Schulzeit

28. August 2019

Hans Dieter Schreeb wurde zweimal eingeschult. Erst 1944 in Thüringen, nach Kriegsende dann ein zweites Mal in der Wiesbadener Diesterwegschule. In einem Beitrag für den ›Wiesbadener Kurier‹ erinnert sich der Autor an seine Schulzeit mit wechselnden Lehrern und Klassenräumen:

Ich bin zweimal in die erste Klasse gegangen, zuerst 1944, mit Heil Hitler und entsprechenden Sprüchen zur Begrüßung. Uns wurde fest versprochen: Der Endsieg steht vor der Tür! Meine Mutter, meine Schwester und ich lebten damals in Thüringen. In Wiesbaden fielen Bomben; in Leinefelde hatten wir zu essen, weil mein Onkel Filialleiter einer Lebensmittelkette war.

Mit der Erziehung zu einem dem Führer treu ergebenen deutschen Jungen war Schluss, als die Amerikaner im Frühjahr 1945 in Thüringen einmarschierten. Und mit der sonstigen Erziehung auch. Über viele Monate gab’s in ganz Deutschland keinen Schulunterricht. Erst am 1. Oktober 1945 wurde der Unterricht wieder aufgenommen. Man hatte zwar keinen Lehrplan und keine Schulbücher, aber man wollte die Kinder von der Straße haben!

Das hieß für mich: alles nochmal auf Anfang, nochmal erste Klasse; diesmal im heimatlichen Wiesbaden – in der Diesterwegschule an der Waldstraße, einem einschüchternden Bau aus wilhelminischer Zeit. Im Winter froren einem die Finger ein; 1945 wurde nicht geheizt. In den Bänken waren Tintenfässer, allerdings ohne Tinte. Man konnte damit nur klappern, was hochverboten war. Die Schulbücher waren uralt und von früheren Nutzern bemalt und abgegriffen. Anfangs schrieben wir auf Schiefertafeln, dann mit Bleistift auf Papier. Meine Mutter bastelte meine Hefte; ich sehe noch, wie sie graue Seiten sehr groben Papiers mit starkem Garn zusammennäht.

An den oder die Lehrer habe ich keine Erinnerung. Wahrscheinlich waren es alte Männer, oberflächlich entnazifiziert. Weil jüngere Lehrer fehlten – sie waren im Krieg geblieben oder saßen in Gefangenschaft −, wurden unbelastete Pensionäre zurückgeholt und Schulhelfer eingestellt. Das konnten Studenten sein, aber auch Leute, die nicht in ihrem Beruf unterkommen konnten. Schließlich war das gesamte Wirtschaftsleben zusammengebrochen. Mancherorts wurden Hausfrauen in Schnellkursen zu Lehrkräften ausgebildet. Man kann sich vorstellen, wie sie von den älteren Kollegen angesehen und behandelt wurden.

Eines Morgens ging ich in die Schule, und als ich zurückkam, war unser Haus beschlagnahmt worden. Alles, was wir wegschaffen konnten, haben wir im Laufe dieses Tages mit einem Leiterwagen weggebracht. Wir kamen bei Bekannten in der Moritzstraße unter, und damit wurde ich von einem Tag zum nächsten Schüler der Wolfram-von Eschenbach-Schule.

Das bedeutete aber nicht, dass ich ab jetzt stets im gleichen Raum von den gleichen Lehrern unterrichtet wurde. Es kam vor, dass man morgens pünktlich im Schulhof stand, dann hieß es: »Kommt heute Nachmittag um zwei wieder! Im Augenblick haben wir keinen Raum für Euch!« Es konnte auch sein, dass man in eine andere Schule geschickt wurde. Auf diese Weise lernte ich Klassenzimmer im Gutenberggymnasium und Räume der Oranienschule kennen. Mit den Lehrern war es nicht anders; es wurde viel experimentiert und improvisiert. Über Jahre wusste man nicht, wer heute vor einem stehen würde.

Meine Gymnasialzeit begann in Montabaur. Da war ich Schüler des staatlichen Mons-Tabor-Gymnasiums. Gelebt und gebetet habe ich im Bischöflichen Konvikt, einige hundert Meter davon entfernt. Es war dafür gedacht, der katholischen Kirche Priester zu bescheren. Entsprechend wurde das Konvikt von geistlichen Herren geleitet; Regens und Subregens genannt. Ältere Nonnen kochten das Essen und huschten ansonsten hinter Milchglasscheiben.

Ich war hier, weil meine Großmutter, die eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt hat, wollte, dass ich Bischof von Limburg werde. Deswegen war ich in Montabaur über Jahre Messdiener, eifriger Leser und ein miserabler Fußballspieler. Die Geistlichen waren nicht besonders eindrucksvoll; zu ihrer Ehre muss man jedoch sagen, dass es meines Wissens nach im Bischöflichen Konvikt nie die Vorfälle gab, die die Katholische Kirche gegenwärtig andernorts aufarbeiten muss. Im Gegenteil. In Montabaur habe ich zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben gegen das Laster demonstriert. Und zwar haben wir Konviktler uns mit Schildern und Trillerpfeifen gegen die Aufführung des Skandalfilms ›Die Sünderin‹ im örtlichen Kino gewehrt – Hildegard Knef spielte eine Hure und war einige Sekunden lang nackt zu sehen!

Als die Amerikaner unser Haus wieder räumten, war Schluss mit mehrmals täglich Beten, mit den, von einem undurchschaubaren Jesuiten geleiteten, einwöchigen Exerzitien, auch mit den ›Heimfahrsonntagen‹. Sie waren das Schönste an der Internatszeit – erst mit einen Bummelzug nach Limburg, dann umsteigen in die romantische Aartalbahn, Endstation war für mich der Bahnhof Landesdenkmal an der Biebricher Allee, nahe Henkell und Henkell-Park. Jeder Waggon der Aartalbahn hatte am Ende einen offenen Perron, auf denen man während der Fahrt stehen durfte. Sollte es so etwas wieder geben, wäre ich auch für die City-Bahn.

Weil Montabaur zur Französischen Zone gehörte, war in den Nachkriegsjahren das Schulsystem dort dem französischen nachgebildet worden. Erste Fremdsprache war Französisch; benotet wurde mit einem Punktesystem, das von zwanzig bis Null reichte. Das Englische wurde nicht geschätzt und nur nebenbei gelehrt. In Wiesbaden, fest in der Hand der Amerikaner, war es andersherum. Da ich mit den Fremdsprachen eh meine Schwierigkeiten hatte, ging ich nach dem Ende der Konviktszeit in Mainz zur Schule – ins Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss, vorher Hermann-Göring-Oberschule für Jungen.

Von all den vielen Lehrern, mit denen ich es im Laufe der Jahre zu tun hatte, hat mich mein Mainzer Klassenlehrer Dr. Kraushaar am stärksten beeindruckt; vielleicht sogar geprägt. Ihm hatte man im KZ den Rücken zerschlagen; er konnte nur gebückt gehen und stehen. Er hatte wahrhaftig keinen Grund, die Nationalsozialisten zu schonen und tat es auch nicht. Aber er sprach in einer Weise über sie, dass man auch als junger Mensch begriff: Das Leben ist ein immerwährendes Drama. Man kann es nicht mit Klischees beschreiben und schon gar nicht verstehen, wenn man es doch tut.

Ihm bin ich bis heute dankbar; in seinem Sinne versuche ich zu schreiben.

 

Erschienen am Dienstag, 27. 08. 2019 im Wiesbadener Kurier