Phantasievoll bis ins Detail

1. Januar 2010

»Phantasievoll bis ins Detail«

So lobte DIE ZEIT

 

ARD, Sonntag, 21. September 1980: „Tote reisen nicht umsonst", von Hans Georg Thiemt und Hans Dieter Schreeb

Na bitte, es geht also doch: „Tatort", des deutschen Sonntagssehers liebstes Kind, braucht nicht, weil es die Schluderei der Stückeschreiber und die Publikumsverachtung der Fernsehfunktionäre so will, an Qualitätsschwund zu sterben. Ein einziges intelligentes Drehbuch und der rapide Verfall verliert den Charakter von Gesetzmäßigkeit.

Jawohl, so soll es sein — so wie das Team Schreeb, Thiemt und Sydow (die ersten beiden verantwortlich für den Text, der letzte für die Regie) einen Plot mit Konsequenz und Einfallsreichtum, Witz und Ironie (es gab eine Fülle von schön photographierten Krimi-Standards: aber zitathaft und in Anführungszeichen!), mit Sinn für atmosphärische Details und phantasievollem Weiterdenken vorgegebener Situationen durchexerzierte.

Die Konstruktion verschiedener Wissens-, Vermutungs-, Täuschungsebenen: selten war sie so exakt wie in „Tote reisen nicht umsonst" überlegt. Im Unterschied zu alltäglicher Thrillerware, wo sich die Spannung entweder aus der Suche nach dem Unbekannten oder der Ergreifung des von vornherein bekannten Täters ergibt, lag der Reiz dieses außerordentlichen .Denkspiels aus Saarbrücken darin, daß der Betrachter am Bildschirm den Täter zwar von Anfang an kannte, sich aber über die Tat (scheinbar Raub, in Wahrheit Mord) im unklaren war. Daß er einen Plan und dessen potentielle Durchkreuzung verfolgte, ohne zu wissen – so wenig .wie die Akteure mit Ausnahme des Täters), auf welchem Verbrechensniveau hier gespielt wurde.

Als dies deutlich wurde und die Karten auf dem Tisch lagen, erhielten die vorgeführten Planelemente plötzlich eine neue Dimension, wurde die Komplizin zum Opfer, und die liebenswert mit Hilfe persiflierter „Tatort-Topen" geschilderte Polizei (alleweil auf der falschen Spur, die zur richtigen führte) übernahm die Rolle strafender Gerechtigkeit, ohne darum die burlesken Züge zu verlieren. Kleinbürgerlich und schmuddelig, wacker und stinknormal: Endlich einmal eine Polizei ohne den ach so genialen oder ach so humorig gefühlvoll sich tarnenden Meister vom Morddezernat, den nach Tarif und nicht nach Leistung bezahlten, Herrn mit dem klugen Kopf und dem prallen Charakter. Nicht so die Saarbrückener: Sie bieten einen Spießer auf (glänzend interpretiert von Manfred Heitmann) und mokieren sich im übrigen über das Don-Quijote-und-Sancho-Pansa-Schema der Tatörter nicht ohne Geist. (Während der Kommissar über ein Merci nicht hinauskommt, übt sich der Assistent in welscher Konversation.) ..

Nochmals, das war phantasievoll berechnet bis ins Detail: das Raffinement eines Mordplans, konterkariert durch Zufälle und Pannen, die — Nebenstraßen erweisen sich im nachhinein als Zielpfade! — von den Autoren präzise in den Plan eingearbeitet wurden.

Offen, was mögliche Reaktionen, Zweifel und Überlegungen der auftretenden Personen angeht, der blinden Verfolger und der blinden Helfer, aber geschlossen im Aufbau und im Einbezug jeden Details (nichts blieb ungeklärt, nicht einmal der Zufall): Ja, so lob ich mir meinen „Tatort" am Sonntag.

 

DIE ZEIT 26.09 1980, Nr. 40