 1358, nach dem Abklingen der ersten großen Pest ist Schauplatz des Romans: halb Heilstätte, halb Hurenhaus. Hier werden Feste ›ausgebadet‹, hier werden Zähne gezogen und Knochen geflickt und hier ist jeder vor dem Arm des Gesetzes sicher. Herr im Haus ist der Bader Matthes, 42 Jahr alt, Vater zweier Töchter (einer eigenen und einer angenommenen) und, da ohne Weib, auf Brautschau. Ein ganz junges Ding hat er sich ausgesucht, ein halbes Kind noch, das Röschen aus Nierstein – ›Brust und Hintern noch hart, unreife Pfirsiche eben.‹ Die Beiden schlafen zur Probe miteinander, finden Gefallen daran. Aber aus der Hochzeit will lange nichts werden. Die Verhandlungen über das Brautgeld ziehen sich hin, der Bader wird der Sache überdrüssig, doch nicht das Röschen ... Um Matthes den Bader und die Weiber in seinem Haus lassen die Autoren Hans Georg Thiemt und Hans Dieter Schreeb (viele Jahre gehörten sie zu den erfolgreichsten Autoren des deutschen Fernsehens) das Mittelalter entstehen – nicht so dunkel, wie es oft gezeichnet wird, sondern blutvoll, lebenslustig, menschlich.

“Der Bader von Mainz” auf der Suche nach dem kleinen Glück hier Artikel aus der Rhein Main Presse

Stimmen:

Welt am Sonntag: »Ein hervorragend recherchiertes, mit einer Fülle wenig bekannter Einzelheiten ausgeschmücktes und dazu mit geschickter Dramaturgie dargebotenes Epos des kleinen Mannes im Mittelalter.«

Lesermeinung bei amazon.de

R. Wasserman aus Birmingham, Mi / USA: »Faszinierender Einblick in das Mittelalter: Hervorragend recherchiert, einleuchtend und spannend geschildert. Der Leser wird im Detail in die Welt des Mittelalters versetzt und Sitten und Gebräuche werden ihm nahegebracht, die aus heutiger Sicht unglaublich erscheinen. Es fällt schwer, das Buch auch nur einen Moment niederzulegen. Wer sich für diese Epoche interessiert, hat definitiv das Buch gefunden.«

R. Soth, Hamburg: »Einfach SUPER. Für mich eine einmalige und nicht zu übertreffende Beschreibung des Mittelalters. Man spürt (und riecht) förmlich das Geschehen zu dieser Zeit.«.

Thorsten Muesfeldt, 55 234 Biebelnheim: »Die meisten historischen Romane spielen irgendwo an Königshöfen, Fürsten- häusern u.ä. Hier wird Geschichte aber dort lebendig, wo das pralle Leben spielt: In den Mainzer Gassen des 14. .Jahr- hunderts, wo eben noch die Pest wütete, wird gelebt, gesoffen, gebetet, geliebt, gekämpft und eben auch gebadet.
Da das Buch in der Gegenwartsform geschrieben ist und die Sprache eine klare, wenig geschraubte oder verschachtelte ist, sitzt der Leser bald im Geiste mit am Tisch des Baders Mattes Fuß und nimmt hautnah an seinem Alltag, seinen Freuden, Leiden, Lieben und Sorgen teil.
Für Alt- und Neumainzer eine Pflichtlektüre, für alle, die wissen wollen, wie Kirche und Obrigkeit den Alltag der ›kleinen Leute‹ im Mittelalter geprägt haben, und wie man trotzdem damals zu leben verstand, ein sehr empfehlenswertes Buch!«

23. August 2003

Leseprobe

»Die Rose fragt wie ein Kind, wenn der Herr Erzbischof so mächtig sei, wohne er wohl in einem großen Palast und wo der sei und ob man ihn besehen könne?

