Denk jetzt nicht du kannst schon alles

5. Februar 2002
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Autobiografie.
Marie-Luise Marjan mit Hans Dieter Schreeb
ErM.L.Marjanschienen im August 2000 bei vgs, Köln

Leserurteil bei amazon.de

»Ich war erst ein wenig skeptisch, als ich dieses Buch in die Hand nahm, aber dann hatte ich ein richtiges Schlüsselerlebnis. Ich kannte Mutter Beimer ja schließlich nur aus der ›Lindenstraße‹. Beim Lesen habe ich gemerkt, dass Frau Marjan mit den größten Intendanten und Regisseuren des deutschen Theaters gearbeitet hat, und ich war wirklich beeindruckt. Ein wirklich überraschendes und schönes Buch!«

Leseprobe:

»Um Schwester Malwine war meistens ein Hauch von Desinfektionsmitteln. Zuerst dachte ich, das hinge mit dem gechlorten Wasser im Schwimmbad zusammen. Dann fiel mir jedoch auf, dass unsere gemeinsame Toilette immer blitzblank war. Und als sie mich zum ersten Mal zum Tee auf ihr Zimmer einlud, entschlüsselten sich alle Geheimnisse. Sie öffnete ihren Putzschrank und ließ mich einen Blick auf ihre Vorräte tun. Da standen alle nur denkbaren Reinigungs- und Desinfektionsmittel, aufgereiht wie in einer Drogerie. Es fehlte nichts - Fleckwasser und Soda, Ata, Leinöl, Salmiakgeist, Waschbenzin, Weingeist, Scheuerpulver für Kupfer- und Messingsachen, Lotionen für Silber- und Goldwaren, Unkraut- und Ungezieferbekämpfungsmittel. Sogar Salzsäure war vorhanden. Mit einem Wort, sie ließ mich einen Blick ins Paradies eines Putzteufels tun. Sie bemerkte mein ungläubiges Staunen und belehrte mich: »Äußere und innere Sauberkeit gehören zusammen, Fräulein Marie-Luise! Eins ist nicht ohne das andere zu haben!«

Nachdem ich endlich stolze Besitzerin eines Klappsofas geworden war, kam Schwester Malwine gelegentlich auch zu mir. Sie wusste fesselnd von West- und Ostpreußen zu erzählen, von ihrer Kindheit, von Polen und Russen, von Pferden und der Pferdezucht, auch von ihrer Flucht im Pferdewagen. Den Pferdewagen hatte sie natürlich selbst gelenkt. Sie hatte schreckliche Dinge erlebt, sprach darüber aber mit der Sachlichkeit eines Arztes nach der Operation. Es war schier unerträglich, was man den Flüchtlingen angetan hatte, und ebenso unerträglich war, was sie sich in ihrer Verzweiflung gegenseitig angetan hatten.

Von den vielen schrecklichen Geschichten ist mir eine in besonderer Erinnerung geblieben. Während der Flucht mit dem besagten Pferdewagen hatte man Schwester Malwine die pelzgefütterten Handschuhe gestohlen. Bei der Eiseskälte, die im Januar und Februar 1945 herrschte, wäre daran beinahe ihre ganze Flucht gescheitert. Ihre Hände wären ihr fast erfroren und sie konnte sie nur retten, indem sie die Hände, ja, jeden Finger einzeln, mehrfach und immer wieder neu mit Binden umwickelte.

Wenn ich vom Theater berichtete, hörte sie interessiert zu, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie das wirklich beeindruckte. Vielleicht war ihr diese Welt zu fremd, vielleicht war ihr mein Eifer nicht geheuer . Einmal bot ich ihr an: »Sagen Sie es mir, wenn Sie etwas sehen wollen! Ich besorge Ihnen Freikarten!« Sie wehrte entsetzt ab: »Fräulein Marie-Luise, das geht doch nicht! Sie leben doch davon! Sie können doch keine Karte verschenken!«