Interview für die Pressemappe TELL - DAS MUSICAL

26. April 2012
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Herr Schreeb, Sie sind der Autor von TELL – DAS MUSICAL. Warum haben Sie diese Aufgabe angenommen?

Nun, jede Geschichte ist eine Herausforderung. Am Anfang steht immer die Frage: Kann man den Lesern, den Zuschauern etwas bieten, was sie bislang so noch nicht gelesen, gehört oder gesehen haben? Wenn man sich jedoch an einen Nationalhelden wie Tell wagt, wächst die Herausforderung im Quadrat. Ist nicht längst alles bedacht, gesagt, inszeniert, wissenschaftlich analysiert, verfilmt und veropert worden, was diese Figur angeht?

Man muss entweder tollkühn sein oder sich ein wenig Naivität bewahrt haben, um ohne Beklemmungen an die Arbeit zu gehen.

Bei mir war es das Gottvertrauen, dass ich nach so vielen Jahren des Schreibens, Geschichten- und Figurenerfindens – nach Hunderten Folgen von Fernseh-Serien, Fernsehspielen, Romanen, Hörspielen – auch mit diesem Stoff zurechtkomme.

Sie fragen, warum haben Sie diese Aufgabe angenommen? Die Antwort ist: Auch im Vertrauen darauf, dass ich ja nicht allein auf der Bühne stehe. Beim Entstehungsprozess sind – mindestens – ein Komponist und ein Songschreiber meine Partner, in diesem Fall Marc Schubring und Wolfgang Adenberg. Später werden erfahrene Sänger, Sängerinnen, Darsteller und Darstellerinnen, ein Regisseur, ein Dirigent, ein Bühnenbildner, Maskenbildner und so weiter die Last teilen. Warum dann die Aufgabe nicht annehmen, wenn sie angeboten wird?

Wenn erst mal die allererste Beklemmung gewichen ist, kommt Freude und Stolz auf. Man kann sich (in meinem Fall: wieder einmal) mit einer Figur auseinandersetzen, die sehr vielen Menschen auf der ganzen Welt etwas bedeutet. Das macht dann Freude und Stolz.  

 

Friedrich Schiller hat Deutschland nie verlassen und die Geschichte über unseren Schweizer Nationalhelden geschrieben. Haben Sie es ihm gleich getan und sind heute zum ersten Mal in der Schweiz?

Nein, weiß Gott nicht. Ich war in jungen Jahren – zwischen 1959 und 1963 – vier Jahre lang Programmredakteur des Südwestfunks in Baden-Baden. In dieser Zeit war ich, was ja auf der Hand liegt, öfter in der Schweiz – in Basel, in Zürich, in Lausanne und Genf.

Der Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz war damals, ich will nicht sagen wie der zwischen Tag und Nacht, aber immerhin beträchtlich. In Deutschland wurden zu der Zeit verbissen die Trümmer abgeräumt, die der Krieg hinterlassen hatte, und der ›Wiederaufbau‹ zelebriert. Und ich meine damit nicht nur Häuser und Straßen, das auch, sondern auch alles, was das kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben anging. Deutschlands war unter einer dünnen Schicht von Behaglichkeit (die berühmte Buttercremetorte war das Symbol dafür) in Unruhe; nichts stimmte wirklich. Die Schweiz dagegen – alles wirkte grundsolide, in sich ruhend, und die Schweizer Fahnen, die man überall sah, sozusagen in jedem Vorgarten, verbreiteten Folklore und sonst nichts.

Zu Beginn der Arbeiten waren wir – das kreative Team von Gallissas, das sich das Musical ›Tell‹ vorgenommen hatte – gemeinsam in der Schweiz. Wir haben uns dort umgesehen, wo man den Tell vermuten konnte – in den Kantonen der ›Waldstätte‹. Erst bei dieser Gelegenheit ging mir auf, wie selbstverständlich ein Land mit einer ›Leitfigur‹ wie eben dem Tell umgehen kann. Es hat mich ungeheuer beeindruckt, dass noch der Aufseher eines Auto-Parkplatzes vom ›Rütlirapport‹ des Generals Guisan wusste und davon sprechen konnte, als habe sich diese Episode vor einigen Wochen ereignet. Andererseits, diese Episode sagt ja tatsächlich sehr viel über die Schweiz aus

 

Wie meistern Sie die Nachfolge Schillers?

Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Jeder Autor, der nach Schiller den Stoff aufgegriffen hat, war schon Schillers Nachfolger. In gewisser Weise bringt man den Dichter Schiller und seine Figur innerlich gar nicht mehr zusammen. Man hat das Empfinden, Schiller hat nur nacherzählt, was es an historischen Tatsachen und an populärer Erzählung gab. Ich weiß selbstverständlich, dass das falsch ist – ohne Schiller keinen Tell; ich weiß.

Aber sein Text, seine Figuren bedrücken und erdrücken nicht. Ich für meinen Teil habe sie jedenfalls so genommen, als hätte ich in der Zeitung von ihnen gelesen oder in irgendeiner Chronik. Beim allerersten Entwurf habe ich mich zum Beispiel nur auf das verlassen, was mir aus der Schulzeit noch in Erinnerung geblieben war – und die liegt in meinem Fall lang zurück.

Ich habe es ja schon gesagt, am besten, man geht mit etwas Naivität an die Sache. Die speziellen Schwierigkeiten stellen sich sowieso früh genug ein.

 

Worin liegen die Unterschiede zum Drama Friedrich Schillers und dem Textbuch des neuen Musicals? Haben Sie den Tell neu erschaffen? Warum handelt es sich um eine Weltpremiere?

In der ersten Schweizer Chronik, in der vom Tell und vom Rütlischwur die Rede ist, heißt es der Schwur sei am ›Mittwoch vor Martini‹ 1307 abgelegt worden, also am 7. November 1307.

Das ist nun eine Zeit, in der ich mich zu Hause fühle. Mein sehr erfolgreicher Roman ›Der Bader von Mainz‹ spielt im Jahre 1358 und erzählt nur von Vorgängen, die die Menschen, die zu dieser Zeit am Rhein lebten, wissen konnten; von denen sie schon einmal etwas gehört haben konnten.

Insofern waren mir Städtebünde, die Aufregungen der Zeit, die Gier des Adels, die gewagten Fahrten der Händler und der Hunger der Landsknechte durchaus vertraut.

Das Musical ›Tell‹ sollte kein Historienschinken werden und ist es auch nicht geworden. Aber ein wenig vom Zeitgeist von 1300 und 1310 und 1320 ist schon drin.

Nein, Tell wurde nicht neu erschaffen, nur mit anderen Dialogen ausgestattet, vor allem mit viel weniger Dialogen. Tell ist im Musical der einsame Held, wie er im Buch steht und wie ihn uns Schiller ja schon vorgestellt hat. Neu gezeichnet ist vor allem die Figur Gessler – was diesen bewegt und warum er scheitert, wird hat mich zumindest ebenso stark interessiert wie etwa das Schicksal des Habsburger Königs Albrecht I. Dabei wird er vom eigenen Neffen ermordet! Selbst in den wirren Zeiten um 1300 war das die ganz große Ausnahme; der König war heilig. Dass dieses Drama im Drama nicht vergessen wird und mit Tells Schuss in der ›Hohlen Gasse‹ in Beziehung gesetzt wird, ist eine der Antworten auf die Fragen, die ich am Anfang erwähnt habe: Was kann man den Zuschauern zeigen, was sie so noch nicht gesehen haben?

 

(Die Fragen stellte die Tell-Produktion TSW Musical AG, Walenstadt)