Der Prokurator lächelt gütig und erklärt ihr, Mensch und Amt seien zweierlei. Der Herr Erzbischof sei ein bescheidener Mann ohne große Ansprüche und halte sich die meiste Zeit in seiner Burg zu Eltville im Rheingau auf. Komme er in seine Stadt Mainz, nehme er in einem sehr schlichten Haus nicht weit vom Dom Quartier. Doch das sei selten genug und jedes Mal gingen einem Besuch lange Verhandlungen mit dem Rat voraus, in denen umständlich geregelt werde, wie viele Berittene der Herr Erzbischof mit in die Stadt bringen dürfe und wie viele Dienerschaft und am Ende sei es jedes Mal nur eine kleine Schar. Man könne natürlich die Bürger verstehen, nach den grausamen Wirren, die mit dieser Bischofswahl verbunden waren, wollten sie nicht wieder eine harte Faust spüren.

Sieben Jahre nach seiner Wahl habe der Herr Gerlach bekanntlich um den Besitz seines Bistums ringen müssen und was habe er nachher noch für ungeheure Abfindungen an den Falkensteiner abgeben müssen, der sich Vormund des vorherigen Erzbischofs genannt habe. Der habe selbst nach dem Spruch von Kaiser und Papst und nach dem Tod des Bischofs Heinrich keine Ruhe gegeben.

Ja, betrachte man wie er Fundamente und Stützpfeiler, erkenne man, es sei vieles in der Kirche und in der Welt nicht mehr in der richtigen Ordnung. Darum entziehe uns Gott seine Gnade! Darum müssten wir das Leid erdulden, das über uns gekommen sei.

Wie unersättlich und unerbittlich sei allein die Kurie in ihren Geldforderungen. »Nicht mehr ist vom Weiden der Schafe die Rede«, sagt er plötzlich bitter, »sondern nur von ihrer Wolle und ihrem Scheren!«

Ausführlich und mit viel Latein getränkt schildert er der Rose, wie ungerecht es oft vor Gericht zugehe.

Der Matthes wird nur pro forma einbezogen und der wird darüber unlustig. Was versteht ein Ding wie die Rose von den Sachen, die der Richter erzählt? Was bläht er sich auf und spielt den Pfau? Soll er sich selbst ein Liebchen suchen! Für neunzig Pfund Heller wird er auch eins finden!

Der Prokurator, der nicht wissen kann, wie er mit seiner Belehrung den Matthes stört (und die Rose langweilt) erklärt weitschweifig, man unterscheide Recht und Ehre und wer den höheren Rang habe, brauche kein Recht zu haben; er nehme es sich einfach. Wie oft erlebe er es in seiner Tätigkeit, dass es Adelige für erlaubt hielten, selbst die beträchtlichsten Güter an sich zu ziehen, einfach weil sie danach trachteten. Er erlebe es, dass sie frank und frei gestünden, keinerlei Rechtstitel auf bestimmten Besitz zu haben und ihn den­noch für sich verlangten. Mit dem schimpflichen Mittel der Fehde wollten sie angeblich ihre Ehre sichern und brächten doch nur Ländereien oder Dörfer an sich. Gegen jedes Gefühl von Gerechtigkeit behielten sie sogar noch nach verlorenen Prozessen, was sie geraubt hätten.

Zufällig wirft er einen Blick auf den Matthes, und dabei scheint er sich zu erinnern, dass er selbst den Bader nicht wenig bluten lässt. Er wechselt jedenfalls das Gespräch und beginnt zu scherzen. Glücklicherweise habe die Rechtspflege auch ihre heiteren Seiten und man müsse auch über solche Probleme brüten wie: Ob ein vom Tode Auferstandener sein erstes Testament breche? Oder ob ein Geköpfter, lebe er zufällig wieder auf, ein zweites Mal geköpft werden müsse und woher den Kopf nehmen? Oder könne es einen Knecht ohne Herrn geben? Sei matrimonium mentale, eine Ehe ausschließlich im Sinn, rechtens? Habe das Pferd eines Studenten die gleichen Rechte wie der Student?

Da komme er darauf, letztens sei ihm allen Ernstes die Frage vorgelegt worden: Wie könne der Tod eines Pferdes bewiesen werden, da man doch keine Auszüge aus den Kirchenbüchern dazu bekommen könne?

Der Matthes sagt, wenn er das höre, müsse der Herr Melchior ja weise sein wie Salomon!

Der Richter antwortet etwas verdutzt und auch lahm, ja, es seien schon recht schwierige Fragen, die zu entscheiden seien.«